Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 31-32 (21.4.1892)
- Date
- 1892-04-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Keil, M M 31 & 32 des „Israelit". Leitender Artikel. Die Stellung der Sozialdemokratie zum Antisemitismus. Breslau, 28. März. Am Sonntag Mittag fand im Saale der „Concordia" auf der Margarethenstraße eine Volks-- Versammlung statt, welche sehr stark besucht war. In derselben sprach Schuhmacher und derzeitiger Expedient der „Volkswacht" Zahn über „die antisemitische Bewegung in Deutschland". Unsere Provinz sei, wie Redner aus führte, in den letzten Tagen der Schauplatz einer Agitation gewesen, bei der man Konkurrenzneid, Hurrahpatriotismus und andere schöne Eigenschaften habe wahrnehmen können. Man müsse sich wundern, daß eine derartige Bewegung immerhin einen so großen Umfang hätte annehmen können. Man müsse sich wundern, wie man diesen Leuten die Wege ebne. Die Sozialdemokraten wüßten ganz genau, wie schwer es sei, Agitation zu treiben. Man wache mit Argusaugen darüber, daß ja keine sozialdemokratische Versammlung abgehalten werde. Den Antisemiten aber würden Lokale mit großer Bereitwilligkeit gewährt. Diese antisemitischen Versammlungen gestalten sich zu Radauversammlungen- Man könne nun sagen, daß keine Partei der antisemitischen Bewegung so theilnahmslos gegenüberftehe, als die sozialdemokratische. Dazu habe sie auch allen Grund. Der Antisemitismus bekämpfe den Auswuchs des Kapitalismus. Und darin begegnen sich Sozialdemokratie und Antisemitismus. Erstere aber dürfe nicht soweit gehen, daß an den Juden Gewaltakte begangen würden, wie im Mittelalter. *) Wenn es einmal so weit kommen sollte, dann würde es die Sozialdemokrate sein, welche die allgemeinen Menschenrechte der Juden wahren würde. Die liberalen Häupter hätten die Ursache dieser Bewegung nicht begriffen, im Gegentheil sie hätten sich der Erkenntniß vollständig verschlossen, Für die Sozialdemokraten sei cs selbstverständlich ein Leichtes, die Bewegung verstehen und erkennen zu lernen. Es sei richtig, daß eine große Anzahl 1) Die Socialdemokratie verfällt hier in denselben Jrrthum, in dem der Antisemitismus sich befindet, indem sie die Auswüchse des Kapitalismus den Juden zuschiebt; es ist längst statistisch nachgewiesen, daß daran die Juden den kleinsten Antheil haben, wie überhaupt der übergroße Reichthum der Juden im Verhältniß zu ihren nichtjüdischen Mitbürgern nur Fabel ist. (Dergl. Antisemitenspiegel I. Lieferung.) Der Jude ist auch hier, wie leider bei so vielen anderen Gelegenheiten, weiter nichts wie der unschuldig gehauene Prügelknabe. Red. unsere jüdischen Mitbürger eine Stellung einnehme, die vielen Gelegenheit biete, sie zu beneiden. In Folge ihrer Strebsamkeit und glücklicher Umstände hätten viele Juden Vermögen sammeln können, wie es dem Adel im Mittelalter bei seinen Räubereien nicht möglich gewesen sei. Wenn man ferner bedenke, daß die Abzahlungsgeschäfte sich zum größten Theil in Händen von Juden befänden, wenn es jüdische Wucherer gebe, welche Ossizieren Geld vorstreckten,?) so sei es erklärlich, wenn sich ein Haß gegen die Juden entwickle. Der Redner zeigte nun in einem geschichtlichen Rückblick, welche Greuel im Mittelalter gegen die Juden begangen worden. Wenn das Christenthum diese Greuel zugelassen, so thue die Arbeiterklasse ganz Recht, wenn sie die soziale Frage aus eigener Kraft zu lösen suche. Alle Diener der Kirche, welche einen Stein auf die Arbeiter würfen, hätten alle Ursache in sich zu gehen; sie würden besser thun, wenn sie sich den Sozialdemokraten anschlössen. Wenn selbst von der Kanzel herab, wie dies hier jüngst geschehen, gegen die sozialdemokratische Bewegung Stellung genommen werde, so sei dies ein Zeichen, welche Bedeutung sie gewonnen habe. Im Jahre 1848 sei, wie Redner fortfährt, jedes Borurtheil gegen die Juden geschwunden, weil man das jüdische Kapital zum Großbetriebe bedurft hätte. Die Befreiung dieser Volksklasse sei also nicht auf ein ethisches Moment zurückzuführen. Wenn das Bürgerthum tut Stande gewesen wäre, sich aus sich selbst heraus zu helfen, so würden die Juden uoch heute die alten Bedrückungen zu erfahren haben. Mit der Ausdehnung des Kapitals sei aber den Christen die Concurrcnz der Juden unbequem geworden. Diese aber werde man nicht mehr so bequem los wie die Proletarier. Die Sozialdemokraten können der antisemitischen Bewegung mit Ruhe entgegensehen, denn es könnten ihr durch dieselbe höchstens eine Hand voll Stimmen verloren gehen. Wenn sich jetzt auch der Adel an der Großproduktion betheilige, um sich dieselben Genüsse verschaffen zu können wie das Bürgerthum, so könne dies der Sozialdemokratie nur angenehm sein; denn je mehr sich das Kapital in einzelnen Händen anhäufe und je größer die Zahl der Proletarier anwachse, umsomehr nähere sich die Sozialdemokratie ihrem Ziele. Selbst die nationalliberale Partei unterstütze, wie Redner fortfährt, bis zu einem gewissen Grade den Antisemitismus. Stöcker sei schon wiederholt mit Hilfe der Nationallibcralen gewählt worden. Die nationalliberale Partei vertrete das große mobile Kapital und da sei cs ihr 2) Es giebt noch mefit nichtfiidische. .-Web.