Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 34 (28.4.1892)
- Date
- 1892-04-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIil. Jahrgang. Erste Beilage zu M 34 des „Israelit". Leitender Artikel. Äuf der semitische» Wetterwarte. Mainz, 26. April. Das Passahfest ist vorüber und wir sind in die Omerzeit eingetreten. Der Befreiungsmonat brachte in das Dunkel der antisemitischen Hetz- und Haßbewegung einige Lichtstrahle, d. i. die Nachricht, daß die Regierung des mächtigsten deutschen Bundesstaates, die preußische Regierung, dieser Bewegung nicht fördernd und wohlwollend gegenüberstehe. Auch das Centrum scheint sich vom Antisemitismus wieder entfernen zu wollen. Ans unseren jüngsten Artikel „Das Centrum und die Inden- Hetze" übersendet uns die Redaetion der „Kölnischen Volkszeitung", das angesehenste katholische Organ Deutschlands (die „Germania" hat schon längst nur noch geringe Bedeutung) ein Exemplar ihrer Nummer vom 16. Februar, in welcher sie die folgende Stelle ihres damaligen Artikels „Einiges über den Antisemitismus" blau angestrichen hat: „Und da sei von vornherein gesagt, daß wir eine Aenderung in unserer Stellung zur Judensragc nicht eintreten lassen können. Die anti-semitische Agitation, wie sie seit Jahren namentlich in Berlin betrieben wird, läuft im letzten Grunde immer wieder auf die Empfehlung von Ausnahme-Maßregeln gegen die Juden hinaus. Ein solches Bestreben steht mit unserm Staatsgrundgesetze in Widerspruch und kann schon deßhalb unsere Billigung nicht finden. Im Uebrigen sollte man meinen, daß die Katholiken in Preußen so viel unter Ausnahmebestimmungen zu leiden gehabt haben und theilweise noch leiden, daß sie am allerwenigsten solchen das Wort reden können. Das verfassungsmäßige gleiche Recht für Alle ist die sicherste Schutzwehr aller Minderheiten, und die würden wir auch um augenblicklicher politischer Coustellationen oder etwaiger vorübergehender Vortheile willen nicht anstasten lassen." Das ist ein Beweis dafür, daß das Centrum im Großen und Ganzen auch heute noch, nach dem Fall des Volksschulgesetzes, auf diesem Standpunkt steht, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß verschiedene Theile desselben nach dem Tode Windthorst stark antisemitisch geworden sind und daß mit der Unterstützung dieser Bruchtheile die Konservativen eine Ausschlag gebende Mehrheit erzielen zu können glauben. Bei den Letzteren wird, obschou der bekannte Staatssozialist und einstige Genosse Stöckers, Professor Wagner, die Unhaltbarkeit des Antisemitismus in einem Vortrag in Berlin besonders hervorgehoben hat, ruhig weitergehetzt. Muß solchen Hetzen gegenüber es nicht als eine Heiligung des göttlichen Namens, als eine glorreiche Rechtfertigung des Judenthums erscheinen, was aus Ungarn gemeldet wird: „Bekanntlich richtete der Kriegsminister Baron Bauer an sämmtliche Korpskommandanten einen Zirkularerlaß des Inhalts, daß die Mannschaften des k. und k. Heeres jeden vierten Sonntag zum Gottesdienst kommandirt werden sollen. Nun wendete sich der Oberrabbiner, Herr Armin Horowitz, in einer amtlichen Zuschrift an Se. Excelleuz den Freiherrn v. Szvetenay, Kommandanten des XII. Korps, er möge Verfügung treffen, daß alle in der Garnison dienenden Soldaten israelitischen Glaubensbekenntnisses an jedem vierten Samstag behufs Theilnahme am Gottesdienste in die Spnagoge zu führen seien. Der Oberrabbiner machte sich auch anheischig, jedesmal bei Anwesenheit der jüdischen Soldaten eine der Gelegenheit entsprechende Kanzelrede zu halten. Der Korpskommandant gab dem Ansuchen in liberalster Weise unverzüglich Folge und es war am 2. d., als am ersten Samstag, schön anzusehen, wie eine große Anzahl jüdischer Soldaten der verschiedenen Waffengattungen en plein parade unter Führung eines Offiziers in strammster Haltung in den Synagogenhof eimnarschirten. Die Synagogenvorstehung hatte die ganze linksseitige Sitzreihe den jüdischen Soldaten Vorbehalten. Oberrabbiner Horovitz hielt eine Rede, in der er die weise, väterliche Fürsorge Sr. Majestät fiir sein glorreiches Heer pries, indem Maßnahmen zur Stärkung und Hebung des religiös-moralischen Gefühls der Mannschaft getroffen wurden. Nach Beendigung des Gebetes dankte der führende (christliche) Offizier dem Oberrabbiuer für die ausgezeichnete patriotische Kanzelrede und führte die Soldaten aus der Syriagoge. Damit war die erste jüdisch-militärische Lyn'agogenfeier in Ungarn zu Ende." Auch bei unserem deutschen Heere wäre eine solche Einrichtung wünschenswerth und wir wünschten wohl, daß unsere Herren Rabbinen und Gemeindevertretungen die Sache an geeigneter Stelle anregen und zur Sprache bringen würden. Wir sind überzeugt, daß auch die deutsche Militärverwaltung die Sache wohlwollend in Erwägung zu ziehen geneigt sein wird. Auch im deutschen Heere wird es sich ermöglichen lassen, daß jeder jüdische Soldat mindestens allmonatlich einmal den Gottesdienst in der Gemeinde besuchen kann, zu welcher er sich zählt. Aber auch hierin inöge man dem orthodor erzogenen Soldaten den Besuch des orthodoren Gottesdienstes gestatten und iu keiner Weise einen Gewissenszwang ausübeu. Die deutschen Antisemiten fühlen, daß sie an moralischer Macht immer mehr verlieren, und der „Deutsche Antisemitenbund" hat sich aus Wien Verstärkung geholt. Es ist kein Geringerer als der Reichsrathsabgeordnete Schneider, der nach der „Kreuzztg." seinen deutschen Gesinnungsgenossen diejenigen Mittheilnngen über das talmudistische Blutritual vorzulegen gedenkt, „deren Veröffentlichung ihm im niederöstcrreichischen Landtage durch die judenliberale Mehrheit unmöglich gemacht wurde." Gegen Herrn Schneider sind im Wiener Parlamente so schwerwiegende Beschuldigun