Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1892)
- Date
- 1892-05-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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651 der Seder zu Ende war, ließen trotz dringlichster Abmahnung einige der Gäste sich nicht nehmen, ihrem Herzenswünsche Ausdruck zu verleihen und dem Leiter der Anstalt und seiner Gattin den Dank aller Anwesenden auszusprechen. Tief ergriffen und beglückt ob des Gelingens dieser schönen Feier wandte sich nun Herr Abraham an die Anwesenden und wies die ihnl und seiner Frau dargebrachten Ovationen zurück. Er betonte, daß er es als seine Pflicht betrachte, seine Kräfte, soweit es sein Beruf ihm gestatte, den Armen zu Diensten zu stellen, daß er indeß in diesem schweren Werke von guten Menschen unterstützt werde, welche sich in Freud und Leid der Anstalt erinnern, und diesen gebühre ihr herzlichster Dank. Berlin, 28. April. Die Rolle, welche der Rektor Ahlwardt seit längerer Zeit spielt, hat dem Rechtsanwalt Dr. Stein in Berlin Anlaß gegeben, die Persönlichkeit dieses Mannes, mit dem wir nach einem bekannten Sprichwort uns nur ungern befassen, etwas näher zu beleuchten. Das Buch Dr. Steins führt den Titel: „Der große Prophet. (Rektor Ahlwardt.) Ein Mahn- und Abschiedswort an meine antisemitischen Freunde und ist bei I. van Groningen u. Co., Berlin erschienen. Ein Mann wie Ahlwardt, der die furchtbarsten Dinge von der Verjudung des deutschen Volkes erzähle, sei noch nicht dagewesen. Man wisse nicht, ob man mehr seine ausschweifende Phantasie bewundern oder die Leute bedauern solle, die solche Märchen glauben, wie Jener sie erzähle, und die Stoff zu einem Dutzend Hintertreppenromanen lieferten. Diesem Manne, der in einem Falle von der Anklage der Unterschlagung freigesprochen sei, aber nur, weil seine Schuld nicht nachgewiesen war, er aber dann wegen verleumderischer Beleidgigung zu vier Monaten verurtheilt worden, sei von deutschen Männern ein Lorbeerkranz überreicht worden. Danach müsse man, wie die Antisemiten von einer „Talmud-Moral" fabelten, von einer Antisemitenmoral. von Ahlwardtmoral sprechen. Die Erzählung Ahlwardt?, daß er durch Bürgschaft für einen Lehrer Gohr, der sich nachher erschossen, in finanzielle Schwierigkeiten gerathen, sei für Ahlwardt sehr einträglich, insofern aber ungenau gewesen, als jener Lehrer im Elisabeth-Krankenhause zu Berlin gestorben und von Ahlwardt zu Grabe geleitet worden sei, welch letzterer schon vorher mit Gohr Wechsel geritten habe. Ahlwardt hat nach Rechtsanwalt Stein auch folgendes Stücklein verübt. Als ein Herr Treitel die Regulirung der Schulden „unseres Ariers" übernahm, gab Ahlwardt auf der Straße einem Freunde zwei Accepte, eins über 1250 und eins über 1150 M., mit dem Ersuchen, damit zu Treitel zu gehen und sich natürlich mit allen Bedingungen einverstanden zu erklären: Was Du für die beiden Accepte erhälst, theilen wir." Leider sagt Herr Stein nicht, ob und welches Geschäft Herr Ahlwardt hierbei gemacht, oder ob Herr Treitel die Mache gleich durchschaut hat. Wiederholt habe der Rektor auch das Gehalt von Lehrern und Lehrerinnen erhoben, für sich verbraucht und nachher in liebenswürdiger Weise Schuldscheine ausgestellt und sogar die Gehaltsquittung einer Lehrerin selbst mit deren Unterschrift versehen; auch diese erhielt später, als sie nach dem Gehalt fragte, einen — Schuldschein. Im Jahre 1885 verpfändete Ahlwardt seine Gehaltsquittungeu gleichzeitig an drei bis vier Gläubiger; wer zuerst kam, mahlte dann zuerst. Die Erzählung des Rektors, daß ihm von dem „Bankhause Pariser" 360,000 Mark geboten worden, wenn er die Broschüre „Verzweiflungskampf" nicht erscheinen lasse, berichtigt Stein dahin: Ein Unterhändler trat an einen Kaufmann Pariser heran, um etwas für Ahlwardt herauszuschlagen. Pariser habe unkluger Weise den Unterhändler verhaften lassen, ehe dieser sein Anliegen vollständig vorgebracht, so daß das Verfahren gegen Ahlwardt und Genossen wegen versuchter Erpressung eingestellt werden mußte. Um ein Darlehen zu erlangen, gab der Rektor, wie Stein erzählt, eine Lebensversicherungspolice als Unterpfand, die schon ein paar Jahre verfallen war. Diese Thatsachen hat Stein, als er Ahlwardt in dem Unterschlagungsprozeß vertheidigte, nicht gekannt; er tritt mit ihnen hervor, weil derselbe ihm seine Dankbarkeit dadurch bezeigt, daß er aussprengte, Stein habe 20,000 Mk. von Bleichröder bekommen, um Jenen wegen Meineid zu denunziren. Ein sehr bekanntes Mitglied der konservativen Partei har geäußert: „Von Ahlwardt angegriffen zu werden, ist heute schon eine Ehre." Herr Stein warnt deßhalb auch seine politischen Freunde, wenn Ahlwardt auf Grund von 1J/2 Centner Makulatur, die er von einem früheren Portier der Diskontobank erworben, die Diest-Dabersche Affaire wieder aufrühren und Bismarck und Miguel angreifen sollte. Den Inhalt der Schriften Ahlwardts faßt Stein in den Satz zusammen: „Es ist alles verludet, und nur einer kann helfen, Falstaff-Ahlwardl." Zu der Veröffentlichung hat Stein eine politische und eine persönliche Erwägung getrieben, der Sturm gegen das Schulwesen, dem sich auch die Antisemiten angeschlossen, und der Vorwurf, den Ahlwardt gegen Stein erhoben, welcher noch lange darunter zu leiden haben werde; denn „ich glaube nicht, daß es in meiner Privatklagesache jemals wieder zur öffentlichen Verhandlung kommen wird. Der Urarier wird in der Zwischenzeit