Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1892)
- Date
- 1892-05-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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666 Eine weitere Bildungsstufe, ein weiteres bedeutsames Stadium der Geistesentwickelung rückt bald heran. Bei der Omerbehandlung ist dieses Stadium dadurch vorgebildet, daß man die Körner, nachdem sie ausgebreitet im Tempelhof gelegen und Luftzug darüber geweht, in eine Graupenmühle that. Sinnbildlich stellt dieser Akt jene geschärfte Verstandesreife dar, welche bereits fähig ist, in schwierige Materien einzudringen, sie zu analysiren, sie gleichsam zermahlend, in bte einzelnen Begriffsatome zu zerlegen. Das Mahlen galt daher den Alten von jeher als Bild des Scharfsinns, der schwierige Fragen kritisch auseinanderzusetzen versteht. So wurde dem Rabbi Schimeon das Prädikat beigelegt: Nyo’j? nsioi ronn ima3), er mahlt viel und schüttet nur wenig Spreu ab, d. h. er nimmt viele Lehren auf, die er mit Scharfsinn verarbeitet, und vergißt nur Weniges und Unwichtiges. Von den ob ihrer penetranten Geistesschärfe berühmten Weisen Rabbi Meir und Resch Lakis sagte man, sie seien nw nt pmei onn npiy, sie vermögen, Berge zu entwurzeln — von Rabbi Meir hieß es eigentlich sogar: onn 'in, er vermöge, die höchsten Berge zu entwurzeln — und sie aneinander zu zerreiben und zu zermahlen 4), d. h. in ihren wissenschaftlichen Forschungen vermögen sie selbst berghoch sich aufthürmende und scheinbar unbezwingbare Schwierigkeiten zu entkräften und, mit imenscm Scharfsinn die Materie durchdringend und kritisch in die einzelnen Begriffsatome zerlegend, gerade mittelst der einen Schwierigkeit die andere zu beseitigen. In Hinblick auf diese bum Gesetzesstudium erforderliche Fähigkeit, jede Frage durch kritische Auseinandersetzung gleichsam zu zermahlen, ist denn auch als Bezeichnung für dasselbe im talmudischen Sprachgebrauch das Wort „ndtj" üblich geworden. Und wenn in der alten Zeit der jüdische Mann durch Gottes Gnade Vater eines Kuäblcins wurde, welches er am achten Tage in den Abrahamsbund aufnehmcn ließ, wie kcnnzcichnete er da das Ideal, das bei diesem feierlichen Acte seiner Seele vorgeschwebt und auf das alles Hoffen und Wünschen seines Vaterherzens gerichtet war':' jraw »jt.33 D«m nrwo dw rn tn33 un t>(* ,pn y'3ff pn In manchen Orten war cs aus dem Hause tönendes Klappern der Graupenmühle, in manchen Orten wiederum war es heller Lichtschein, der ans den Fenstern strahlte, was kündete, daß im Hause das Fest einer r6'ö nn3 gefeiert wurde. Es ist dies eine uralte jüdische Sitte gewesen, die noch zurückreicht bis in die Zeit der Propheten, sie sollte aber 3) Gittin 67 rr. 4) Sanh. 24 a. 5) Sanh. 32 b. nichts anderes als Sinnbild des dem Vater vorschwebeuden Ideals, Sinnbild der sein Vaterherz beseelenden Hoffnungen und Wünsche sein, daß das nun in den Abrahamsbund ausgenommene Söhnchen dereinst eine Leuchte in Israel, ein scharfsinniger, schwierige Materien zu durchdrungen und zu zermahlen vermögender Gelehrte in Israel werden möchte. Es war dies sein höchster Wunsch, etwas Wünschenswertheres kannte er nicht. Diese Entwickelung des kindlichen Geistes und seine, ihn schärfende Uebung im Auseiuandersetzen und Lösen schwieriger Themata beim Gesetzesstudium ist es nun, was bei der Behandlung des Omer dadurch vorgcbildet ist, daß man die Körner in einer Graupenmühle mahlte. Das Hauptaugenmerk des jüdischen Vaters bei der Erziehung seines Kindes bleibt aber immer darauf gerichtet, daß Gottesfurcht, daß Thorageist ihm gleichsam iu Fleisch und Blut übergehe und sein innerstes Wesen vergeistige und veredle, daß Liebe zum väterlichen Glauben, daß echt jüdisches Denken und Empfinden alle Fasern seines Herzens durchdringe und böse Neigungen aus demselben ausscheide, und darauf deutet beim Omer sinnbildlich die Schlußhandlung hin, durch welche es die für seine heilige Bestimmung erforderliche Eigenschaft der Feinheit und Vorzüglichkeit erlangte. tdj m»y bpeg dsud N*rw piny udd ttoxtm. Durch nicht weniger als 13 Siebe mußte das Gröbere und Feinere rüttelnd von einander geschieden und gesondert werden, bis man endlich aus der anfangs nur zur Nahrung für das Thier verwendbaren Mischuui von Spreu und Gerste ein freilich nur geringes Quantum Mehl, aber ein Mehl von solcher Feinheit und Vorzüglichket gewann, daß es sehr wohl zu höherem Zwecke, daß es zu göttlichem Genüsse sich eignen und als eine Huldigungsgabe niedergelegt werden konnte auf den Altar des Heiligthums. Und das Menschenwesen, bliebe es in seiner primitiven Natürlichkeit, würde es nicht durch das Sieb einer religiösen Herzens- und Geistesb ldung gerüttelt und geschichtet werden, es würde gleichfalls als eine Mischung von Spreu und Frucht sich darstellcn, als eine Mischung, wo die Naturkeime des Gilten und Bösen, Himmlisches und Irdisches, Ewiges und Vergängliches verworren durcheinanderliegen, sonach als eine Mischung, die nur zu thierischem Sinnengenuß, nimmer einen höheren, idealen, göttlichen Genuß gewähren kann. Da ist es aber insbesondere das zarte, empfängliche Kindesaltcr, da sind es namentlich die ersten 13 Lebensjahre, die für eine gediegene jüdische Erziehung ebensoviele Siebe bedeuten, vermittelst deren sie das Himmlische aus dem Irdischen des Menschenwesens emporrüttelt und das Leibliche immer mehr vom