Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1892)
- Date
- 1892-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448250--34047-2481967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
615 Priesters doppelt merkwürdige Auffassung der christlichen Nächstenliebe hervorgethan. Er hatte da nämlich gesagt: „Die christliche Nächstenliebe beruht auf dem Satze: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst, das ist die wahre Nächstenliebe, wie sie der Stifter der chr. Religion gepredigt hat, dann erst kommen die Blutsverwandten: erst kommt die eigene Person, dann kommen die Eltern, dann die Geschwister, dann alle Anderen, die uns näher stehen. Das ist das Naturgesetz. Da uns die Juden am entferntesten stehen, kommen sie zuletzt. Das wollte ich zur Aufklärung sagen." Darauf hatte der liberale Abg. Prof. Sueß erwidert: „Ich muß als Lake sagen, daß das, was er (P. Schnabel) in Bezug auf die christliche Nächstenliebe sagte, ganz unglaublich klang. Die christliche Nächstenliebe fängt nicht bei sich selbst an, sie muß sich vielmehr selbst aufopfern für Andere. (Rufe bei den Antisemiten: Ja, für die Juden!) Das, was Abgeordneter Schnabl gesagt hat, ist das Gegentheil von christlicher Liebe. Wien, 13. April. (Jahresbericht der Baron- Hirsch-Stiftung.) Das Curatortum der von Baron Hirsch zur Förderung des Volksschulunterrichtes unter der israelitischen Bevölkerung in Galizien und in der Bukowina ins Leben gerufenen Stiftung versendet nunmehr seinen Bericht über das erste Verwaltungsjahr. Die Constituirung des Curatoriums erfolgte am 7. Februar 1891. Anwesend waren hierbei fünfzehn Mitglieder des Curatoriums, unter diesen auch der Vertreter des Stifters, Dr. Jo ly. Ais Regierungs-Commissär war der Statthaltereirath v. Szawlowski erschienen. Zum Präsidenten wurde Joseph Ritter v. Fürth gewählt. In seiner Begrüßungsansprache legte der Präsident die Ziele der Stiftung dar und bemerkte dabei, „diese wolle nicht die Kinder eines Landes ihrem engeren Vaterlande entfremden. Arbeit und Gesittung sollen sie vielmehr ihren Mitbürgern näher bringen. In dieser Wirksamkeit liege die patriotische und die culturelle Mission der Stiftung, welcher man nicht nachsagen könne, daß sie die einseitige Begünstigung einer Race oder Confession sei, da deren Wirkung der Gesammt-Bevölkerung zugute kommen soll." Die Stiftung übernahm sofort die Schulen für isr. Kinder, welche von der Israelitischen Allianz aus den ihr von Baron Hirsch zur Verfügung gestellten Mitteln begründet wurden, und zwar die Schulen in Tarnow, Neu-Sandec und Boryslaw, sowie später die Schulen in Chrzanow,^Stanislau, (Kolomea, Walanka und die Hcmdwerkcrschule in Krakau. Auch beschloß sie, die Schule vorffZabtocie zuWbventioniren und ebensoAene von Brody zu unterstützen. .Eine^neue Schule wurde^in Buczacz ins Leben gerufen. Am Schluffe des Verwaltungsjahres waren in den acht Volksschulen 1789 Kinder eingeschrieben mit einem Jahresaufwande von 31,877 fl. An Subventionen wurden im Jahre 1891 verausgabt 8880 fl., an Stipendien wurden 30,550 fl. verwendet. Für das Jahr 1892 wurde die Errichtung von Kindergärten in Stry, Wiznitz (Bukowina) und Klasno mit einem Gesammtaufwande von 5050 fl., ferner die Gründung von einklassigen Volksschulen in Horodenka, Wisniez (Galizien), Brzesko, Mielec und Tanobrzeg mit einem Kostenanschläge von 10,600 fl. beschlossen. Ueberdies wurden für das Jahr 1892 Subventionen für die Handwerker-Abendschulen in Sambor, Tarnow, Chrzanow und Tarnopol mit 1300 fl. votirt und an Subventionen pro 1892 für die Schule in Ulanow und für Anschaffung von Lehrmitteln für Neu-Sandec und Gorlice und die Korbschule in Mielec 3900 fl. ausgeworfen. Für Mittagskost und Ankauf von Kleidern wurden 7680 fl. verausgabt. Die von der Israelitischen Allianz ins Leben gerufene Handwerkerschule, für welche Herr Dr. Arnold Rapoport v. Porada ein Gebäude errichten ließ, wurde von der Stiftung übernommen (gegenwärtiges Jahresbudget 14,970 fl.) und wird in eine für 80 Zöglinge geeignete Fachschule für Schlosserei und Tlschlerei umgestaltet. Es verdient erwähnt zu werden, daß in Uebereinstimmung mit Artikel 6 der Statuten der Stiftung die Schule in Wolanka auch von 38 christlichen Kindern besucht wird, denen ein Katechet den Religionsunterricht ertheilt. Desgleichen wird auch die Hirsch'sche Stiftungsschule in Zablocie von christlichen Schulkindern frequentirt. Der Ausweis des Schatzmeisters Herrn S. Ritter v. Bauer beziffert den Nominalwerth der Stiftungseffecten mit 6.976,934 fl. 90 kr. Frankreich. Paris. M. Bödarrides, Senatspräsident am Cassationshofe, dem höchsten Gerichtshöfe Frankreichs, hat auf seine Stellung resignirt, da er bereits die zulässige Altersgrenze erreicht hat. Derselbe erhielt aus diesem Anlasse den Titel eines ersten Ehrenpräsidenten. M. Bsdarrides ist der erste Jude, welcher eine so hohe Ehrenstelle einnahm, in welcher er sich die Achtung aller Collegen erwarb. M. Camille Lyon, wurde zum Cabinetsdirektor des neuen Ministers für Justiz und öffentliche Arbeiten ernannt. M. Drumond und seine kleine Antisemitenbande werden diese Beförderung eines Juden auf einen hohen und einflußreichen Posten gewiß nicht mit viel Vergnügen zur Kenntniß nehmen. Rußland. St. Petersburg. Eine höchst wichtige Entscheidung des dirigirenden Senats wurde dieser