Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1892)
- Date
- 1892-05-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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658 habe schon einen diesbezüglichen Vorschlag gemacht, aber er sei in den Blättern nicht erwähnt worden. „Meine Freunde, die Juden, sind zu sehr gegen diesen Plan. Er paßt ihnen nicht." Falls der Korrespondent des „Herald" richtig gehört hat, so haben wir es hier mit Stöcker'schen „Wahrheiten" zu thun, von denen die Behauptung, die Juden hätten den Liberalismus des Kaisers bekämpft, hors de concours sein würde. Vom Hofanttsemiten a. D. zum Bauernroschoh ist nur ein Schritt. Was Jener mit feiner Tünche angestrichen, seinem leichtgläubigen Publicum credenzt, wirft dieser in ungeschlachter Rohheit seinem gaffenden Landvolk vor die Füße. Vorgestern stand in 3 Beleidigungssachen gegen Dr. Böckel Termin vor dem Marburger Schöffengericht an. In der Sache des Meier Katz von Gerbenstein, vertreten durch Justizrath Wolf von Marburg, machte Dr. Böckel den Einwand der Verjährung geltend, und das Gericht erlannte aus diesem Grunde auf Freisprechung. — In der zweiten Sache Moses Leewald von Gombach gegen Böckel erhob Angeklagter denselben Einwand, dem jedoch von Rechtsanwalt Dr. Jung aus Gießen lebhaft widersprochen wurde. Dieser bezeichnete die Vertheidigung Böckels, der sich hinter Verjährungen verschanze, als ,,nicht schön", er solle doch so anständig sein und die Verantwortung der Sache übernehmen. Verjährung liege übrigens nicht vor, da nach dem Urtheil des Kammergertchts in Sachen Sonnemann gegen Hammerstein die Verjährung während der Immunität der Reichs- Lagsabgeordneten ruhe. Auch namhafte Theoretiker seien gleicher Ansicht. Die von dem Bundesrath in einem Gesetzentwurf ausgesprochene gegentheilige Ansicht sei eine falsche. Er beantrage Freiheitsstrafe gegen Böckel, dessen Blatt gewohnheitsmäßig beleidigende und erlogene Nachreden aufstelle. Dr. Böckel entschuldigte sich, daß er gegen „Tendenz- Prozesse" Verjährung einwende, sein Blatt diene lediglich in sachlicher Weise dem Interesse des Bauernstandes. In wirklichen Ehrensachen würde er sich übrigens auf die Verjährung nicht berufen. Das Gericht vertagte die Publikation des Urtheils auf 8 Tage und stellte Einsendung des Urtheils des Kammergerichts anheim. — Die dritte Sache war;bte des Landtagsabgeordneten Müller in Darmstadt, vertreten durch Rechtsanwalt Grünewald von Gießen, gegen Dr. Böckel. Äcr klägerische Anwalt führte aus, daß von einer Verjährung in dieser Sache keine Rede sein könne, weil richterliche Unterbrechungshandlungen herbeigeführt, insbesondere die Einholung der Genehmigung des Reichstags beantragt sei, die das Landgericht auch beschlossen habe. Uebrigens erwarte er, daß Dr. Böckel hier auf die Verjährung kein Gewicht legen werde, da es sich um eine wirkliche Ehrensache handle; allerdings müsse trotzdem das Gericht die Verjährungsfrage prüfen. Dr. Böckel verdiene in dieser Sache empfindliche Strafe, er als Journalist und Abgeordneter habe dem Berufsgenoffen und Abgeordneten grundlos Käuflichkeit der Gesinnung vorgeworfen. (Sobald das Geld im Kasten klingt, der Müller nach der Judengunst springt); das lasse einen bedenklichen Rückschluß auf seine Auffassung von journalistischer und politischer Ueberzeugungstreue zu. Der „Reichs- Herold" sei ein Organ, das Jeden, der Herrn Böckel nicht gefalle, herunterreiße und verläumde; es enthalte Lügen in jeder Spalte. Dr. Böckel beschwerte sich über diese Angriffe und behauptete, Müller sei in der That durch Judengeld bestochen. Auch hier wurde die Entscheidung auf 8 Tage verschoben. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 25. April. Wie der „N. fr. Pr." aus Paris berichtet wird, sollen nach dort eingegelangten Nachrichten die von Baron Hirsch unter dein Namen Jewish colonisation association im Vorjahre gegründete Juden-Kolonien in Argentinien in Auflösung begriffen sein. Es heißt, die russischjüdischen Ansiedler seien nicht zu diszipliniren gewesen, und man gibt die Schuld dem häufigen Wechsel in der Leitung. Diese ist seit acht Monaten nun schon die dritte. Die bedeutendste der drei Kolonien, welche Mauricio heißt, soll der Schauplatz ernster Unruhen gewesen sein. Die Ansiedler, für deren Unterbringung nicht ausreichend gesorgt werden konnte, äußerten ihren Mißmuth in stürmischen Scenen. Der Ortsverwalter war endlich gezwungen, die Hilfe der argentinischen Polizei in Anspruch zu nehmen. Diese wirthschaftete arg unter den Meuterern, tödtete und verwundete mehrere. Auch andere zwei Kolonien befinden sich in übler Lage. Baron Hirsch soll hierdurch selber in seinem Vertrauen auf die Ausführbarkeit seines Planes erschüttert sein. Sein jetziger Vollmachthaber, der englische Oberst Goldsmid, erhielt den Auftrag, die Judenansiedlungen zu schließen und sämmtliche Ansiedler, insgesammt etwa zweitausend Personen, nach einem Hafen der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu befördern. Es ist vorläufig noch nicht gewiß, ob Baron Hirsch seinen Plan völlig aufgibt oder ihn späterhin mit neuen Leuten und nach gründlicherer Vorbereitung aller Bedingungen abermals zu verwirklichen suchen wird. Dessau, 29. April. Heute Nachmittag wurde das von Baron Cohn gestiftete Kaiser Wilhelm Denkmal enthüllt. Anwesend waren der Erbprinz,