Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1892)
- Date
- 1892-04-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Öffnung kam, um Wasser und Brod' zu reichen. Freute sich doch Jakow, wenn der wachhabende Soldat fein glotzendes Gesicht vor die Spalte brachte, denn er war doch auch ein Mensch, eines jener fühlenden Wesen, von denen Aska sonst so gänzlich geschieden war. Freilich durste weder der Soldat, noch der Gefangene etwas reden, allein der bloße Anblick eines Lebendigen that dem Unglücklichen wohl in dem endlosen Einerlei seines verzweiflungsvollen Daseins. Jakow hatte ein weiches, liebebedürstiges Naturell und dem offenen, harmlosen Jüngling hatte es während seines ganzen früheren Lebens nie an Personen gefehlt, die ihm in Liebe und Freundschaft zugethan waren. Anfangs vermeinte er sterben zu müssen in seinem Kerker, nicht ans Hunger und Durst, unter denen er ebenfalls schwer zu leiden hatte, nicht aus Ermangelung jedes körperlichen Bedürfnisses, sondern ans Sehnsucht nach Menschen, aus Sehnsucht nach denen, die er liebte und um deren Schicksal er bangte. Allmäh ch aber lernte er auch diese Regungen seiner Seele lemeistern und eine stille, heilige Gesinnung kam über ihn, die ihre Stärke suchte in der Ergebung in den Willen Gottes, im Ertragen seiner Schickungen. Er erinnerte sich jenes Gespräches, das er vor Monaten mit seinem Freunde Michail Wasiljewitsch über den Czarengünstling geführt und er sah ein, daß er jenen Mann thatsächlich ungerechter Weise beleidigt; er vermochte sich in seiner Gottergebenheit eine That abzugewinnen, die die Nacht seiner Gefangenschaft mit freundlichem Lichte erhellte, er vermochte es, seinem Peiniger zu vergeben und ohne Haß an ihn zu denken. Ohne den Willen Gottes fällt kein Haar von unserem Haupte, sagte er sich, und ohne des Höchsten Willen wird Iwan Alexandrowitsch weder meiner Braut, noch meinen Eltern Böses zu thun vermögen. Aus dem wildausbrausenden, leidenschastsvollen Jüngling, der oft ohne Neberlegnng gehandelt hatte, war ein ruhiger Mann geworden, bei dem Geist und Herz in Einklang gekommen waren. In dieser Verfassung traf ihn der Großpope, dessen Verlangen Jakow bescheiden und höflich, aber bestimmt zurückwies. Seit jenem unerwünschten Besuche hatte kein zweiter das stille Denken des Gefangenen unterbrochen; eine Fülle von Fragen und Problemen, über die er im Geräusch des lebendigen Tages nicht Zeit gefunden, nachzudenken, stiegen nun in ihm empor und wurden von ihm gelöst, ein stiller Dulder, ein wahrer Philosoph, verwünschte er sein Unglück nicht mehr. „Nur der Unwissende ist wirklich arm", lehrt der Talmud. So saß nun Aska eines Tages wieder aus dem Boden, ganz in sich und seine Gedanken versunken, als eine leise, liebevolle Stimme seinen Namen ries. Wie aus einem Traume erwacht, schaute er empor und trotz des Dämmerlichtes erkannte er sie, sie, die einzig Geliebte. Er sprang aus, er stürzte vorwärts, er breitete weit die Arme aus, doch seine Hände trafen nur das feuchte, kalte Gestein der Kerkermauer. War es eine Vision, eine Fata Morgana? Doch nein! Wiederum hörte er ihre liebe, süße Stimme, das war sie selbst, das konnte keine Täuschung sein. Er preßte das erglühende Gesicht an die Maueröffnung, es schien, als ob er mit seiner Brust die neidische Wand hinwegzudrängen strebe. „Meine Rosa, Rosa!" ries er, außer sich vor Sehnsucht und Glück. (Fortsetzung folgt.) Der .JSraellt" erscheint wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Boge». 9td8 Sei Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, sür's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganz: jährig, Kalbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen au. — Durch den Buchhandel bestehen bei E. $. Ktrinalbrr. Leipzig, Doßplah 18. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzrile oder deren tarn. — Öesterreichische Banknoten laut CourS. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., sür's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Zur Erinnerung an Dr. Lehmann Von Rabbiner Dr. Sänger. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Altona. Samter. Rüdesheim. — Oesterr.-.Ungar. Monarchie: Wien. — Frankreich: Paris. — Rußland: St. Petersburg. Odessa. Kovel. — England: Manchester. — Amerika: Washington. — Bulgarien: Sofia. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Günstling deS Czaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Ion. Lehmann, vr. phii. (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Auf der semitischen Wetterwarte. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Leipzig. Wreschen. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. — Italien: Rom. — Rußland. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Berzeichmsse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition deS „JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hofbuchdrnckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilage«.