Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1892)
- Date
- 1892-05-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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694 In Hamburg feierte man am Freitag einen eigenartigen Gedenktag. Fünfzig Jahre waren da vergangen, seit dem Tage, da jenes Feuer ansbrach, welches einen großen Theil Hamburgs in Asche legte. Tausende zu Bettlern, Tausende obdachlos machte. Auch die Inden Hamburgs gedenken in stiller Wehmuth dieser Tage des Schreckens und der Angst, obzwar der damals von den Juden zumeist bewohnte Theil von dem Unglück nicht betroffen wurde, und in den hiesigen Synagogen wird heute mit Gebet, Gesang und Predigt der Tag gefeiert werden. Auch eines der Gotteshäuser, die Synagoge der portugiesischen Gemeinde, welche damals auf dem Altenwall stand, wurde ein Raub der Flammen. — In den Zeiten der Noth und der Drangsal während des Brandes und nach demselben, da zeigten sich auch unsere Vorfahren als echte Söhne ihres Volkes, als würdige Söhne der Stadt und Bürger und Senat lernten die Juden, welche damals noch kein Bürgerrecht hatten, achten und schätzen; denn sie waren, wie die „Menorah" zu erzählen weiß, als die Löschmannschaften und die aufgebotenen Soldaten vor Ermattung die Hände in den Schooß legten, die ersten und eifrigsten unter den Bürgern, welche die Löscharbeiten wieder aufnahmen, sie waren die ersten, welche die Gebäude ihrer öffentlichen Anstalten, die Synagogen und Schulen den Obdachlosen zum Aufenthalt anboten; jüdische Trödler, zumeist arme Leute, die selbst mit des Lebens Nothdurft zu kämpfen hatten, waren es, die ihren ganzen Kleidervorrath zur Bekleidung der Nackten ohne Entgelt hergaben; jüdische Frauen, die aus ihrem von dem Brande nicht bedrohten Stadttheil herbeieilten mit Betten und Decken, mit Speise und Trank und sich besonders ihren unglücklichen Mitschwestern und der jammernden Kinder annahmen und sie in ihr Heim aufnahmen. Und als die große geschäftliche Krisis nach dem Brande eintrat, da war es wieder ein Jude, der manche kaufmännische Existenz vor völligem Ruin rettete, Salomon Heine war es, der die nothleidenden Wechsel alle diskontirte und so den ganzen Hamburger Eredit vor dem Ruin bewahrte. — Der Edelsinn der Hamburger Bürger erkannte auch diese edlen Thaten und bald darauf schenkte Hamburg seinen Juden die Gleichberechtigung und das Bürgerrecht. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 3. Mat. Auf Veranlassung des Kultusministeriums müssen die Direktoren der hiesigen höheren Schulen in diesen Tagen berichten 1) über die Zahl ihrer jüdischen Schüler und Schülerinnen, 2) über die Zahl der vom jüdischen Religionsunterrichte dispensirten Schüler, 3) über die Zahl der am christlichen Religionsunterrichte theilnehmenden jüdischen Schüler. Berlin, 5. Mai. Die Freisinnige Zeitung beschäftigt sich heute in einem Leitartikel: „Räuber der Ehre", eingehend mit der Broschüre Ahlwardt's, welche auf der belebtesten Straße Berlins, der Friedrichstraße, in einer jeden anständigen Menschen beleidigenden Form zum Verkaufe ausgeboten werde, namentlich mit der frivolen Discreditirung der deutschen Bewaffnung in jener Brochüre. Die Freisinnige Zeitung weist in einzelnen Stichproben die Unkenntntß Ahlwardt's und die Unwahrheit seiner Behauptungen nach. So klage er die Löwe'sche Fabrik der Lieferung schlechten Materials für Läufe und Visire an, ohne zu wissen, daß der Staat der Fabrik alles Material lieferte. Er beschuldigte einen Ober-Büchsenmacher in Spandau der Bestechung und des Verrathes; es stellte sich aber heraus, daß dieser nach Vereinbarung der Militärbehörde mit der Fabrik es übernommen hatte, gegen geringe Vergütung die durch Wagentransport nach Spandau an den Gewehren entstandenen kleinen Schäden zu beseitigen. Ferner sollten nach Ahlwardt Beauftragte der Fabrik Plomben vor der Verladung von Gewehren behufs Vertauschung abgenommen haben. In Wahrheit handelte es sich um Plomben, die nicht zur Sicherung der Militärbeamten, sondern der Fabrik selbst und des Gewehrgeheimnisses gegen die Neugierde von Kutschern 2C. auf dem Transporte von Berlin nach Spandau angebracht waren. Als ins Gebiet der Unzurechnungsfähigkeit gehörend sieht die Freisinnige Zeitung die sinnlose Behauptung an, daß die Fabrik von geheimen Oberen des internationalen Judenthums „befohlen" sei, Deutschland durch Lieferung schlechter Gewehre eine Niederlage zu bereiten, sowie daß früher von Ahlwardt in Processen angerufene Zeugen auffallend von Schlagflüssen betroffen worden seien. Die Verbreitung der Ahlwardt'schen Verleumdungen sei der traurige Beweis dafür, daß in Folge der zwölfjährigen antisemitischen Hetzereien die Demoralisation weiter Volkskreise in Deutschland einen größeren Umfang genommen habe, als sie bisher selbst für möglich gehblten hat. Frankfurt a. M, 5. Mai. Von einem Familienfeste im ausgedehntesten Sinne des Wortes, will ich Ihnen noch nachträglich berichten, und verdient dasselbe auch in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Es ist dieses die Feier der Seder-Abende in der Suppenanftalt der israel. Gemeinde dahier. Auch in diesem Jahre haben edle Männer aus den verschiedenen Kreisen der bekannten jüdischen Wohlthätigkeit sich die Aufgabe gestellt, den unbemittel-