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Der Israelit · 1892-05-16 · Heft 39 (16.5.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 39 (16.5.1892)
Date
1892-05-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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727 theilung des ganzen Ansiedelungsproblems wichtige Schilderung: Die russischen Juden haben sich, trotz außergewöhnlicher Anfangsschwierigkelten durch vorzeitige Hinübersendung der Leute nach Argentinien, im großen Ganzen sehr gut bewährt. Sie sind mäßig, arbeitsam und lernwillig. Die Handwerker unter ihnen sind geschickt und fleißig: die von mir in der ersten Colonie „Mauricio" für die Bedürfnisse der Colonie eingerichteten Werkstätten (Schmiede, Schlosserei, Bäckerei, Schusterei, Bautischlers, Klempnerei) haben ganz hervorragend gute Resultate ergeben. So wurden z. B. von Mitte September bis Dezember 1891 in der primitiv mit einem einzigen Feuer eingerichteten Feldschmiede sämmtliche Werkzeuge für die andern Werkstätten und alle Reservetheile und Reparaturen für zahlreiche landwirthschaftliche Maschinen angefertigt, — im Ganzen 817 Stück. Die kurz vor meiner Abgabe der Geschäfte eingerichtete Klempnerei lieferte die Koch- und anderen Blechgeschirre zu etwa einem Drittel des in Buenos- Aires dafür bezahlten Preises, bei tadelloser Ausführung der Arbeiten. Aber auch in die ihnen fremde Landarbeit haben sich die russischen Juden gern und schnell eingelebt. In Mauricio selbst waren 30 Mann bei den Vermessungsarbeiten, 20 beim Vieh und 100 bei der Erntearbeit der von früheren Colonisten angebauten etwa 1600 Hectar Weizen angestellt; ebenso arbeiteten während der Weizenernte im Dezember 80 bis 100 Mann als Tagelöhner auf den benachbarten Gütern. Sie haben sich an allen diesen Orten ganz vorzüglich bewährt, nach kürzester Lernzeit; so zwar, daß Dr. Aguilar, Arzt am Hospital San Rogue in Bucnos-Aires und Besitzer des Gutes Setttmo neben Mauricio, welcher während der Ernte etwa 20 Mann auf seinem Gute beschäftigt hatte, aus eigenem Antriebe einen Bericht über die vortreffliche Führung und hervorragende Arbeitsleistung der russischen Juden in der „Racion" veröffentlichte. So war es den russischen Juden in Mauricio innerhalb dreier Monate gelungen, durch die That die landläufige — natürlich auch in Argentinien Anfangs laut gewordene — Behauptung: „Russische Juden können nur schachern, aber nicht arbeiten", glänzend zu widerlegen. Auch die beliebte Annahme von der körperlichen Unfähigkeit der russischen Juden zu schwerer Arbeit, hat sich als vollständig unbegründet erwiesen. Sie handhabten in Mauricio den Schmiedehammer mit mindestens derselben Wucht und Gelenkigkeit, sie bewiesen bei der sehr ermüdenden Arbeit au den Mäh- und Dreschmaschinen in südamerikantscher Sommerhitze mindestens die gleiche Ausdauer, wie Arbeiter irgend einer anderen Nationalität. Ich bin sogar auf Grund meiner ärztlichen Beobachtungen davon überzeugt, daß sie im großen Ganzen befähigter zu andauernder Arbeit sind, weil bei ihnen die zwei großen Feinde des Arbeiters: der Alkoholismus und die Syphilis, die Eltern nicht geschwächt und die Kinder nicht degenerirt haben. Der chronische Alkoholismus ist unter den russischen Juden äußerst selten (obgleich sie „ein Gläschen Schnaps" durchaus nicht verachten und sich bei Hochzeiten u. dgl. gern betrinken), die Syphilis überhaupt nicht vorhanden; in Folge dessen habe ich unter ihnen nur etwa l°/0 Arbeitsunfähige durch constitutionelle Schwäche (ntctft Skrophulose) constatiren können. Dagegen habe ich 1889, bei meinen Untersuchungen argentinischer Colonieen im Aufträge der argentinischen Regierung, unter den Colonisten und Einwanderern aller Nationalitäten bis 8 und lO°/o, selbst 14 °/0 Ansschuß durch Trunksucht, Syphilis und Skrophulose gefunden. Diese Zahlen und ihre wissenschaftlich zureichende Begründung sprechen überzeugender für den mindestens ebenso hohen und höchstwahrscheinlich höheren Werth der russischen Juden als Colonisten, namentlich im Hinblick auf die jüngere, in der befreienden und kräftigenden Landarbeit aufwachsende Generation, als alle das Gegentheil behauptende Phrasen Derjenigen, welche in ihrem ganzen Leben weder jüdische noch andere Colonisten gesehen haben. Freilich muß man, um günstige Resultate zu erzielen, auch russische Juden als Menschen und gerecht, ihrer Eigenart entsprechend, behandeln, diese ihre Eigenart also kennen, ihre Sprache sprechen, ihre Gefühle und ihre Lage würdigen. Ebenso darf man nicht erwarten, daß Hausirer und sonstige, der Handarbeit ungewohnte Städter von heute auf morgen und ohne jede Lernzeit gute Ackerbauer werden. Beides aber gilt für Colonisten aller andern Nationalitäten in genau derselben Weise. So hat also jedenfalls dieser erste Versuch in Argentinien zu dem ebenso wichtigen wie erfreulichen Ergebnisse geführt, daß die Befähigung russischer Juden zu Colonisten nicht!mehr ernstlich in Zweifel gezogen werden kann, — gute Leitung uud richtige Behandlung der Sache natürlich vorausgesetzt. Berlin, 9. Mai. Dem allgemeinen Drängen folgend hat die Regierung, wahrscheinlich die Militärverwaltung, sich heute endlich im nichtamtlichen Theile des „Reichsanzeigers" über die Ahlwardt-' schen Behauptungen betreffs des neuen Gewehres geäußert. Die Erklärung ist rein sachlich gehalten; sie würde wahrscheinlich etwas wirksamer sein, wenn mit etwas schärferen Worten die unwahren Behauptungen zurückgewiesen würden. Doch ist aus dem Schluß zu entnehmen, daß ein Vorgehen der

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