Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 29-30 (11.4.1892)
- Date
- 1892-04-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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569 abnehmen wollen." Mit Fug.und Recht weist das Blatt darauf hin, wie die gewaltsame Zurückschlcuderung der Juden in die 16 Gouvernements, in welchen sie nach dem veralteten Gesetz ein Aufenthaltsrecht besitzen, nur dazu geführt habe, das furchtbare Elend, die große Armuth der jüdischen Bevölkerung zu vergröbern, denn man könne nicht eine Bevölkerung von Millionen Seelen an eine bestimmte Zahl von Städten und Ortschaften festschmieden, ohne alle Quellen des Wohlstandes derselben an der Wurzel zu untergraben. Außerdem trüge diese schroffe Maßregel nur noch mehr dazu bei, die jüdische Eigenart zu verstärken, statt daß man darnach trachte, die jüdische Bevölkerung mit den übrigen Theilen der Bevölkerung zu assimiliren. Es ist nichts neues, was damit den russischen Hetzaposteln zu Gemüth geführt wird, aber es ist neu, daß cs ihnen und der antisemitischen Regierung jetzt gesagt wird. Auch Pobedonoszew, der in der Richtung keine geringe Rolle svielt, wird von den folgenden Sätzen wenig erbaut sein: „Es bedarf nicht vieler Einsicht, um sich zu überzeugen, daß in dem Streben, uns umfassender Glaubenstoleranz zu berauben, eine höchst verderbliche staatsfeindliche Tendenz liegt. Durch das historische Werk von Jahrhunderten hat sich unser Staat aus einer großen Anzahl verschiedener Volksstämme und verschiedener Glaubensbekenntnisse gebildet, und cs verstände sich von selbst, daß wir im Interesse der staatlichen Einheit und Festigkeit nach der vollen Assimilirung dieser Volksstämme, unabhängig von dem Glaubensbekenntniß eines jeden Mannes, zu einem einzigen politischen Ganzen streben müßten. Die Zucrkennuug vollen russischen Charakters nur denjenigen, die zur griechisch-orthodoxen Kirche gehören, muß notwendiger Weise zur Entwicklung und Festigung des Separatismus bei den Zugehörigen anderer Bekenntnisse führen, d. h. zur Schaffung einer Anzahl Nationalitäten in dem einen und ungeteilten Staat." Zur Bekräftigung seiner Ansichten beruft sich das Blatt auf die Autorität Katkows, der an der Preßhetze gegen die Juden nie sich beteiligt hatte. und citirt einige Auslassungen desselben, in welchen er gegen die herrschende Jdentificirung von bürgerlicher Gesellschaft und Kirche zu Felde zieht und erklärt, daß dadurch Kirche und Religion von ihrer Höhe zu einem „büreankratischen Mechanismus" herabgczogen werde. Egypten. Port Said, 29. März. Am 15. d. M., Nachmittags iji2 Uhr, spielten in Port Said Kinder in herkömmlicher Weise mit einander, wie sie schon öfter vorher gethan, und zwar waren es diesmal ein Griechen- und ein Judenkind. In der Achtungslosigkeit des Vergnügtseins waren sie in ein nach der Straße gelegenes Gelaß eines Hauses gedrungen, in welchem die Großeltern des Judenkindes wohnen und in dem, verhängnißvoller Weise, in einem nach hinten hinaus gehenden Raume auch der Betsaal der Israeliten Port Saids — es sind deren etwa 15 Familien — sich befindet. Das vorerwähnte Gelaß war mit einem nur von außen zu öffnenden alten Schnappschlosse versehen und die Kinder hatten, in der Hast des Spieles, die Thür geräuschvoll hinter sich zugeworfen; als sie sich beide gefangen sahen, begannen sie laut zu klopfen. Den Vorgang hatten im gegenüber belesenen Kaffeehause beim Spiele sitzende und müßig umherlungernde Griechen, die unterste Hefe der Hafenstadt, bemerkt und mit entsetzlicher Schnelle durchzuckte das Hirn der entmenschten Horde die wahnwitzige Kombination vom Osterfest, der Synagoge und dem rituellen Morde. Gedacht, gethan. stürmt die Menge über die Straße, dringt ins Haus und pocht an das Thor des Betsaals, in welchem gerade des Judenktndes Großvater, der 85 Jahre alte und erblindete Kaufmann Earmona, seine Andacht verrichtete. Die im nämlichen Hause wohnende Frau desselben, der griechischen Sprache mächtig, vernimmt das anschwellende Toben des Mobs und dessen Verwünschungen; nichts Gutes ahnend, reißt sie die Fenster auf, vergeblich um Hilfe rufend, und sie eilt durch einen andern Eingang zu ihrem bedrohten Manne, fliegenden Athcms ihm den Hergang erzählend und ihn anscucrnd, die Kinder aus dem Gelaß zu holen, die unversehrte kleine Griechin der tumultuirendeu Masse zu zeigen und damit die Grundlosigkeit der Verdächtigung darzuthun. Es war zu spät! Der zitternde Greis öffnet die Thür, sinkt aber schon im nämlichen Augenblick, von den Knitteln seiner Angreifer zu Boden geschlagen, nieder. Wie die Autopsie ergab, hatten die griechischen Helden dem alten Manne sieben Rippen gebrochen, beide Beine total zerschmettert und vom zertrümmerten Hirnschädel fand sich fast keine Substanz mehr vor. Schon tobt, lud man ihn auf einen Karren, um den Leichnam ins Hospital zu fahren, die Raubthiere mit dem gottähnlichen Antlitz ließen es sich aber am Geschehenen noch nicht genügen, denn als das erbarmungswürdige Gefährt an seinem Ziele antraf, war der Ermordete noch über und über mit großen Feldsteinen bedeckt. Seit der Zeit durchschwirren beständig Allarmgerüchte die Stadt, der Polizeichcf war derzeit abwesend, und der Gouverneur erklärte, gegenüber allen Bitten um Schutz, in bündiger Weise, mit seinem