Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 31-32 (21.4.1892)
- Date
- 1892-04-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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598 angenehm, wenn hin und wieder etwas Antisemitismus getrieben werde. Es sei eben reine Jnteressenpolitik. Zu anderer Zeit trete diese Partei wieder gegen den Antisemitismus auf. Diese Politik sei geradezu ekelerregend. So etwas kann man der Sozialdemokratie nicht Nachweisen. Eine besondere Rolle in dieser Frage spiele der kleine Handwerker. Der größte Theil derselben wolle vom Antisemitismus nichts mehr wissen. Sie wüßten, daß ihnen die Ausßerkurssetzung des jüdischen Kapitals nichts nützen würde, denn es würde sofort die Herrschaft des christlichen Kapitals an Stelle treten. Die Arbeiter wüßten auch, daß es sich in einem jüdischen Geschäft ebensogut leben lasse, wie in einem Geschäft, dem ein Christ vorstehe. (Rufe: Sehr richtig!) Die Handwerker, welche auf dem vormärzlichen Standpunkt ständen, glaubten, wenn sie z. B. sähen, daß die Schuhfabriken in den Händen von Juden seien, wenn sie ihr Rohmaterial nur vom Juden kaufen könnten, daß die Juden an ihrer Lage die Schuld trügen. Sie dürften aber nicht den Juden verantwortlich machen, sondern das Kapital. Die Sozialdemokratie bekämpfe das Kapital im Juden, aber nicht den Juden im Kapital. Die liberalen Häupter glaubten, in der antisemitischen Bewegung nichts anders sehen zu können, als ein Produkt des Herrn Stöcker und Genossen; sie litten an Sachblindhett. Das antisemitische Programm könne nur bet politisch ungebildeten Leuten verfangen. Kein Sozialdemokrat könne grundsätzlicher Antisemit sein. Jeder Jude sei als Genosse willkommen. Redner schließt mit den Worten Fichtes: „Gleichheit für Alles, was Menschenantlitz trägt." (Lebhafter Beifall.) Obschon Ihre geschätzte Zeitung jeder politischen Richtung fern steht, wird es für die Leser derselben doch von hohem Interesse gewesen sein, zu erfahren, welche Stellung die sozialistische Partei dem Antisemitismus gegenüber einnimmt. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 16. April. Der Antisemitismus hat dadurch, daß ein ansehnlicher Theil der konservativen Partei ihn als zugkräftiges Agitationsmittel in ein neues konservatives Programm aufnehmen will, neuerdings mehr politische Bedeutung gewonnen, als bisher. Es ist daher nicht ohne Bedeutung, daß heute die „Norddeutsche Allg. Ztg.", in einer längeren unzweifelhaft offiziösen Auslassung Stellung gegen den Antisemitismus nimmt, und die Konservativen ernsthaft vor einer Verbindung mit demselben warnt. In dem Artikel wird die antisemitische Bewegung in ihren Anfängen als eine sittliche Reaktion gegen das Treiben der Börse, die Gründungen, gegen einen Theil der Presse und der öffentlichen Vergnügungen als erfreuliche Erscheinung gerechtfertigt und als eine Empörung des deutschen Volksgemnths hingestellt. Dann aber heißt es weiter: „Leider mischten sich der aus so berechtigten Ursprüngen hervorgegangenen Bewegung alsbald Elemente bei, welche auf das Prädikat einer gerechten, humanen und vorurtheilsfreien Gesinnung nur sehr bescheidenen Anspruch hatten. Unter dem Einfluß derselben verkehrte sich die sittliche Reaktion gegen vereinzelt hervortretende Untugenden in eine Hetze gegen die Staatsbürger mosaischen Glaubens oder israelitischer Herkunft. Unter ihrem Einfluß artete eine Bewegung, welche, wenn sie als eine wirksame und fruchtbare sich erweisen sollte, an das appelliren mußte, was aristokratisch ist im deutschen Charakter, an Tapferkeit, Geradsinn, Uneigennützigkeit, Vornehmheit der Gesinnung — in eine Demagogie aus, welche auch den pöbelhaftesten Mitteln gegenüber sich nicht allzu wählerisch zeigte. Wie man immer den Begriff des Konservativen definiren möge, jedenfalls gibt es zwei Merkmale, die von diesem Begriff nicht zu trennen und dabei für denselben so wesentlich sind, daß, wo diese Merkmale nicht zntreffen, auch jegliche Spur eines konservativen Verhaltens verschwindet. Der Antisemitismus, wie er sich heutzutage gestaltet hat, verletzt in stärkerem Maße, als irgend eine andere Parteiagitation, auch die sozialdemokratische nicht ausgenommen, die beiden fundamentalsten Grundsätze einer konservativen Politik. Der Konservatismus dringt seiner Natur nach überall auf das Wesen der Dinge; — zeigen sich irgendwo im öffentlichen Leben Schäden oder ungesunde Erscheinungen, so erbost er sich nicht gegen zu Tage tretende Symtome; am Allerwenigsten glaubt er soziale Krankheiten heilen zu können, indem er gegen die Personen loszieht und schlägt, welche damit behaftet sind. Es liegt im Wesen des Konservatismus, daß er sich gewissenhafter als andere Geistesrichtungen auf die Ursachen der Erscheinungen besinnt. Der heutige Ansemitismus besinnt sich auf gar nichts. Er begnügt sich, zu schreien: „Juden heraus!" Das A und O seiner politischen Weisheit ist hierin beschlossen. Und doch dürfte ein Moment des Nachdenkens genügen, um auch der beschränktesten Intelligenz klar zu machen, daß, wenn z. B. von der Börse heute alle Cohn und Levy ausgeschlossen würden, ebenso viele Müller und Schulze an deren Stelle getreten wären uud die Börse bliebe ganz genau dasselbe, was sie vorher war, wobei die Frage für den Augenblick unerörtert bleiben soll, ob es nicht ebenfalls ein unkonservatives Herumkuriren an Symptomen ist, wenn immer gegen „Ausschreitungen" der Börse gezetert wird, während es sich doch mehr um Ausschreitungen derjenigen handelt, welche an die Börse gehen, ohne durch ihre Berussthätigkeit irgendwie dazu veranlaßt' zu sein. Und hiermit kommen wir zu dem zweiten Charakterzug, welcher die sämmtlichen Spielarten des heutigen Antisemitisnms abgrundtief von jeder konservativen Gesinnung scheidet: Die Demagogie lügt. Das Wesen des Konservatismus erheischt Wahrheit. Die konservativ gerichtete Denkungsart sieht die Dinge, wie sie sind; verspricht nichts, was nicht gehalten werden kann, steckt sich klare Ziele und prüft stets aufs Gewissenhafteste