Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1892)
- Date
- 1892-04-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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619 „Ich Haffe ihn nicht", sagte Rosa ruhig. „Nicht?!" fragte der alte Mann. Ein feiner Beobachter hätte in des Boten Zügen eine plötzlich aufzuckcude, frohe Betroffenheit wahrnehmen können; Rosa aber bemerkte dies rasch wieder verschwindende Mienenspiel nicht. „Mein Vater hat mich gelehrt, daß wir auch unsere Feinde lieben sollen", erwiederte sie. „Wie edel Ihr seid", brach der alte Bauer hervor, riß Rosa's Hand an sich und drückte einen langen, heißen Kuß auf dieselbe. „Liebt Eure Feinde, liebt sie und Ihr werdet selig werden, weß' Glaubens Ihr auch seid," sprach er mit weicher Stimme, „und auch der Haß Eurer Feinde wird sich in Liebe und Milde wandeln." „Das walte Gott!" sprach Rosa innig. Der Alte ging und versprach in wenigen Tagen wiederzukommen, Rosa aber nahm sich vor, den Schloßherrn auf das Dringendste zu bitten, den braven, alten Knecht in seine Dienste zu nehmen. „Ein liebes, prächtiges Kind", flüsterte der Bauer in sich hinein, als er auf die Landstraße gelangt war, „wäre sie eine russische Fürstin, ich glaube, ich würde sie zu meinem ehelichen Weibe nehmen. Glück auf, Iwan, Dein Wetterglas ist wieder im Steigen. Es wäre auch eine allzugroße Schande für mich gewesen, wenn ich von einer einmal erstrebten, bereits begonnenen Angelegenheit abgestanden wäre." Zwei Tage später kam Lydia auf das Laudschloß, um dort einige Wochen zu verbringen und sie gewann Rosa in jeder Stunde, die sie mit ihr verbrachte, lieber; gern gewährte sie die Bitte, den alten Boleslaw in Dienst zu nehmen, wenn er wiederkomme. That sie doch innerlich dem jungen Mädchen Abbitte, das sie früher für eine aufdringliche und herzlose Kokette gehalten hatte. Jetzt war es ihr indessen vollständig klar geworden, daß Rosa ganz ohne Schuld die Verfolgung Jwan's erduldet hatte und da Lydia jetzt den Czarengüuftling nicht mehr liebte, sondern glühend haßte, weil er ihre Eitelkeit beleidigt, ja, da sie sich bewußt wurde, daß sie ihn nie wahrhaft geliebt hatte, erblickte sie auch in Rosa nicht mehr eine Nebenbuhlerin und dachte tagaus, tagcin darauf, wie es möglich wäre, jene mit ihrem Bräutigam zu vereinigen. Der Gouverneur aber weigerte sich entschieden, den Gefangenen frei zu geben, bevor ihm hierzu von Petersburg Vollmacht gekommen wäre. Nur dazu verstand er sich, eine diesbezügliche Anfrage an den Chef der politischen Polizei zu richten. Auch gelang es Lydia durch herzliche Bitten zu erwirken, daß Rosa den Gefangenen sehen und sprechen dürfe. Zwar in die Zelle des Eingekerkerten konnte man sie nicht bringen, da Iwan sowohl den Schlüssel derselben mit sich geführt, als auch noch zu aller Vorsicht vor seiner Abreise sein Siegel an die Thürspalte der Zelle gelegt hatte, damit der Gefangene in der Abwesenheit des Czarengüustlings weder herausgelassen werden, noch Jemand zu ihm hineinkommen könne. Nur durch die schmale Oeffnung, durch die Wasser und Brod gereicht, und durch die der auf dem Gefängnißgang patrouillirende Soldat den Gefangenen von Zeit zu Zeit zu beobachten hatte, sollten die Liebenden sich sehen und sprechen. O. Du glückliches Auge, das Du niemals eine Geheimzelle für politische Verbrecher im heiligen Czarenlande gesehen. Du denkst Dir, Beneidenswertster, einen geräumigen Kerker, aus Quadersteinen fest gefügt, mit einem Boden von Holz oder Stein, vielleicht mit einem Strohsack oder doch wenigstens einer Pritsche zum Schlafen, mit einem Behälter für Absonderungen; Du strengst vielleicht Deine Phantasie an, Dir einen raffinirt schrecklich ausgestatteten Raum vorzustellen. Du irrst. Dergleichen Wohlthaten gibt es in Rußland nur für gemeine Verbrecher oder wegen Verdachts der Unzuverlässigkeit heerdenweise Verschickte, sie erhalten Pritschen und Behälter, hier findest Du die Merkmale eines Kerkers, die Geheimzellen aber sind weit einfacher, von einer entsetzlichen, grauenhaften Einfachheit. Eine Geheimzelle besteht meistens aus einem eins bis zwei Meter großen Raume, in dem der Gefangene sich nicht ausstrecken, sondern nur zusammengekauert liegen kann. Der Boden ist die gänzlich unbedeckte, lehmige, feuchte Erde, auf der der Auswurf von Geschlechtern sich angehäuft. Hier mag der Gefangene liegen, wenn die Müdigkeit ihn übermannt, ein Möbel irgend welcher Art gibt es nicht in diesem Raume. Ein Fenster wäre königlicher Luxus, nur durch die erwähnte Speiseöffnung tritt ein matter Lichtschimmer in diesen furchtbarsten aller Kerker, in dem der Gefangene gleichsam eingemauert ist. Von Kennern der russischen Verhältnisse wird behauptet, daß Niemand länger als ein Jahr in solchen Zellen zu leben vermöchte. Wer dem erlösenden Tode nicht anheimfällt, dem umnachtet der Wahnsinn gnädig die Sinne und dann bringt man ihn in ein Irrenhaus, denn dann ist er ja nicht mehr gefährlich. Ein hoher Prozentsatz „der Politischen" wird jährlich von diesem Schicksale erreicht. Die blühende Gestalt Jakow's war bis zur Unkenntlichkeit abgemagert, in dumpfem Trübsinn verbrachte er seine Zeit, er wußte nicht, ob es Tag war oder Nacht und die einzige Unterbrechung dieser Einsamkeit brachte der Gefängnißwärter, der stets nach achtundvierzig Stunden wieder vor die Speise-