Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1892)
- Date
- 1892-05-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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706 sich die anderen Botschafter dem Schritte angeschlossen, die Verordnung mußte zurückgenommen werden. Diese Vorgänge sind allgemein bekannt und haben namentlich in der christlichen Bevölkerung Englands viel Aufsehen erregt. Die „Daily News“ brachte einen Artikel voller Anerkennung für den amerikanischen Gesandten, aber mit schweren Vorwürfen gegen die eigene Regierung, welche die christlichen Interessen in der Türkei vernachlässigt. Am 4. März interpellirte das englische Parlamentsmitglied Sir Leveson-Gower die Regierung über diese Vorgänge und der Unterstaatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten Mr. Lowther erklärte unter Anderem, „daß Weisungen an die englische Botschaft in Konstantinopel ergangen seien, mit dem amerikanischen Gesandten vereint in dieser Frage vorzugehen."_ Vermischtes. Berlin, 4. Mai. Gestern Abend veranstaltete der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" im großen Saale des Architektenhauses seine letzte Mitgliederversammlung in dieser Saison. Schon lange vor der festgesetzten Stunde war der geräumige Saal bis aus den letzten Platz gefüllt, so daß gegen 8 Uhr die Thüren geschlossen werden mußten. Der Grund für diesen ungewöhnlichen Andrang ist sowohl in der Person der Vortragenden, wie in dem von ihr gewählten Thema zu suchen. Frau Nahida Remy, die Verfasserin des Buches „Das jüdische Weib", hielt den zweiten Theil ihres mit so großem Beifall ausgenommenen Vortrages: „Das Gebeten Bibel und Talmud", wobei sie sich ihrer Aufgabe mit einem Geschick und einer Sachkenntniß erledigte, welche bei einer Nichtjüdin Staunen erregen mußten. Mit rauschendem Beifall empfangen, schilderte die Rednerin das Wesen des Talmuds und den Charakter seiner Begründer, wobei sie von der Gelehrsamkeit, Bescheidenheit, Schlichtheit nnd Geistesgröße der Tanaiten ein meisterhaftes Gemälde entwarf. Das Charakteristische des Talmuds besteht nach Ansicht der Rednerin darin, daß das Wesen für ihn Hauptsache, die Form Nebensache war. „Die Beobachtung der bloßen Form", führte die Rednerin aus „führt zum Kleinlichen, dieses zur Gleichgültigkeit und zum Jndifferentismus, der Jndifferentismus aber ist der Boden, auf dem Verrath und Abfall gedeihen! . . ." Das Gebet soll nach dem Talmud einem innigen Herzensbedürfniß entspringen, und nicht der, welcher wenig betet, sondern der, der gedankenlos betet, sei ein Sünder. Nachdem die Rednerin eine Reihe von Tanaiten, ihre Ansichten, Thaten und Gebete aufgeführt, machte sie noch auf eine ganz besondere Eigenthümlichkeit der jüdischen Gebete aufmerksam, nämlich, daß in denselben verschwindend selten für die Bedürfnisse der einzelnen Individuen, sondern fast ausschließlich für die der Gesammtheit, für das Wohl der Gemeinde, der Gemeinschaft Israels gebetet wird. Nicht endenwollender Beifall lohnte der Rednerin für ihren fesselnden Vottrag. Nachdem dann noch der Vorsitzende des Vereins, Herr Dr. G. Karpeles mit schwungvollen Worten der Frau Remy den Dank ausgesprochen hatte, ging die zahlreiche Versammlung gegen IO1/. Uhr in gehobenster Stimmung auseinander. Die Zahl der Juden in Preußen hat sich nach den Ergebnissen der Volkszählungen seit 1871 in folgender Weise vermehrt: 1871 —325,601, 1880—363,790, 1885 — 360,575, 1890 — 372,058. Die Vermehrung beträgt also in den letzten 20 Jahren 46,457 Seelen oder 12'/r Prozent gegegenüber einer Gesammtvermehrung der Bevölkerung um -5,262,112 Seelen oder 17'/2 Prozent. In der israelitischen Volksküche in Berlin erhalten täglich 350 Arbeitslose, Männer und Frauen, umsonst ein Mitlagsesseu. Es werden indeß im Speiseraum selbst keine Marken vertheilt, vielmehr ist mit dem Curatorium des Asyls für Obdachlose ein Abkommen getroffen, wonach diejenigen Aermsten, die genöthigt sind, dort zu nächtigen, des Morgens vom Hausvater resp. Hausmutter eine Marke erhalten. Hierdurch, sowie durch die regelmäßige Gratis-Vertheiluug von Marken an zahlreiche nothleidende Familien ist die Frequenz in obiger Anstalt auf 1400 bis 1500 Mittags- Portionen gestiegen. Nach den definitiven Ergebnissen der Volkszählung vom 1. Dezember 1890 in Bayern beträgt die gesammte Bevölkerung 5,594,982 Seelen. Darunter befinden sich 53,885 Israeliten — 1 Prozent, wovon 12,294 Personen auf Mittelfranken treffen. Die drei größten jüdischen Gemeinden sind München, Nürnberg und Fürrh. München zählt 350,594 Einwohner, worunter 6109 Israeliten 12/s Prozent, Nürnberg 142,590 Einwohner worunter 4307 Israeliten — 3 Prozent und Fürth 43,206 Einwohner, worunter 3175 Israeliten 7'/2 Prozent. Krakau. Mehrere westgalizische jüdische Kaufleute wurden in Granica, trotzdem sie im Besitze legaler Reisepässe waren, von der russischen Grenzwache zurückgewiesen und wendeten sich an die Krakauer Handelskammer um Abhilfe gegenüber den Handelschädigender'. Paßchieanen. Feuilleton. Der Günstling des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. xllil. (40. Fortsetzung.) „Majestät!" entgegnete Iwan in bescheidenem Tone, „man ist verzweifelt wenig, wenn man nichts als ehrlich ist. Es galt hier das gefährdete Leben meines Czaren zu retten, und deßhalb mußte alles Andere zurückstehen. Ich liebe meinen Herrn und den göttlichen Glauben Rußlands," fuhr Iwan feurig fort, „nein, meinen Kaiser bete ich an, bin jeden Augenblick mit Freuden bereit, mein Leben für den kleinsten seiner Wünsche zu opfern, mein Dasein hat keinen anderen Zweck, als ihm mit meiner vollen Kraft, mit ganzer Seele zu dienen. Im Eifer dieser Leidenschaft, dieser Leidenschaft der