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Der Israelit · 1892-05-09 · Heft 37 (9.5.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 37 (9.5.1892)
Date
1892-05-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXUI. Jahrgang. Beilage ju M 37 des „Israelit". Leitender Artikel. Auf der semitischen Wetterwarte. Mainz, 8. Mai. Die eben verflossene Woche hat uns manches Freudige und auch manches Schmerzliche gebracht, doch können wir Gottlob ein Ueberwiegen der freudigen Nachrichten constatiren. Der Großherzog von Baden hat wiederum dargetban, daß seine Regierung die Bezeichnung einer nor, bw in hohem Grade verdient. Am 24. April d. I. waren es vierzig Jahre, daß dieser edle Fürst den badischen Thron bestiegen hat und die badischen Israeliten haben dieses Fest mit besonderer Innigkeit und Freude gefeiert. Denn Großherzog Friedrich verdanken sie die volle Gleichberechtigung mit allen übrigen Bürgern des Staates, seine Gerechtigkeitsliebe hat ihnen die Emanzipation nicht blos durch Gesetz besiegelt, sondern, was weit mehr besagen will, dieselbe in der gesammten Staatspraxis, insbesondere auch auf dem religiösen Gebiete, zur Wahrheit gemacht. Es wurde deßhalb von den israelitischen Gemeinden des Großherzogthums freudig begrüßt, daß die oberste Kultusbehörde, der großherzogliche Oberrath, eine ganz besonders ausgezeichnete gottesdienstliche Feier des Jubiläums auf Samstag, den 30. April, für sämmtlichc Synagogen des Landes anordnete. Durch zahlreiche Audienzen und eine ganze Reihe Ordensverleihungen wurden unsere Glaubensgenossen gelegentlich dieser Feier ausgezeichnet, und so hat Großherzog Friedrich gezeigt, daß er den Weg, den er seither in Bezug auf die Behandlung seiner israelitischen Bevölkerung gegangen, auch weiter zu gehen entschlossen ist. Gebe ihm der Allmächtige die Kraft, noch eine lange Reihe von Jahren in ungeschwächter Gesundheit des Körpers und Frische des Geistes Beglücker seines Volkes zu sein! — Auch der Nachfolger des Cardinal Manning, der neue Erzbischof von Westminster, verspricht, wie wir in voriger Nummer bereits eingehend berichtet, ein Freund und Beschützer unserer Glaubensgenossen zu sein. Ein nationalliberaler Parteitag wurde dieser Tage in Breslau abgehalten. Es wurde ein neues Programm angenommen, welches in wesentlichen Punkten von dem früheren nicht abweicht. Nur unter Nr. 5 wird erklärt: „Ebensowenig wird sie (die nat.-lib. Partei) rütteln lassen an dem durch Art. 12 der Verfassung verbürgten Grundrecht des Landes, „daß der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte unabhängig ist von dem religiösen Bekenntniß." Wir freuen uns, daß die nationalliberale Partei entschlossen ist, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger zu vertheidigen, und der Radau des Herrn Ahlwardt kann uns diese Freude nicht schmälern. Die Lorbeeren dieses Herrn scheinen im klebrigen den OberlehrerDr. Paul Förster nicht schlafen zu lassen. Wie jener, glaubt er in Volsversammlunqen das Thema der sogenannten „Judengeweh re" in einer Art behandeln zu müssen, die nur verständlich wird, wenn man dem Fanatismus Rechnung trägt, der ihm all und jede Besonnenheit raubt. Ließ sich doch — nach dem gewiß unverdächtigen Zeugniß der Kreuzzeitung — Herr Dr. Förster, der gleichzeitig Offizier in der Landwehr ist, zu nachstehender Aeußerung hinreißen: „Angesichts dieser Zustände müssen wir den Bestand nnscres Heeres anss schwerste für gefährdet halten, denn es handelt sich hier so ziemlich um Alles. Kann ein Offizier cs überhaupt noch auf sich nehmen, eine mit solchen Gewehren ausgerüstete Truppe ins Feld zu führen? Er wenigstens habe seinem Bezirkskommando geschrieben, das; er nicht die Verantwortung übernehmen wolle und deßhalb seine Zusage zurücknehmen müsse." Sollte man, bemerkt hierzu das „Berl. Tagebl." sehr richtig, es für möglich halten, daß ein preußischer Landwehr-Offizier öffentlich eine derartige Gesinnung bekundet? Heißt das nickt gewissermaßen den Feind auffordern, über uns herzufallen? Und das sind die sogenannten „Urgermanen", die vorgeben, allen Patriotismus allein gepachtet zu haben. Glücklicherweise dürfte es nickt viel solcher Offiziere der Landwehr geben, wie diesen Volksredner. Wenn inan bedenkt, daß diese nahezu landesverrätherische Aeußerung auf Grund einer unkontrolirten Meldung von der angeblichen Verhaftung zweier Büchsenmacher fiel, einer Meldung, deren Unwahrhaftigkeit schon heute von kompetenter Seite außer allen Zweifel gestellt wurde — verschiedene Zeitungen publizirten bereits ein kategorisches Dementi — so muß die Leichtfertigkeit, mit der Herr Dr. Förster seine Erklärung abgab, das höchste Staunen erregen. Je weniger wir selbst dem Ergebniß der eingeleiteten Untersuchung in dieser Flintenangelegenheit durch unser Urtheil vorgreifen möchten, um nicht in den Fehler der Ahlwardt und Förster zu verfallen, um so dringlicher erscheint uns die Pflicht der Regierung, nun endlich in autoritativer Weise das Wort zu ergreifen und das Publikum auizuklären. Gibt es Schuldige., so mögen sie der gerechten Strafe verfallen, handelt es sich um Verleumdungen, so möge auch gegen die Verleumder der Strafrichter seines Amtes walten. So oder so — es ist keine Zeit mehr zu verlieren!

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