Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 34 (28.4.1892)
- Date
- 1892-04-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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638 gen, die uuwiderlegt geblieben sind, erhoben worden, daß man eine starke moralische Unempfindlichkeit bei dem „deutschen Nntisemitenbnnde" voraussetzen muß, wenn er sich diese Zugkraft aus Wien verschreibt. — Diese Unempfindlichkeit darf uns nicht wundern, da ja fast sämmtliche Geschäftsreisende des deutschen Antisemitenbnndes eine nicht fleckenlose Vergangenheit haben. So hat ein gewisser Dr. Danneil kürzlich eine Geschäftsreise für den antisemitischen Bund nach Schlesien gemacht, um beschämt — wenn ein Antisemit sich noch schämen kann — dort zu hören, was er sei. Herr Dr. Danneil bestritt, wie erinnerlich sein wird, daß er wegen Trunksucht aus seinem Predigtamt. entlassen worden sei und sich in öffentlichen Lokalen unanständig gegen Damen benommen habe. Die liberalen Blätter hätten ihre falschen Angaben entnommen aus den von .Herrn Gräbner herausgegebenen „Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Herr Licentiat Gräbner erklärte, Dr. Danneil habe auch ihm eine „Berichtigung" zugesandt, er habe aber in eingeschriebenem Briefe den Abdruck abgelehnt mit dem Bemerken, daß er, wenn nöthig, im Stande und bereit sei, den Beweis der Wahrheit anzutreten. Damit habe sich Dr. Danneil „beruhigt." Dr. Danneil habe allerdings, der Noth gehorchend, seinen Abschied nachgesucht, er würde aber, hätte er dies nicht gethan, unfreiwillig wegen Trunkes aus dem Amte entfernt worden sein. Ferner sei Dr. Danneil in einer westfälischen Stadt aus einem Gasthofe „entfernt" worden, weil er einer Dame an einen gewissen Ort nachgeschlichen sei. — Das sind also die Propheten der Antisemiten; Menschen mit defectem Charakter und lauer Moral, daß sind diejenigen, die zum Haß gegen die Juden aufreizen, gegen das Volk, welches der Welt die Grundsätze der höchsten Sittlichkeit, die zehn Gebote, brachte. Wahrlich, es ist erstaunlich, wie leicht die Bosheit Anhänger, Lüge und Verläumdung Verbreitung finden. Zum Schluß noch eine Notiz, die eigentlich in den „Reichsherold", in die „Kreuzzeitnng" und in „Das Volk" gehört: Eine hiesige jüdische Firma verlegte ihr Domizil nach Frankfurt a. Nt., so daß eine Anzahl der bei ihr schon lange Jahre beschäftigten Arbeiter entlassen werden mußte. Um nun die Leute für den Verlust zu entschädigen, erhielten sie ausreichende Geldgeschenke, ja die beiden ältesten erhielten ihren vollen Arbeitslohn als lebenslängliche Pension zugesichert. Auf diese Weise sorgt der Jude für sein Personal. — Gehet hin, ihr Antisemiten, ihr Conservativen und ihr alle, die ihr die Juden beschimpft, gehet hin und thut desgleichen. Und ihr antisemitischen Zeitungen, nehmet Notiz von dieser Correspondenz, sie betrifft ja das Verhältniß zwischen Juden und Nichtjuden. B—r. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Freystadt, (Niederschlesien.) Hier hat den antisemitischen Wanderprediger Dr. Hentschel kürzlich ein großes Mißgeschick betroffen. Nach Beendigung seines Bortrages nahm die Versammlung eine Resolution au, in der es u. a. heißt: „Die Versammlung erblickt in der antisemitischen Agitation nur den Versuch, die Unzufriedenheit der großen Massen über die heutigen mißlichen wirthschaftlichen Verhältnisse auf die kleine Zahl unserer jüdischen Mitbürger abzuleiten und dieselben unberechtigtem Hasse, ungerechter Verfolgung auszusetzen; sie erkennt in dem Antisemitismus eine rückläufige Erscheinung in unserem Cultur- und Geistesleben: einen Faustschlag gegen allen Fortschritt und alle Bildung; eine Schmach unseres Jahrhunderts." Da es in der Versammlung, der auch eine größere Zahl Sozialdemokraten beiwohnten, etwas lebhaft zugegangen, hat das dortige Kreisblatt den unmaßgeblichen Rath gegeben, daß künftig Niemand bei diesen Vorträgen erscheine, „dann würden sie ja doch ungehalten und demnach ungehört bleiben." Die „Kreuzztg." meint, es mache einen im höchsten Grade widerwärtigen Eindruck, ein von der Regierung subventionirtes Kreisblatt Hand in Hand mit Juden und Sozialdemokraten gegen eine Bewegung wühlen zu sehen, die sich das hohe Ziel einer sittlichen Wiedergeburt der Nation gestellt hat." „Sittliche Wiedergeburt" vermittelst eines Schlammbades — nicht übel! O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 23. April. Der bekannte ehemalige Führer und Halbgott der österreichischen Antisemiten, Georg Schönerer, der sich seit seiner Verurtheilung vom politischen Leben zurückgezogen hatte, tritt jetzt wieder hervor. Gestern sprach er im antisemitischen Bezirksverein auf der Wieden und gab dabei, unter stürmischem Beifall seiner Anhänger, einige Wahrheiten über die anderen, gegenwärtig herrschenden Antisemiten-Führer zum Besten. Schönerer sagte u. A.: Der Wiener Antisemitismus habe^einelunerhörte Verlotterung erfahren; ein Streberthum ohne Gleichen habe in ihm Platz ^gegriffen, "das Jeder zum Geschäft, zur Förderung persönlicher Interessen ausnutze. (StürmischerlBetfall.) ''Wenn dieses Streberthum, dieses Herumlaufen mit offenen Knopflöchern noch länger sortdauern solltewenn die Korruption in den Wiener antisemitischen Schandblätlern (Lebhafte Pfuirufe) sich noch länger breit machen sollte, werde er dagegen kämpfen, und wenn Alle abfallen und er allein übrig bleibe (Rufe: Niemals!), dann werde er auswandern (Neuerliche stürmische Rufe: Niemals! Du bleibst bei uns, Schönerer!) nach dem deutschen Nordens dort wo der Deutsche noch sein ererbtes Recht hat, das freie deutsche Wort sprechen kann. (Laute Unterbrechung; Rufe: Hoch Schönerer! und: Wir lassen Dich nicht