Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 28 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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543 hertönendes Rufen den Arm sinken machte. Auch Isaak wandte sich um. Dieses Rufen hatte seinen Grund, denn die Statue stand zum Schrecken Aller schief auf ihrem Wege. Es war ungleichmäßig gezogen worden, und nun kam es darauf an, den Fehler vorsichtig wieder zu verbessern. Der Oberaufseher auf den Knieen des Steinbildes rief und winkte, der König und sein Gefolge kamen in die höchste Erregung. Die Aufseher gaben den Arbeitern die Schuld an dem Versehen, die Arbeiter den Aufsehern. Ein allgemeines Zanken begann, die Peitsche knallte aller Orten, so oaß für Augenblicke das Werk unterbrochen wurde. Endlich befahl der König Ruhe, man solle versuchen, das Bild auf den richtigen Weg zurückzuziehen. Mit großer Vorsicht begann nun die eine Hälfte der Männer unter der Anleitung ihrer Beamten den Koloß zu drehen. Kaum bemerkbar wendete er sich auf seinem Platze nach der richtigen Seite hin. mit athemloser Spannung folgten Alle dem gefahrvollen Experimente. Plötzlich geschah ein Ruck, die Drehung gerieth ins Stocken. Der Oberaufseher war der Ansicht, es müsse sich ein Splitter ans dem Boden der schiefen Ebene durch das Umdrehen der wuchtigen Masse losgerissen haben. Daraufhin wurde das Werk von Neuem eingestellt. Dem Beamten auf den Knieen der Statue ward eine scharfe Rüge vom Könige überbracht, Namses sei äußerst ungehalten über die schlechte Ausführung des Planes. Dem armen Oberbeamten schwindelten die Sinne, Schweiß bedeckte seine Glieder, er versuchte ein letztes Aushilfsmittel. Mit dem Muth der Verzweiflung gab er den Befehl, alle Arbeiter sollten zu gleicher Zeit mit der Anstrengung aller Kräfte das Bild von seinem Platze bewegen, auch, wenn dabei der Boden des schiefen Wegs Noth litte, es käme jetzt nur darauf an, der Statue über diese eine unglückliche stelle wegzuhelfen. Das Ziehen begann, aber der steinerne Ramscs blieb unbeweglich. Die Vögte suchten die Kraft der Ebräer mittelst der Geißel zu erhöhen, alle Muskeln schwellten an, dumpfes Aechzen entrang sich dem Busen Tausender, die Stricke spannten sich an bis zum Zerreißen, Fluchen und Beten ertönte in wunderlichem Gemisch — da bewegte sich das Bild? Ja, es bewegte sich wohl, das heißt, es erbebte von oben bis unten, daraus erscholl ein dumpfer Krach, der Boden des schiefen Wegs war zerrissen. „Weiter, rasch weiter", schrie der Mann auf den Knieen des Bildes. Jedoch, als dieser dumpfe Knall ertönt war, hatten die Juden, bis in's Innerste erschreckt, mit den Stricken nachgegeben. Nun erst bemerkten sie das Gefährliche dieses Nachlassens, denn die ungeheuere Masse begann sich langsam nach rückwärts zu bewegen. Bestürzt riß nun jede Faust, um das drohende Hinabrollen anfzuhalten, heftig nach oben; dadurch entstand durch die Verwirrung eine solche Ungleichartigkeit des Ziehens, daß die Steinmasse in Schwankung kam und ihr hölzerner Weg knirschte und bebte. Nun aber verloren die Ebräer völlig den Muth, ein betäubendes Toben und durcheinander Schreien machte jeden Befehl des Oberbeamten unverständlich. Einige ließen vom Ziehen ab. Andere zogen, der Oberbeamte faßte sich verzweiflungsvoll an die Stirn — da — ein sinnlähmender Donner, ein einziger, gewaltiger Aufschrei aus tausend Kehlen, und die hölzerne Ebene sank sammt ihrem Steinkoloß in sich selbst zusammen. Bis nach Memphis hin hatten sie den Donner vernommen; der Spaziergänger blieb stehen, seinen Nachbar zu fragen, was dies Rollen bedeutete; dem Sänftenträger stockte der Athem, dem Fischer am User des Nil entsank seine Angel, der Bretspieler hielt im Zug inne, als dies Dröhnen in sein Zimmer drang; die Todten in ihren unterirdischen Wohnungen mußten emporfahren aus ihrem tausendjährigen Schlummer, der alte Nil schlug Wollen, gerüttelt von der erschrockenen Erde. Die mit dem Leben davon gekommenen, standen zu Bildsäulen erstarrt rathlos da und sahen auf den Ort der Verwüstung. Einige Augenblicke hindurch war die ganze Scene bedeckt von einem riesig aufwirbelnden Staubvorhang, erst als dieser gesunken, konnte man die Größe des Unglücks ermessen. Die mit rasender Schnelligkeit hinabgeschnellten Stricke hatten Hunderte von Menschen von den Stufen geschleudert; die Walzen und Rollen, umpackt von Ketten, zertrümmerten bei ihrem Sturze, was ihnen in den Weg kam; die schiefe Brücke zerquetschte alles Lebende, das sich über oder unter ihr befand; die ganze Pyramide glich einem Berg von Trümmern, zerschmetterten Leibern und Blut. Hilferufe, To^esröcheln, Befehle zerrissen die Luft. Die Unbeschädigten versuchten die Verwundeten unter den Trümmern hervorzuwühlen, was ihnen jedoch selten gelang. Der König schickte sofort einen Boten nach Memphis, Aerzte und Sänften zu holen, denn obgleich die Zerstörung hauptsächlich das verachtete Volk der Ebräer getroffen, fühlte Ramses in diesem Augenblick, als Zeugen des ungeheuren Vorfalls Mitleid mit dem Leben seiner Arbeiter, die von seinem eigenen Bild getroffen sich blutend im Staube oder auf der Treppe wälzten. — Isaak hatte sogleich, nachdem der Donner des stürzenden Bildes verhallt war, seinen Vater neben sich.vermißt. Mit Gewalt schüttelte er sich die Schauer des Entsetzens, die ihn überrieselten, von den Schultern, sprang die Stufen der Pyramiden hinab und wühlte verzweiflungsvoll, den Namen seines Vaters vor sich hinrufend, in dem Trümmersand und