Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1892)
- Date
- 1892-04-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448250--34053-2481973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXX1U. Jahrgang. fttlnp ju M 33 des „Israelit". Leitender Artikel. Auf der semitischen Wetterwarte. Geehrter Herr Redacteur! Meine Correspondenz lasse in letzter Zeit viel zu wünschen übrig, d. h. ich sei schreibfaul geworden, machen Sie mir zum Vorwurf, aber Sie haben Unrecht. Woher soll ein geplagter Correspondent und Journalist all den interessanten Stoff nehmen, um den geschätzten Lesern und schönen Leserinnen des „Israelit" nicht langweilig zu werden, denn die Langeweile ist doch sicher die schlimmste Sünde des Journalisten. „In „Israel" passirt nichts neues", sagte neulich ein alter, sehr frommer Herr zu mir, und als ich ihn um den Beweis seiner Behauptung anging, lächelte er mitleidig über meine Unwissenheit und sagte: „En kol chodosch tachas haschomesch, also auch in Israel nicht." Ich mußte ihm theilweise Recht geben, denn die ewigen Gottesgesetze der Natur wiederholen sich nur und alle Entdeckungen und Erfindungen unserer Zeit sind in irgend einer Form schon einmal dagewesen. Sogar die Mikroorganismen, die Bakterien, Mtkrokokken und Bazillen sollen unfern alten Weisen des Talmuds schon bekannt gewesen sein und manche sanitäre, religionsgesetzliche Maßregel, deren Grund uns unerfindlich erscheint, mag auf die Kenntniß dieser kleinsten aller Lebenwesen zurückzuführen sein. In Israel passirt nichts, denn es scheut nicht das Licht der Sonne. Sonnenklar liegen aller Welt die Gesetze, Gebote und Vorschriften seiner Religion vor Augen und doch will man sie nicht erkennen, sie fälschen, um Israel zu verdächtigen. Zu dem, was die Unwissenheit, Dummheit und Bosheit der Antisemiten aus einer ganz leicht verständlichen Talmudstelle gemacht hat, zu der Fälschung, welche jene Helden zu produziren sich nicht entblödeten, gesellt sich eine Nachricht, die aus Sachsen kommt und die uns insofern mit Entrüstung erfüllt, als durch eine Verfügung der Regierung jenes Landes ein unerträglicher Gewissenszwang aus unsere in Sachsen lebenden Glaubensbrüder ausgeübt wird. Durch die Bestimmung, daß dem Schlachten der Thiere eine Betäubung vorausgehen muß, ist unfern Glaubensgenossen mit einemmale die Fleischnahrung entzogen, oder sie müßten nur Geflügel verzehren, denn dieses ist, wie ich vermuthe, von der dem Schlachten vorhergehenden Betäubung befreit und deßhalb noch rituell zu schlachten erlaubt. Wir fragen ganz gehorsamst an, ob auch das Wild, ehe die Jäger cs schießen, betäubt werden muß, oder ob sich die Thierfreundlichkeit nur aus Borsten- und Rindvieh erstreckt? Dann würden wir aber entschieden den von der Thierfreundlichkeit ausgeschlossenen Mitgliedern des Thierreichs als da sind: Hasen, Rehe, Hirsche, Wildschweine, Rebhühner, Schnepfe 2c., Fische, Austern, Frösche, Schnecken, Krebse 2c. zu einer Eingabe nach bekanntem Muster rathen, in denen sie von der sächsischen Regierung den Befehl resp. die Verfügung erbitten, daß ihrer Tödtung zum Mindesten eine Oblorokormenarkoss vorangehe. Auch jeder Verbrecher, der sein Verbrechen mit dem Leben zahlen muß, sollte zuvor betäubt werden. Oder verdient der Mensch nicht mindestens denselben Schutz wie das Schlachtvieh? Wohin kämen wir, wenn wir die Consequenzen dieser thierfreundlichen Verfügung weiter verfolgen wollten! Oder ist der Gewissenszwang, der durch diese Verfügung auf die sächsischen Juden ausgeübt wird, ein Aequivalent für den vermeintlichen Thierschutz? Wir wollen keine Controverse über das Schächten und seine Vortheile heraufbeschwören; diese Akten sind längst geschlossen, aber wir wollen protestiren gegen den Gewissenszwang, den man des lieben Viehes halber in einem deutschen Bundesstaat deutschen Unterthanen auferlegt. Und hilft unser und euer Protest nichts, ihr Glaubensgenossen in Sachsen, so befolget das Wort unseres allverehrten Kaisers, schüttelt den Staub von Euren Pantoffeln und kehret dem Lande den Rücken, welches auf Euch solchen Gewissenszwang ausübt. Unser deutsches Vaterland ist groß genug, um Euch allen, allen Raum zu gewähren, den Gesetzen Eurer Religion gemäß leben und wirken zu können. Conseguent muß der Mensch sein. Krebse werden bei lebendigem Leibe gekocht, Hirsch und Reh angeschossen — das Horn- und Borstenvieh jedoch darf nur nach vorhergegangener Betäubung getödtet werden. Warum? — tel est son plaisir! *) Aus den größten Feinden des Judenthums läßt Gott den Juden Heil erstehen. Wahrlich, dieser Satz hat sich abermals bewahrheitet, denn einer der wüthendsten Antisemiten Oesterreichs trug in Wien darauf an, eine gewisse Summe für eine behördlich zu veranstaltende Übersetzung des Talmuds zu bewilligen. Leider ist der gute Mann von seinen eigenen Parteigenossen nicht genügend unterstützt worden, so daß der Antrag nicht angenommen wurde. Es wäre auch hinausgeworfenes *) Wir werden dieses Thema in nächster Nummer n"’fr$ eingehender behandeln. Red.