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Der Israelit · 1892-05-16 · Heft 39 (16.5.1892) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 39 (16.5.1892)
Date
1892-05-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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781 Speisen in ein Hotel oder zu irgend einer befreundeten Familie gehen sollte. Er wählte das Erstcre. „Soll ich in das Restaurant von Borell, soll ich zu Dusseau oder zu Privato gehen?" fragte er sich. „Ich habe eigentlich gar keinen Appetit." Er schellte. „Noch ein Glas Jablis! Und Champagner mit weißem Siegel möge auch kommen", befahl er dem Diener. Er wußte nicht recht, warum er so große Lust verspürte, zu trinken, während er doch sonst nach dieser Richtung hin mäßig war. Wollte er den Gewissenswurm einschläfern oder war sein Gehirn erschöpft durch die früheren Aufregungen und suchte so nach Stärkung? Er konnte sich hierüber keinen Aufschluß geben, er fühlte nur das unabweisbare Bedürsniß, zu trinken. Schnell leerte er das Liqueurglas. „Die Bekannten, die ich in den Restaurants treffe, sind alle so fad", überlegte er weiter. „Sie schmeicheln mir und ich verachte sie. Ich finde nicht leicht einen so interessanten Menschen, wie ich selbst bin. Sie alle können meinem Geiste nicht viel Nahrung gewähren." Er stürzte das dritte Glas Jablis hinunter. „Ah," sagte er, „beim heiligen Spiridon, der Spiritus reizt den Magen an, dann kann man wieder essen." Der Diener öffnete den Weißsiegel, ohne den Stopfen springen zu lassen und goß Champagner in das Glas. Ein zweiter Diener erschien und überreichte ans dem Teller seinem Herrn einen umfangreichen Brief, der soeben für ihn eingelaufen war. Hastig zerriß Iwan mit dem Zeigefinger das Couvert. Es enthielt den Bericht Kolascheff's über die beabsichtigte Flucht Afka's und Rosa's. Iwan schäumte vor Wuth und Begehrlichkeit. „Ich will!!" schrie er. „Wenn ein einziger Mann weiß, was er will, so vergessen alle anderen Leute, was sie wollten. Wie steht's? Meine Sachen liegen günstig. Der Czar, die öffentliche Meinung, ganz Petersburg liegt in meiner Macht. Ich sollte hier bleiben, sollte meine Sache fördern. Doch die von mir gestreute Saat geht auf an der Sonne, auch ohne daß ich die Dienste des Ackerknechtes verrichte. Gegen mich sind sie Alle machtlos, wie feindlich sie mir auch sind. Hineilen oder Hierbleiben? Ein weit größerer Triumph, wenn ich siege, auch ohne daß ich persönlich beim Kampfe bin. Und siegen werde ich zweifelsohne." Er knitterte den Briefumschlag in seinen Händen und griff auf einen härteren Gegenstand. Schnell schaute er näher zu. Es war Rosa's Bild. „Rosa!" schrie er auf. „Rosa? Du mir entfliehen, ich Dich niemals Wiedersehen?" Er faßte sich mit beiden Händen vor die Stirne, er zitterte am ganzen Körper. Brief und Bild fielen zu Boden. Rasch eilte er an seinen Schreibtisch. Mit bebender Hand warf er einige Zeilen an den Minister des Innern auf das Papier: „Ich erhalte soeben Nachricht, daß die in der Provinzialftadt zurückgebliebenen Nihilisten trotz der Verhaftung Gutesow's ihr Vorhaben nicht aufgeben, vielmehr einen Hauptschlag beabsichtigen. Nur meine persönliche Gegenwart kann großes Unheil vereiteln. Ich reise mit dem Frühzuge und kehre bald zurück. Ich bitte hiervon Seiner Majestät Mittheilung zu machen. Iwan Alexandrowitsch." Er schellte. „Rasch, nimm'! Zum Minister des Innern! Bringe es selbst." Der Diener stürzte davon. Iwan suchte auf dem Schreibtisch umher. „Wo ist das Bild? Mein Gott, wo ist das Bild?" Er erblickte es am Boden und kauerte sich neben demselben nieder. „Du!" rief er. „Ja, Du, mit dem schönen, unschuldvollen Gesicht. Ich liebe Dich. Ich hasse Dich. Weiß der Teufel! Blick mich nicht so an, so unsagbar — so verführerisch. Himmel und Hölle! Ich bin ein Narr, ein größerer Narr hat nie gelebt. — Ich habe noch nie Jemanden geliebt, meine Mutter, meine arme Mutter, ausgenommen. Bist Du meine Mutter?! Du elendes Weib, warum liebe ich Dich, der ich doch sonst nicht zu lieben pflege?" Iwan krümmte sich konvulsivisch am Boden. „Meine Mutter und Du, was habt Ihr gemeinsam? Jene verehrte ich, Dich aber, Dich — ich möchte Dich zerreißen mit meinen Händen, ich möchte Dich erwürgen, ich möchte Dich verzehren, Dich vertilgen, Dich hinunterwürgen, Dich essen, Dich verzehren — o, Gott, ich habe Dich so unendlich lieb - so lieb! O, Ro—sa!" Gurgelnd kamen die Laute von seinen Lippen, seine Nägel krallte er in das Papier des Bildes, Risse und Löcher hineinbohrend. Wie ein Raubthier auf seiner Beute kauert, beugte er sich über das Bild, seine Augen glühten in wildem, unheimlichem Feuer. Er legte den Kopf auf das Bild und drückte einen heißen Kuß auf dasselbe, er hob das Bild mit den Händen, er bohrte seine Zähne hinein, er riß mit den Fäusten daran und schob es zwischen seine Kiefern, in denen er es mit mächtiger, sinn-

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