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Der Israelit · 1892-05-16 · Heft 39 (16.5.1892) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 39 (16.5.1892)
Date
1892-05-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Feuilleton. Per Günstling des Kzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. phil. (41. Fortsetzung.) An dem zweiten Tage, der der Entdeckung der nihilistischen Verschwörung folgte, saß Iwan an dem lodernden Feuer des englischen Kamines, der sich in dem prächtigen Schlafzimmer seiner Petersburger Wohnung befand; der junge Mann sah sehr glücklich aus, er war vollständig zufrieden mit sich; dennoch aber hätte ihm ein feiner Beobachter die Anstrengungen und Aufregungen der jüngsten Tage anmerken können. Am liebsten wäre er jetzt sofort in die Provinzialhauptstadt, wo er feine Rosa wußte, zurückgekehrt, indesseu hatte der Minister des Innern von ihm verlangt, er solle noch in Petersburg bleiben, da er wegen der von ihm entdeckten Verschwörung noch mehrfach vernommen werden müsse; auch hatte der Kaiser ihm den Wunsch mittheilen lassen, er möge sich nicht aus Petersburg entfernen, bis die Sache vollständig aufgeklärt und in Ordnung befunden worden wäre. Neben der hohen Freude über seine Erfolge, regte sich in Iwan Etwas, was ihm unangenehm war und was er nur mit der vollen Kraft seiner Phantasie hinwegzudrängen vermochte. Er hatte seinen Herrn und Kaiser, der ihm stets nur Gutes erwiesen, betrogen, das war der erste dieser unangenehmen Gedanken. Wenn man nun die Sache entdecken, wenn man seinen Machinationen auf die Spur kommen würde? Doch das war ja ausgeschlossen, sein Plan war zu schlau angelegt. Die Leute, die man als nihilistische Verschwörer verhaftet, konnten aussagen, was sie wollten; derjenige, auf dem ein solcher Verdacht ruhte, hatte allen Glauben bei den russischen Behörden verloren. Diejenigen, die die Patronen und den Plan des Winterpalastes auf seine Bestechungen hin gestohlen, mußten unbedingt schweigen, da sie sich ja selbst durch ein solches Geständniß unglücklich machen würden. Zu fürchten war hier Nichts, jedenfalls aber war es gut, noch einige Zeit in Petersburg zu verweilen, um die Untersuchung zu überwachen und etwaige ungewünschte Entdeckungen im Keime zu ersticken. Furcht war es nicht, die ihn beunruhigte. Daß er den Kaiser betrogen hatte, das war ihm unangenehm zu denken und über diesen Punkt mußte er sich einen Trost philosophiren. „Rußland ist einem großen Scheiterhaufen vergleichbar," sprach er zu sich selbst, „auf dem der Teufel des Egoismus an jedem Tage von Neuem 730_ die Menschlichkeit verbrennt. Es ist eine Hölle, in der die heißen Flammen der Leidenschaften so hoch lodern dürfen, daß alle edlen und reinen Gefühle in ihr verglimmen. Doch dieses Höllenfeuer wird von der Regierung erhalten und ist nothwendig, damit der Despotismus seine erstarrende Seele wärme. „Warum soll ich besser sein, als der Kaiser selbst? Warum besser als seine ganze Umgebung? Der Kaiser übervortheilt Rußland, seine Beamten übervortheilen den Kaiser, ich übervortheile sie Alle. Schlecht sind wir Alle miteinander auf gleiche Weise, es fragt sich nur, wer der Klügste ist. Wer einen Dieb bestiehlt, thut ihm kein Unrecht — nein, er nimmt ihm ein Unrecht." Iwan lächeltebei diesem Gedanken. „Man muß immer stilvoll sein," fuhr er in seiner Ueberlegung fort, „man muß mit den Wölfen heulen, wenn uns die Wölfe nicht fressen sollen. Im Lande des geheiligten Egoismus darf kein anderes Gefühl in uns aufkommen, als eben dieser Egoismus." So beruhigte sich Iwan über die Thatsache, daß er den Ezaren betrogen hatte. Darüber aber, daß er so viele Menschen unglücklich gemacht, darüber daß nun eine Reihe von Männern und Jünglingen unschuldigerweise in finsteren, scheußlichen Erdlöchern schmachten mußten, Menschen, deren Leben er entehrt, deren Dasein er zerstört, die einer fürchterlichen, grauenvollen Zukunft, vielleicht ewiger Verbannung nach Sibirien, vielleicht sogar dem Tode durch Henkershand entgegengingen, darüber ließ Iwan keinerlei Gedanken in sich aufkommen. Und wenn ja einmal sein Geist diese Richtung gehen wollte, so lenkte ihn Iwan gewaltsam ab, indem er seine rege Phantasie schnell aus die eigene, glänzende Zukunft hinwies, ein Objekt, bei dem sie stets gerne und lange verweilen mochte. Gewaltsam drängte er jede Gewissensregung zurück und ließ seiner Seele niemals Zeit, an dieser unangenehmen und peinvolleu Stelle zu verweilen. „Was würde aus dem Jäger werden," sagte er sich, „wenn er über das Unrecht uachgrübeln wollte, das er den unschuldigen Thieren, die er verletzt und tödtet, zufügt? Man lebt, man jagt, man freut sich seines Daseins, man darf Alles thun, nur denken, grübeln darf man nicht." Hiermit hatte Iwan seine Reflexionen beendet und, wie er meinte, für immer abgethan. Er ließ sich von dem Diener ein Glas Jablis bringen und leerte es auf einen Zug. Er schaute nach der Uhr. Der Tag war schon vorgeschritten und die Sonne nicht mehr weit von ihrem Untergänge entfernt. Es war Zeit, die Hauptmahlzeit einzunehmen. Iwan überlegte soeben, ob er zum

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