Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1892)
- Date
- 1892-05-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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688 die mit dem gegenwärtigen Stand der deutschen Christenheit im Zusammenhänge stehen. Nicht nur sei den Juden sehr genau bekannt, daß innerhalb dieser Christenheit weite Kreise die Mission an Israel mit ausgesprochener Abneigung oder doch mit Gleichgiltigkeit betrachten, so daß es ihnen schon aus diesem Grunde ehrenrührig erscheint, mit der Mission zu verkehren. Schlimmer ist das Gegenzeugniß, das dem Christenthum entfremdete Christen durch Wort und That dem Zeugnisse der Mission entgegensetzen. In neuerer Zeit ist noch dazu gekommen der Eindruck, den viele Aeußerungen des Antisemitismus auf die Juden gemacht haben, wonach es ihnen schien, als feien Christenthum und Unduldsamkeit, ja zügelloser Haß mit einander verwandt. Daraus sei aber nicht zu schließen, daß etwa seit dem Auftreten des Antisemitismus die Zahl der Taufen von Israeliten in der evangelischen Kirche abgenommen hätte. Im Gegentheil, sie sei in den alten Provinzen Preußens gerade seit dieser Zeit in stetigem Steigen begriffen gewesen und in zwölf Jahren zu der vierfachen Höhe angewachsen. „Aber eben dies ist es, fährt der Verfasser dieses Aufsatzes fort, „was uns bedenklich stimmt. Sollten denn wirklich die der Kirche durch den Antisemitismus zugetriebenen neuen Mitglieder ein wirklicher Gewinn für die Kirche sein, da doch in vielen Fällen das Motiv des Uebertritts nur der Wunsch gewesen ist, den aus dem jüdischen Bekenntniß jetzt in gesteigertem Maße erwachsenden Unannehmlichkeiten zu entgehen? Hier wäre besserer Selbstschutz des Christenthums nur allzu wünschenswerth. Es ist in der That an der Zeit, daß die Kirche als solche dem Werke der Evangelisirung Israels genauere Beachtung schenkt als bisher und ihm die Basis verleiht, ohne die sein gesunder und erfolgreicher Betrieb unmöglich ist." Auf die Frage: Was ist zu thun? wird mit verschiedenen Vorschlägen geantwortet, aus denen wir noch folgenden Satz herausgreifen möchten: „Das zur Empfindung der eigenen Leere und Haltlosigkeit gekommene Herz der sogenannten Reformjuden ist oft ein viel besserer vorbereiteter Boden für das Evangelium als der Sinn des Altgläubigen." „Die bei vielen Altgläubigen vorhandene größere Geneigtheit, auf eine religiöse Debatte einzugehen, hat häufig nur in dem Wunsche ihren Grund, Scharfsinn und dialektische Gewandtheit zu entfalten, ohne daß auch nur ein Spur von ernstem religiösen Bedürfniß vorhanden wäre." Hierauf wird Stracks Missionszeitung zum Abonnement empfohlen. Anmerkung der Rednction. Es erfüllt uns mit Germgthuung, daß die Redaction der „Christlichen Welt" die letzten Ziele des Antisemitismus: Rückgängig der Emancipation der Juden, als eine Selbstabsperrung gegen die Juden, also in gewissem Siitne als eine Aufhebung der Emancipation der Christen bezeichnet. Und ist es nicht thatsächlich so? Hat sich nicht nach Oeffnung der Ghette eine Fluth von Intelligenz, Geist und Arbeitskraft der nichtjüdischen Welt zur Verfügung gestellt, durch welche diese freier und glücklicher wurde? Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 30. April. Anläßlich der durch das Gesetz vom 21. März 1891 normirten Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft und der durch die Verordnung des k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 4. Dezember 1891 durchgeführten Feststellung und Abgrenzung der israelitischen Cultusgemeindesprengel im Erzherzogthume Oesterreich unter der Enns hat sich die k. k. Statthalterei bestimmt gefunden, die Matrikenführung für die Israeliten in Niederösterreich neu zu regeln und das niederösterreichische Verwaltungsgebiet in dreizehn Bezirke einzutheilen, deren Sprengel mit den durch die oben erwähnte Ministerial-Verordnung festgestellten Cultusgemeindesprengeln zusammenfallen. Diese Neu- Organisirung tritt mit 1. Mat 1892 in Wirksamkeit; von diesem Zeitpunkte an sind alle in dem Umfange eines Matrikenbezirkes vorkommenden Geburts-, Trauungs- und Sterbefälle von Israeliten in die Matriken dieses Bezirkes ordentlich einzutragen. Wien, 3. Mai. In Narajow bei Brzezany kam es gestern zu antisemitischen Exzessen. Budapest, 1. Mai. Hier geht das Gerücht, Kultusminister Graf Csaky schicke sich au, dem Parlament einen aus zwei kurzen Paragraphen bestehenden Gesetzentwurf über die Reception der jüd. Religion zu unterbreiten. Die beiden Paragraphen lauten angeblich wie folgt: „1. Die jüdische Religion wird in die Reihe der recipirten Religionen ausgenommen. 2. Das Verhältniß der jüdischen Religion zu den übrigen recipirten Konfessionen wird später im Wege legislatorischer Verfügungen geregelt werden." Lemberg, 3. Mai. lieber die bereits uns gemeldete Judenhetze wird aus Narujow noch weiter berichtet, daß die antisemitischen Exzesse daselbst in Folge Aufwiegelung seitens durchreisender Missionsgeistlicher stattfanden. Die Kirchenglocken gaben das Zeichen für den Ueberfall auf die Juden; 3000 Bauern stürzten sich auf die jüdischen Geschäfte und Verkaufsbuden, vernichteten die Maaren und kehrten alles oberste zu unterst. Die Juden verrammelten ihre Wohnungen; in den jüdischen Häu-