Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1892)
- Date
- 1892-04-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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622 (Mb gewesen, denn Jeder, außer den Antisemiten, , weiß, daß der Talmud nichts Unrechtes enthält und gegen Dummheit und Bosheit kämpft man bekanntlich vergebens. Der Antisemitismus ist eine Kulturpflanze, die da, wohin sie verpflanzt wird, zwar leicht Wurzel schlägt, sprießet und gedeihet, aber Gott sei Dank auch leicht wieder verdorrt, rb'b pi rrn r\Vb p “■dk. Als Kind der Nacht ist sie entstanden, als Kind der Nacht wird sie bald wieder verschwunden sein. Interessant wäre es, eine Geschichte und eine Geographie dieser Giftpflanze zu schreiben. Es gibt zwei Arten des Antisemitismus; einen verkappten, schwer zu erkennenden und einen offenen. Der erstere soll sich sogar sporadisch an Stellen zeigen, wo man ihn am wenigsten erwartet. So hatte einer meiner Freunde eine Tante, Voß hieß sie, die wegen ihrer liberalen Ansichten überall bekannt und beliebt war. Daß auch sie antisemitisch angehaucht wäre, hätte Niemand gedacht; aber als sie eines Tages einen ihrer Angestellten, von dem sie zufällig erfahren, daß er Jude sei, wegen angeblicher Untüchtigkeit entließ, da wußten wir alle gleich, was es mit der Untüchtigkeit zu bedeuten hatte. Es hält halt sehr schwer, so ganz ohne Antisemitismus zu fetir. Die so vielgcrühmte „christliche Nächstenliebe" scheint doch noch an manchen Stellen sehr mangelhaft zu sein. Daß der Antisemitismus staatsgefährlich sei, scheint man auch jetzt in Regierungskreisen einzusehen, denn die diesen Kreisen nahestehende offiziöse Nordd. Allg. bringt in ihrer Osteruummer einen Leitartikel über den Antisemitismus, in welchem sie schreibt, daß der Antisemitismus eine verlogene Demagogie sei, die ihr Ziel, einen Umsturz, der noch über den hinausgehe, den der Sozialismus plane, auf verfassungsmäßigem Wege niemals werde erreichen können. Auch das „Bromberger Tageblatt", eine conservative Zeitung ersten Ranges, äußert sich in gleichem Sinne und mit noch schärferen Ausdrücken. Die Erkenntniß dieser von uns längst erkannten und oftmals ausgesprochenen Wahrheit kommt den genannten Organen freilisch etwas spät, aber besser spät als niemals und wir hoffen, daß endlich auch der Revolutionär im Talare einsehen wird, daß sein Leben und Streben im Widerspruch steht mit der Religion, die er zu lehren berufen ist. Ob diese Einsicht eine Aenderung seines Thuns und Lassens hervorzubringen im^Stande sei,"'wage ich nicht zu behaupten, aber der Gott, der einst die Wasser des Nils in Blut wandelte, vermag auch das Blut des Hofpredigers in Wasser zu kehren. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, daß es eine Zeit geben würde, in welcher das Pindter-Blatt das Berdammungsurtheil über den Antisemitismus sprechen könne! Die Zeit ist gekommen und hat abermals gezeigt, daß die Ansichten der Menschen sich ändern wie die Zeiten, daß nur Einer ewig beständig und unveränderlich ist nnd daß dieser Eine: hinneli lo jonum welo jischon schomer jisroel, der Hüter Israels ist, der nie schläft und niemals schlummert. Ja der Dichter hat Recht: Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Geberden Und wirft er Eis und Schnee umher Es muß doch Frühling werden. Und der Völkerfrühling, der anbrechen wird, wird auch uns zu Theil werden, die wir zerstreut unter allen Völkern wohnen und trotzdem durch ewige Bande mit einander verbunden sind. Er wird auch unseren kleinmüthigen und verzagten Brüdern frohe Hoffnung und Zuversicht bringen, daß Israels Zukunft gesichert ist, so lange es seine Bestimmung, ein heiliges Volk zu sein, erfüllt, so lange es in seiner heiligen Sprache noch zu seinem himmlischen Vater betet. O möchte diese heilige Sprache, das heilige Erbe unserer Väter uns wieder so lieb und werth werden, wie sie es unseren Vätern war! Möchten die heiligen Hymnen, die herrlichen Psalmen in unseren Gotteshäusern, in unseren Familien wieder in ihrer Ursprache erklingen, daß die heiligen Laute unserer Jugend nichts Fremdes werden! Wie schwer versündigen sich israelitische Eltern an ihren Kindern, an der Zukunft Israels, wenn sie ihre Lieblinge aufwachsen lassen, ohne daß sie die heilige Sprache lesen und verstehen lernen! Was soll aus einem solchen Geschlecht werden! Können wir ihm unsere Zukunft anvertrauen? Nie und nimmer kann der das Judenthum lieben und für es streiten, der nicht einmal seine Sprache versteht! Eure Kinder lernen Zeichnen, Tanzen, Malen, müssen täglich ihre musikalischen Uebungcn machen — für all diese Dinge findet man Zeit; nur für das Hebräische will sich keine Zeit finden lassen. Man schickt das Kind wöchentlich in die Religionsschule oder läßt es privatim hebräischen Unterricht geuießen und meint, seine Schuldigkeit gethan zu haben. Man ist dann erstaunt, wenn nach einigen Jahren trostlosen Lernens die größte Unwissenheit der Schüler zu Tage tritt. Die Unwissenheit der Schüler und die Erfolglosigkeit eines solchen Unterrichts darf uns nicht in Erstaunen setzen. Lo hamidrasch ikor eloh hammaase. Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern die Hebung, sagen unsere Weisen. Und übt ihr mit euren Kindern die heil'ge Sprache? Wie viele hören im Laufe des ganzen Jahres kein hebräisches Wort im Hause! Die eigene Gebetssprachc klingt ihnen so fremd wie