Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 29-30 (11.4.1892)
- Date
- 1892-04-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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571 Beim Polizeimetster stieg er aus und erlangte sofort, was er wünschte. Auch in das Haus des Gouverneurs begab er sich, nahm mit freundlichen Worten seinen Abschied von der zu Tod erschrockenen Lydia, und verkündete zugleich, datz er sehr bedauern Müsse, auf lange Zeit von ihr zu scheiden, denn voraussichtlich werde sich ihm in den nächsten Jahren kaum eine Gelegenheit bieten, in die Provinzialftadt zurückzukehren. Der Gouverneur sowohl als Lydia verstanden, was diese höfliche Sprache zu bedeuten hatte, und mit einem Schlage war die vermeintliche Liebe zu Iwan aus dem Herzen der Fürstin ausgetilgt, und machte dem wild lodernden Hasse der verschmähten und beleidigten, der verworfenen Liebhaberin Platz. Kaum hatte Iwan das Haus verlassen, als sich Lydia mit einem jähen Aufschrei an die Brust ihres Vaters stürzte und einen nicht endenwollenden Strom von Thränen vergoß. „Tröste Dich, mein Kind," sprach der Gouverneur mit tiefem Ernste, während ein drohendes Feuer in seinen Augen aufging, „er hat uns beleidigt, der Schändliche, wir aber werden uns zu rächen wissen." XV. Als Fürst Michail in Petersburg erfuhr, daß der Günstling des Czaren aus der Provinzialstadt abgeretst sei, ohne um die Hand der Fürstin Lydia Petrowna angehaltcn zu haben, erfaßte Um eine große Aufregung. Er sendete sofort eine Depesche in die Heimath an den Grafen Peter Poschewski, den Mann, der Alles wußte, und bat ihn um Auskunft darüber, ob Iwan Alexandrowitsch nur zeitweilig die Provinzialftadt verlassen habe und vielleicht schon bald wiederkehre, oder ob er dauernd von dort geschieden sei. Peter Poschewski vermuthete längst, daß sich Michail mehr als gewöhnlich für die schöne Lydia interessire und so machte es dem Grafen ein besonderes Vergnügen, Michail dadurch zu kränken, daß er ihm sofort und ausführlich mittheilte, wie sehr und innig Lydya Petrowna den Czarengünftling geliebt und wie schnöde und hohnvoll Jener sie verlassen habe; Iwan habe ausdrücklich allenthalben erklärt, er werde voraussichtlich in den nächsten Jahren nicht wieder in diese Stadt kommen. Die Fürstin Lydia sei noch so sehr angegriffen durch die plötzliche Abreise des interessanten Petersburgers, daß sie sich augenblicklich in keiner Gesellschaft sehen ließe, sogar nicht einmal irgend welche Besuche bei sich empfange. „Man fürchte allgemein" — schrieb der Graf spöttisch — „ihr Herz werde brechen vor Liebesschnsucht nach dem Flachskopfe." Eigenartige, widerspruchsvolle Gefühle wogten in der Brust Michails, als er diese Zeilen las. Einerseits erfreut, daß mit dem Verschwinden des gefürchteten Nebenbuhlers sich eine leise Hoffnung zur Erreichung seines höchsten Wunsches wieder zeigte, war Michail doch innig betrübt durch den Schmerz, den die Geliebte zu erdulden hatte. Einen Augenblick lang stieg der Gedanke in ihm auf, in die Heimath zurückzukehren und der jungen Dame sich wieder zu nähern; vielleichr daß er jetzt für seine Wünsche ein geneigteres Ohr fände. Kaum vermochte er der plötzlich in ihm aufsteigenden Sehnsucht nach der Geliebten zu widerstehen, aber er gedachte seines Eides, jenes Eides, den er den Juden geschworen, daß der alleinige Zweck seines Lebens die Befreiung Afka's und dessen Wiedervereinigung mit seiner Braut sein solle. Bevor er dieses Ziel erreicht, so schwor er sich wieder zu, wollte er nichts Anderes und namentlich Nichts zu seiner eigenen Wohlfahrt unternehmen. Dennoch beschloß er etwas zu wagen, was vielleicht von mancher Dame hätte übel ausgenommen werden können. Von der Fürstin Lydia wußte er indessen, daß sie sich nicht gekränkt fühlen würde, wenn er ihr mit der Offenheit, die sie von ihm stets gewohnt war, sein ganzes Innere klarlegte; er wußte dieses mit instinktiver Gewißheit. So entschloß er sich denn, ihr zu schreiben; er schrieb ihr, datz er von jeher überaus gern in ihrer Gesellschaft verweilt, daß aber erst die Gefahr, sie durch den Günstling des Czaren auf ewig zu verlieren, seinem Innern Klarheit verschafft habe, daß erst jener für ihn so schmerzliche Tag, an dem er bemerkt zu haben glaubte, daß Iwan Alexandrowitsch bei ihr Erhörung fände, die innige Gefühle ihm zum Bewußtsein gebracht habe, die er für sie hege; er wolle Nichts von ihr verlangen, Nichts erbitten, er wolle ihr nur sagen, daß er sie liebe, tief und unaussprechlich, und daß er sein Schicksal in ihre Hand lege. Habe er durch diesen Brief sie beleidigt, könne seine herzliche Zuneigung zu ihr sie kränken, so möge sie ihm eine Buße auflegen, er sei gerne bereit, dieselbe zu ertragen, doch zu ihr reden habe er müssen, denn sein Herz sei zu überfüllt gewesen; sein Lebensglück lege er in ihre Hand, sie möge den Nichterspruch fällen. Als Fürstin Lydia diesen Brief empfing, war sie noch ganz in Trübsinn versunken über die Beleidigung, die ihr Iwan Alexandrowitsch angethan und obgleich sie sich hoch und thener verschworen hatte, von nun an alle Männer zu hassen, so war sie doch viel zu sehr Weib, als daß sie jener Brief des Fürsten Gutesow nicht innig erfreut hätte. Zwar schrieb sie keine Antwort, doch sie barg jene Zeilen in ihrer Tasche und führte sie stets bei sich. Schwer, sehr schwer wurde es der Fürstin,