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Der Israelit · 1892-05-12 · Heft 38 (12.5.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 38 (12.5.1892)
Date
1892-05-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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707 Liebe, wäre ich im Stande, Alles zu thun, Alles, ob erlaubt oder verboten. Ich mußte auch das thun, was meiner geraden und offenen Naturanlage widerstrebte. Die kleine, menschliche Moral darf die große, politische nicht verderben, für die Flamme einer solch' hohen, schönen Begeisterung hören die Grenzen engherziger Gemüther auf. Die Begeisterung für eine falsch verstandene Freiheit hat die Nihilisten über alle Bedenklichkeiten hinweggesetzt und diese wenigen Leute zu einem Faktor erhoben, der das Leben unseres ganzen Staates bedroht. Die Begeisterung, das Leben unseres Herrn zu schützen und die bestehende Ordnung der Dinge zu wahren, kann allein ihrem verderblichen Treiben einen Damm entgegensetzen. Mit kalter B rnunft richtet man Nichts aus gegen die Kräfte des heißglühenden Gemüthes, nur Leidenschaften allein vermögen Leidenschaften zu beherrschen. Man kann nicht gegen die schlechten Menschen brav und ehrlich sein, wenn man den Guten nützen will." Das biederschauende Auge des Kaisers hatte durch die lange Rede Jwan's Nichts von seinem schwermüthigen Ausdruck verloren. „Und doch thut es mir leid, daß Du nicht mehr so ehrlich, offen und wahr sein kannst, wie früher", sprach der Czar. „Genug für heute, ich danke Dir, Du selbst magst Deinen Lohn für Dein gelungenes Werk bestimmen." Iwan erröthete und blickte mit kindlichem Ausdrucke zu dem Kaiser empor. „O, Majestät," sagte er, „wenn ich eine Bitte aussprechen darf, so ist es die, daß Eure Majestät ewig mein Schuldner bleiben mögen. Es ist ein erhebendes Gefühl, daß der mächtigste Mann der Welt der Schuldner seines bescheidenen, aber treuen Dieners ist. Wenn doch Eure Majestät mir mit deren Liebe lohnen möchten." Ein freundliches Lächeln ging über das ehrliche Gesicht des Kaisers, und er reichte Iwan herzlich die Hand zum Abschiede. Dem Schmeichler und Lügner war es gelungen, sich in der Gunst seines Herni, der in seiner einfachen Natur eine solche Schlechtigkeit und Bosheit kaum zu ahnen vermochte, wieder festzusetzen. Iwan ging in das Erdgeschoß des Winterpalastes, während der Kaiser in heftiger Erregung in seinem Arbeitszimmer zurückblieb. Eine Fluth von Gedanken drängte sich in dem Haupte des Monarchen. Wäre er wirklich ohne das Eingreifen der heiligen Schaar verloren gewesen? War es in der That mit seiner geheimen Polizei so schlecht bestellt, daß sie es nicht zu hindern vermocht hätte, wenn in diesem Augenblick der Winterpalast in die Luft geflogen, er selbst mit den Seinen zerfetzte Leichen gewesen wären? Vor dem Auge des Monarchen stieg das Bild seines unglücklichen Vaters auf, er sah desseu blutigen, gräßlich verstümmelten Körper vor sich liegen, wie an jenem Tag des jähen Unglücks. Sollte er sich nun dennoch dazu verstehen, den Willen der Empörer, der seiner festen Ueberzeugung nach nicht der Wille des Volkes war, zu erfüllen, sollte er seinem Lande die Freiheit, sollte er eine Konstitution geben? „Nein!" rief er, diese Gedanken gewaltsam zurückdrängend, „eine parlamentarische Verfassung ist eine Regierung der Lüge. Die fremden Monarchen haben ebenfalls ihren despotischen Willen, aber statt sie, wie ich, einfach befehlen, müssen sie die Durchsetzung desselben durch allerlei diplomatische Schliche und Lügen von der Volksvertretung erbetteln und erschmeicheln. Eine Republik kann ich verstehen, in der das Volk vollständig frei und uneingeschränkt ist, eine parlamentarische Regierung aber verachte ich. „Ich bin Czar und will es bleiben! So ist der Wille des Volkes, so ist der Wille Gottes. Ein kühner Mann, wer auf seinem Posten unwandelbar aushält." Der Monarch sprang empor und drückte an den Knopf einer Glocke, ein Diener kam, und eilte im nächsten Augenblick an das Telephon, um den Geheimrarh Bluwo, den Chef der politischen geheimen Polizei, zu seinem Kaiser zu befehlen; wenige Augenblicke später stand der pflichtgetreue Beamte vor seinem Herrn, von dem er sehr ungnädig empfangen und mit Vorwürfen überhäuft wurde. Schweigend ertrug der ernste Mann alle Anklagen, die der Kaiser ihm entgegenschleuderte. „Sprecht!" rief endlich der Czar unwillig, „was habt Ihr zu Eurer Vertheidigung anzusühren?" „Ich will Eurer Majestät nicht mit wohlbegründetem Verdachte und Vermuthungen kommen," entgegnete Jener, „nur so viel kann ich heute schon versichern, daß die Untersuchung jener angeblichen Verschwörung jedenfalls sehr eigenthümliche Dinge zu Tage fördern wird." „Keine Andeutungen!" befahl der Kaiser, „sprecht klar und deutlich Eure Meinung auS." „Es ist noch nicht die Zeit gekommen," wollte der Beamte ausweichend einwenden. „Redet ohne Rücksicht!" unterbrach ihn der Kaiser heftig, „es soll Euch im Voraus schon Alles vergeben sein, was Ihr vielleicht unkluger Weise Vorbringen könntet, um Eure Nachlässigkeit im Dienste Cures Kaisers zu entschuldigen. Wir haben vertrauensvoll den Schutz unseres Lebens, Gott zunächst, in Eure Hand gelegt; es scheint, wir haben uns in Euch getäuscht."

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