Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 28 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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544 Leichenmassen, die sich am Fuße des Gebäudes aufgethürmt hatten. Endlich nach langem Suchen, gab feinem Weheruf eine schwache Stimme, die unter einem zerbrochenen Rollwerk hervorzukommen schien, Antwort. Mit Anstrengung aller seiner Kräfte gelang es ihm, sich durch die Pfähle, die Splitter, der zerstörten Maschine durchzuarbeiten, denn er gewahrte mit Schrecken, wie mitten in den Speichen der zerschlagenen Räder der Körper seines Vaters hing. Rascher als er es selbst für möglich gehalten, gelangte er in die Nähe des Bejammernswerthen, hob ihn sanft aus dem Gewirr der Trümmer und trug ihn sorgsam in's Freie. Hier angekommen, überzeugte ihn eine Untersuchung des bewegungslosen Körpers, daß zwar das Haupt des Vaters, getroffen vom Balkenwerk, blutete, daß sich aber immer noch ein, wenn auch mattes Fünkchen von Leben in dem verwundeten Leib regte. Behutsam schlich sich Isaak, den Körper des alten Mannes auf den Schultern durch die Trümmer; unbeobachtet gelangte er auf den Weg, der nach Memphis führte. Die Aufseher waren zu beschäftigt, um sich um den Einzelnen zu bekümmern; diesem Umstand hatte es der junge Ebräer zu verdanken, daß er ohne Anruf oder gar Aufenthalt, weiter ziehen konnte. Er floh von dannen, so rasch es seine arme Last erlaubte, scheue, angstvolle Blicke hinter sich werfend, ob man ihn nicht etwa verfolgte. Er war entschlossen, sich auf Tod und Leben zu vertheidigen, sollte man ihn zum Stillstand zwingen. Es war ihm heilige Pflicht, den Later in Sicherheit zu bringen. Da aber Niemand an Verfolgung dachte, verlangsamte er seine Schritte, um dem Verwundeten, dessen leises Stöhnen ihm durch die kindliche Seele schnitt, keine Schmerzen zu bereiten. Er hatte die Hälfte des Wegs zurückgelegt, als ihm eine von der Oase Amun nach Memvhis ziehende Karavane begegnete. Der Anführer der Karavane, ein stämmiger Egyptcr, schien mit dem unglücklichen Alten Mitleid zu fühlen. „Wohin! wohin", rief er von 'seinem Kamecl herab den Beiden zu. Isaak erklärte in kurzen Worten, er trüge einen sterbenden Vater, der Weg nach Memphis werde ihm immer länger, kaum könne er sich noch auf den Beinen erhalten. Der Anführer brachte die Karavane zum Stehen. „Der Weg ist nicht mehr weit, tritt näher, Freund", rief er, „Du magst Deinen Vater hier auf eines der ledigen Kameele heben. Wir verweigern feinem Sterbenden die letzte Ruhestätte." Isaak schleppte sich heran. Kaum aber ward der Führer des Näherkommenden genauer ansichtig, als er erschrocken Befehl zum Weiterziehen gab. „Bleibt nur, wo ihr steht", rief er zurück, „ihr seid Juden. Dein Vater mag sterben, wo es ihm beliebt, bei uns findet er keinen Ort dazu!" — Und sie trappten weiter. Thränen der Wuth und Scham perlten über Isaaks Wangen. „Armes Volk, armer Vater", flüsterte er! „O! wann kommt die Erlösung, wann werden wir als Menschen behandelt werden?" Er schleppte sich mühsam noch einige hundert Schritte weiter, schon sah man die Tempeldächer von Memphis gelbröthlich herüberleuchten, dann aber machte er, um sich, wie dem Alten, die nöthigste Erholung zu gönnen, am Rande eines palmenumffandnen Brunnens Halt. Das Haupt des Vaters hatte er sorgsam im <Bd)atten ans schwellendes Moos gebettet, jetzt suchte er nach einem frischen Trunk für die zuckenden Lippen des Greises, da gewahrte er ein Tongefäß auf der Steineinfassnng der Cysterne. Eben wollte er die Stirne des Vaters mit dem Inhalt des Gefäßes kühlen, als ans dem kleinen Palmenhain, der den Brunnen nach der östlichen Seite hin umgab, schreiend eine egyptische Dienerin trat. „Ein Jude! willst Du mein Gefäß unberührt lassen, Du Aussätziger", zeterte das Weib und riß es dem Jüngling aus den Händen. „Hab Erbarmen mit einem Sterbenden", wollte der junge Ebräer einwenden, aber das Weib ließ nicht nach zu toben. Sie betrachtete das Gefäß von allen Seiten, wusch es an der Stelle, wo Isaaks Hände es berührt unter fortwährendem Schmähen; Isaaks Inneres empörte sich. „Gönne mir einen Tropfen Wasser, Du Unbarmherzige, mein Vater ist dem Sterben nahe, ein Tropfen könnte ihn retten, er und ich sind keine Thicre. Auch wir haben ein Recht zu leben." „Es wäre am Besten", keifte sie, „mau ließ euch alle verdursten, ihr Fremdlinge, die ihr uns den fruchtbarsten Landstrich wegnahmt. Unser nun zu Osiris eingegangener König hat euch verwöhnt; wir aber wollen euch beweisen, daß ihr kein Recht habt, den Nil mit eurem Schmutz zu trüben." „Warum", entgegnete der Arme mit zitternder Stimme, „behandelst Du uns Hülflose so geringschätzig, die wir dir nichts zu Leid gethan? Gib mir Wasser!" „Da nimm!" höhnte das Weib und spie dem Flehenden vor die Füße. Armes Volk, armer Vater, wann wird die Stunde der Erlösung kommen?