Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1892)
- Date
- 1892-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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655 Feuilleton. Der Hünstling des Kzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. xdil. (37. Fortsetzung.) Auch wußte der Geheimrath, daß der Oberprokurator der Synode sehr erzürnt über Iwan war und nur eine Gelegenheit abwartete, um gegen denselben vorzugchen. Ferner waren bei Hofe der Feinde Jwan's genug. Der Gehcimrath fuhr mit dem jungen Fürsten zu dem Minister des Innern und legte demselben Alles vor, was er gegen Iwan gesammelt hatte. Es war zweifellos, daß in der Provinzialstadt eine nihilistische Verschwörung nicht stattgefunden, daß Iwan die Behörden mystifizirt und dupirt hatte. Der Minister des Innern sah dieses vollständig ein, indessen wagte er es noch nicht, den Kaiser über die Handlungsweise seines Günstlings aufzuklären, trotzdem er den Oberproknrator der Synode aus seiner Seite wußte; man beschloß abzuwarten, bis man Iwan bei einer offenen Unwahrheit ertappte. Einstweilen aber war wie früher schon dafür gesorgt worden, daß der Kaiser nur Ungünstiges und Schlimmes über seinen früheren Günstling erfuhr. Gern hätten die Herren jetzt schon einen Streich gegen Iwan gewagt, doch es lag nur eine Menge von Kleinigkeiten und nicht ein großes, schweres Verbrechen vor, und so mußte sich Michail damit begnügen, gleich den Andern abwartend zu verharren; dem Kaiser wurde die Sachlage noch verborgen gehalten. Als Iwan nach Petersburg gekonimen war, fuhr er sogleich zum Jnstizminister, wurde aber bei demselben nicht vorgelassen, ebensowenig bei dem Oberprokurator und auch den G.heimrath fand er nicht zu Hause. Er bat um eine Audienz bei dem Kaiser, aber neue Hofbeamte waren während der Abwesenheit Jwan's angestellt worden, und Keiner wollte das Gesuch des jungen Mannes befürworten. Der Kaiser war in jüngster Zeit von einer großen Schwermuth befallen worden, zu der die sich immer wiederholenden Attentate Anlaß gaben; er litt an jähen Zornesausbrüchcn, in denen er sich selbst nicht mehr kannte, er war finsterer und verschlossener als je, er verkehrte fast mit keinem Menschen mehr, außer mit dem Oberprokurator der Synode, sogar die Minister durften ihre Vorträge nur schriftlich einreichen und nicht mehr persönlich vor ihrem höchsten Herrn erscheinen. Iwan war längere Zeit entfernt gewesen, er war offenbar dem Czaren ein wenig entfremdet worden, und während dieser Zeit hatte der Kaiser Ungünstiges über ihn gehört. Auch hatte sich ein leiblicher Vetter des Czaren bei einer Verschwörung betheiligt, war entdeckt und nach Sibirien verbracht worden. Der Kaiser traute nun auch den Banden des Blutes nicht mehr. Unter diesen Umständen wagte es Iwan nicht, wie er es sonst wohl gethan hätte, sich direct zu dem Kaiser zu begeben, er mußte fürchten, durch ein solch' selbstständiges Vorgehen Alles zu verlieren und sich in's Verderben zn stürzen; es war auch keine Hoffnung vorhanden, mit dem Monarchen bei irgend einer Hoffestlichkeit zusammenzukommen, da der Kaiser zu dieser Zeit, in der er selbst sowohl, wie auch seine hohe GemahlitQsich in sehr erregtem Zustande befanden, an keiner Veranstaltung des Hofes theilnahmen. So fand Iwan alle Thüren verschlossen und er sah ein, daß er einen Hauptschlag thun müsse, um sich dieselben wieder zu erbrechen; und dazu war er entschlossen und auch genügend vorbereitet. Fürst Michail war so unvorsichtig gewesen, in Petersburg ein Quartier zu beziehen, das^ihm von einem ihm unbekannten Agenten empfohlen worden war. Diese schöne, stattliche und billige Wohnung hatte ein Zimmer mit einem doppelten Boden; das Haus war früher im Besitze einesNihilisten gewesen, den man entdeckt und hingerichtet hatte. Dergleichen Häuser gibt es mehrere in Petersburg, und da die Einheimischen eine wohlberechtigte ScheuZ haben,? solche unheimlichen Räume zu bewohnen, so wurden sie billig an Wirthe verkauft, die sic .-gut einrichteren und zu geringem Preise an solche Fremde vermietheten, die sich nur kurze Zeit in Petersburg aufhielten. Michail war nach seiner Ankunst in einem Hotel abgestiegen, Iwan hatte telegraphisch einen Angestellten der heiligen Schaar angewiesen, dem Fürsten Gutesow diese Wohnung zu vermitteln und sie um jeden Preis an ihn abzugeben. Michail ging ahnungslos in's Netz und freute sich noch über den vortrefflichen und so billigen Erwerb. Bei seinen Verbindungen gelang es Iwan, sich in den Besitz einiger Dynamitpatronen zu setzen und während Michail und sein Diener ausgegangcn und die Wohnung des Fürsten verschlossen war, ließ sie Iwan durch einen zweiten Schlüssel öffnen und die gefährlichen Instrumente in dem Doppelboden jenes Zimmers bergen. Es war für Iwan kein Hinderungsgrund, daß die Patronen, die in einer kaiserlichen Fabrik zu Sprengzwecken in Bergwerken hergestellt worden waren, den kaiserlichrussischen Stempel an der Seite trugen. Sehr bald hatte Iwan auch den Aufenthalt Alexei Chaimowitschs in Petersburg ausgekundschaf-