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Der Israelit · 1892-04-21 · Heft 31-32 (21.4.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 31-32 (21.4.1892)
Date
1892-04-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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den Katholiken schon den Vorwurf gemacht, sie seien Reichsfeinde, sie erkannten einen Fremden als ihr Oberhaupt an! Vielleicht helfen wir den Antisemiten, daß die Juden aus dem deutschen Reich vertrieben werden, und zum Danke dafür müssen wir es uns gefallen, daß man auch uns des Bürgerrechts in dem nationalen protestantischen Staat für unwürdig erklärt. Oder hat man es den Jesuiten anders gemacht? Im Kriege 1870 haben sie sich im Dienste des Vaterlandes ausgezeichnet, daß man sie mit Ordensauszetchnungen schmückte, und nach dem Schluffe des Krieges hat man sie zum Danke aus dem Deutschen Reich vertrieben. Die Antisemiten wollen Aufklärungsschriften über die Gefährlichkeit des Judenvolkes verbreiten. Ja, ist denn das Judenvolk als solches gefährlich? Gewiß nicht! Wir haben gesehen, wie weder in der Thora noch im Talmud, wenn sie nach der gegenwärtig allgemein geltenden Erklärung befolgt werden, eine Gefahr für die Christen liegt; wenn es unter dem Judenvolke volksgefährliche Elemente gibt, so bilden dieselben nicht das ganze Volk. Es geht eben bei dem Judenvolke, wie es auch bei den Christen geht. Bei vielen Juden hat die Beschneidung gerade so viel Werth wie der Taufschein bei den Christen, und nur mit Unrecht zählt man dieselben zu den Juden oder Christen. Ein Sabor, ein Singer und andere Sozialdemokraten, die gewöhnlich als Juden aufgeführt werden, machen schon seit Jahren, wie mir mitgetheilt wurde, die religiösen Gebräuchen der-Juden nicht mehr mit, und sie können darum ebensowenig zu den Juden, wie Most und andere Sozialdemokraten zu den Katholiken gerechnet werden. Und gibt es denn nur jüdische Wucherer? Gibt es ,'nicht auch Christen, die vielleicht noch schlimmere Halsabschneider sind als die Semiten? Mir fällt da unwillkürlich ein altes Geschichtchen ein. In ein Kloster kam von Zeit zu Zeit ein Mann und brachte ein kleines Almosen; bei dieser Gelegenheit wiederholte er jedesmal die Bitte, die Prediger möchten recht scharf und eindringlich und recht oft gegen den Wucher ihre Stimme erheben, denn nichts sei abscheulicher und gefährlicher und verderblicher als der Wucher. Und was hat sich später herausgestellt? Dieser Mensch war selbst der ärgste und gefährlichste Wucherer, der nur deßhalb gegen den Wucher gepredigt haben wollte, damit die anderen Wucherer sich bekehren sollten, und er dann ohne Konkurrenten sein verderbliches Geschäft betreiben könnte. Fast möchte es scheinen, als ob auch unter den Antisemiten gar manche nur deßwegen sich gegen die jüdischen Wucherer ereifern und dieselben aus dem Deutschen Reiche vertrieben wissen wollen, weil sie ohne die lästige jüdische Konkurrenz ihre sauberen Geschäfte mit um so größerem Erfolg betreiben möchten. Und warum will man nur „das jüdische auf Irreführung und Entsittlichung des Volkes hinarbeitende Zeitungswesen" bekämpfen? Gibt es nicht auch ein höchst verderbliches, auf die Irreführung und Entsittlichung des Volkes hinarbeitendes Zeitungswesen, das unter deutscher Flagge segelt? Wenn ich darum aufgefordert werde, mitzukämpfen gegen die verderbliche Presse, gleichviel ob sie von beschnittenen oder unbeschnittenen Preßbengeln bedient wird; wenn ich mithelfen soll, daß die unglücklichen Gesetze wieder abgeschafft werden, die das Großkapital, den Wucher gezüchtet und großgezogen, den Handelsstand geschädigt, dem Handwerk und Gewerbe den goldenen Boden entzogen haben, wenn es sich darum handelt, Rechtsschutzvereine, ländliche Darlehenskassen und andere Vereine ins Leben zu rufen, die insbesondere den kleinen Mann aus den Klauen der beschnittenen und unbeschnitteneu Blutsauger befreien sollen, dann bin ich mit Herz und Mund dabei. Und auch der echte Talmudjude ist dabei; denn nach der Talmudlehre ist der Preis dermaßen zu normiren, daß dem Verkäufer nur ein Sechstel des Produktionspreises als Nutzen gestattet wird, und damit die Lebensmittelpreise nicht verlheuert werden, soll der Produzent seine Erträgnisse selber zu Markte bringen, Aufkäufe durch Zwischenhändler sind verboten. Aber nur Ausnahmsgesetze gegen die Juden zu machen, bei denen sich ihre unbeschnittenen Konkurrenten in's Fäustchen lachen, dazu kann ich mich ebensowenig herbeilassen als zum Schmieden von Ausnahmegesetzen gegen katholische Ordensleute oder auch nur gegen die Sozialdemokraten. Die Juden haben großes Vermögen erworben, sagen die Antisemiten, sie haben den Großhandel und die Börse fast ganz in ihre Hände gebracht. Mag sein; nachdem den Juden über tausend Jahre untersagt war, in Deutschland Grund und Boden zu erwerben, haben sie Zeit genug gehabt, im Handel sich gediegene Kenntnisse und Fertigkeit zu erwerben, und es kann darum nicht auffallen, wenn sie mittelst ihrer Kenntnisse, unter Beihilfe günstiger Gesetze — das letztere darf man nie aus den Augen verlieren — zu großem Wohlstände gekommen sind. Man darf nicht von allen Inden glauben, daß sie unredlich in Handel und Wandel sind, wie mau auch nicht von allen Christen glauben kann, daß sie sich in Handel und Wandel nie eine Unredlichkeit zu Schulden kommen lassen. Gerade die echien, gläubigen Inden üben zwei bürgerliche und zwei religiöse Tugenden, die es leicht erklärlich machen, warum sich ihr zeitlicher Wohlstand hebt: sie sind fleißig und sparsam, sie beobachten gew ssenhafl den Sabbat und erfüllen treu das vierte Gebot Gottes. Und daran hat ja Gott selbst die Verheißung sei-

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