Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1892)
- Date
- 1892-05-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIII. Jahrgang. Beilage;» M 35 des „Israelit". Leitender Artikel. Äuf der semitischen Wetterwarte. Mainz, 1. Mai. Das liebenswürdige Kleeblatt Stöcker, Böcke! und Wagner feiert Triumphe und zwar Jeder in seiner Weise. Stöcker läßt sich von amerikanischen Journalisten, denen er allerhand Bären aufbindet, interwieven, Böckel findet es mit seiner Ehre vereinbar, auf diverse Beleidigungsklagen wegen Verläumdungen 2C. Verjährung zu beantragen und Professor Adolf Wagner scheint dem Bruche mit den Christlich - Sozialen und seinem Freunde Stöcker sehr nahe zu sein. Er hat gestern in einer Versammlung der Christlich-Sozialen in der Abwesenheit Stöckers von Neuem die Gelegenheit benutzt, seine Stellung zum Antisemitismus darzulegen. Die Ausführungen, die er vor einiger Zeit über die Judensrage gemacht hatte, scheinen ihn vollständig bei den Antisemiten in Verruf gebracht zu haben, denn, wie er erwähnte, sei er in Folge seiner Rede mit pöbelhaften anonymen Zuschriften überschüttet worden. Er führte dann weiter Folgendes aus: „Cs sei eine Anmaßung, wenn ein Antisemit behaupte, nur ein Mann seiner Gesinnung sei ein guter Patriot. Es sei unwahr, wenn ihm der „Vorwärts" oorwerse, es sei ein Höfling. Er habe stets den Muth gehabt, seine Meinung nicht nur nach Oben, sondern auch rrach Unten zu vertreten, das Schweifwedeln nach Unten sei aber heute eine größere Gefahr, als das nach Oben. „Glauben Sie nicht, daß ich irgendwie meine Ansicht in der Judenfrage oder in der sozialen Frage geändert habe, am Allerwenigsten au einem äußeren Grunde, aber hinzulernen muß man iinmer, und der Politiker, der sagt, ich habe seit ca. SO Jahren dieselbe Meinung, ist ein Narr." Denen aber, die mich angreifen, sage ich: „Ihr übertreibt, indem Ihr den Juden mehr Fehler nachsagt, als sie verdienen. Ihr verallgemeinert, indem Ihr alle Juden über einen Kamm scheert, denn es gibt auch anständige Juden, wie es auch anständige Nichtjuden gibt, und Ihr werft den Juden vor, was im Grunde Euere eigene Schuld ist. Wenn die Juden häufig weiter kommen, so müssen wir dabei anerkennen, daß sie sehr viel Emsigkeit entwickeln. Es ist einfach nicht wahr, daß wenn die Juden hoch kommen, es wesentlich schlechte Mittel sind, die ihnen dazu verhelfen. Die Judenfrage ist nicht der Schwerpunkt der sozialen Frage, und wäre sie es, so würden wir wahrscheinlich in unserem wirthschaftlichen Leben bald in ein ganz falsches Fahrwasser kommen. Man wird mit den Juden rechnen müssen, als mit einem Faktor unseres Volkslebens, den man nicht einfach ansscheiden kann, und wenn sich Mißstände zeigen, wird man sic mit allgemeinen Gesetzen bekämpfen müssen. Es wäre mir lieb gewesen, wenn Hofprediger Stöcker anwesend gewesen wäre. Alle, die mich kennen, wissen, daß ich von Anfang an keineswegs in allen Punkten, namentlich nicht in der Judensrage, mit Stöcker aus demselben Standpunkt stehe. Was uns zusammengehalten, ist die sozialistische u«d allgemeinpolitische Auffassung. Und nun mag man mich ruhig angreifen; verdrängen lasse ich mich nicht. Ich bleibe der christlich-sozialen Partei treu, ich werde gelegentlich auch iu die Versammlungen kommen und Ihnen Manches sagen, was Ihnen vielleicht nicht lieb ist. Sie brauchen nicht beizustimmen, aber Eins kann ich verlangen: Das Zugeständniß, daß es eine Verläumdung ist, wenn man mich der Wetterwendigkeit beschuldigt." Der Vortrag fand, wie sich voraussehen ließ, nur geringen Beifall. Viele Zuhörer verließen den Saal schon während der Rede unter Ausdrücken der Mißbilligung. Dagegen hatte „College" Stöcker einen andachtsvolleren Zuhörer. Der Berliner Korrespondent des „Herald", der bereits Berichte über Unterredungen mit den Herren Bebel, Liebknecht und Singer gebracht hat, theilt nun auch mit, was Hr. Stöcker ihm über den Sozialismus, den Antisemitismus und die Absichten der konservativen Partei gesagt hat. Einige Bemerkungen verdienen wohl wiedergegeben zu werden. „Vom Kaiser", sagte Hr. Stöcker, „haben wir wenig zu hoffen. Ehe er auf den Thron kam und noch eine kurze Zeit nachher, neigte er sich liberalen Bestrebungen zu, allein diese wurden auf allen Sekten von den Juden bekämpft, die hier ungeheuer mächtig sind. Der Fürst wurde ununterbrochen angegriffen und seitdem scheint er seinen Liberalismus aufgegeben zu haben." Dann ging es in der bekannten Weise über die Juden her, die nach Stöcker's Ansicht in Deutschland 3/4 der Presse beherrschen, die Börsen thatsächlich monopolisiren und gewisse Industrien vollständig kontroliren. An eine „Universelle Allianz" der Juden glaube er nicht, allein sie seien in allen Ländern durch „ihre natürliche Instinkte und gemeinsamen Interessen verbunden." Er will den Juden nicht ihre Bürgerrechte nehmen, aber sie vom Hofe und den Gerichten ausschließen und ihre Zahl in den Schulen auf v'io beschränken. Als wenn das nicht Alles die ärgste Beschränkung des Bürgerrechtes wäre! Herr Stöcker plaidirt außerdem für die Wahl eines „zweiten Reichstages", d. h. einer Art Senat, in dem alle „deutschen" Industrien, Klassen und Professionen vertreten sein sollen. Der jetzige Reichstag sei „voll von Professoren, Idealisten und Rednern, aber arm an praktischen Männern." Er