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Der Israelit · 1892-04-07 · Heft 28 (7.4.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 28 (7.4.1892)
Date
1892-04-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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542 die Arbeiter einige Sekunden ruhen, reicht ihnen Wasser, laßt die Weiber Erfrischungen beitragen." Dies geschieht. Der Koloß wird inmitten seines Weges eingehalten, die Stricke werden befestigt, der Koloß liegt vor Anker. Auch die Peitsche der Aufseher ruht. Aller Augen ruhen auf dem König, der wortkarg sein Bild mustert, wie es dort verderbenbringend zwischen Himmel und Erde schwebt. Verderbenbringend! Denn das geringste Versehen, ein falscher Zug, ein falscher Takt kann das Steingewicht der Slatue zermalmend herabschleudern, Tausenden den Tod bringend. Und welch' unglückliche Vorbedeutung, wenn das Bild des Königs herniedersänke von seinem Sitz? Alle Zuschauer, selbst die arbeitenden Ebräer sind sich der Wichtigkeit des Moments bewußt; sie sprechen wenig, Winke und Andeutungen ersetzen jetzt die Worte. Ueberall Schweigen der Erwartung, nur auf einer der obersten Stufen hat sich ein lebhafter Wortwechsel entsponnen. Dort liegt ein alter, weißhaariger Jude schweißtriefend auf den glühenden Steinen der Treppe, neben ihm kniet ein jüngerer Ma n von dunkler Gesichtsfarbe und scheublickenden Augen, die verstohlen unter den Wimpern hervorblitzen. „Vater," flüsterte die Stimme des jungen Mannes, „erhebe Dich, der Aufseher bemerkt Deine Ermattung. Du weißt, wir dürfen nicht ermüden, selbst das Alter nicht." „Mein Sohn Isaak —", mehr vermag die trockene Zunge des Alten nicht hervorzustottern. Der Sohn reicht ihm einen Wasserkrug und netzt die welken Lippen des Vaters. Lächelnd streicht der Ermattete nun über die Hand des Jüngeren, in seinem Auge glüht Dankbarkeit. „Nun aber raffe Dich auf, Vater," flüstert Isaak auf's Neue, „willst Du die Peitsche des elenden Egypters kosten? Mache nicht, daß der Sohn sehen muß, wie der Rücken des Vaters blutet. O! mir kocht der Zorn im Herzen, wenn ich Dich mißhandelt sehe." „Laß' mich hier liegen, bekümmere Dich nicht um mich, mein Sohn," erwiedert ihm der Erschöpfte. „Verbeiße Deinen Grimm zwischen den Lippen, Dein Zorn kann mir nichts helfen, Du erschwerst nur dadurch unser Elend. Mich werden sie bald zum Leichnam gepeitscht haben, aber Dir, Isaak, wird die Pflicht, Dich zu schonen. Was soll Deine Schwester Rebekka beginnen ohne Dich? Thue, was Dir die Vögte sagen, widersprich' ihnen nicht — gieb mir die Hand darauf, Isaak, daß Du geduldig die Beschimpfungen tragen, Dich nicht widersetzen willst, bis sich der Herr, Dein Gott, vielleicht später über Dich erbarmt." Unwillig reichte der Jüngling dem Vater die Hand. Trotz lagerte sich in seinen Zügen, als aber der Vater bittend zu ihm emporsah, versuchte er zu lächeln. „Nun sind es vierzig Jahre, daß ich den Egyptern die Steine zu ihren Bauten fahre", murmelte der alte Jude. „Wann wird der Allerbarmer das Leiden seiner Kinder enden und es genug sein lassen der Qual? O armes Volk der Ebräer! Deine Weiber gebären Sclaven, deine Männer erziehen gekrümmte Nacken. Dein Blut dient den stolzen Unterdrückern znm Mörtel, deine Kraft baut ihnen unsterbliche Monumente, Aussatz und Verdummung erniedrigen dich, dein Stamm ist ein Rudel Hunde geworden. Wie waren wir angesehen, als Abraham einzog in dieses Land und der Vater- Josephs seine Heerde weidete im Lande Gosen! Gott unserer Väter, hast du keine Helden mehr, die dein Volk erlösen?" Bis hierher hatte der Alte vor sich hingesprochen, als das Signal zum Weiterziehen des Kolosses ertönte. Die Aufseher riefen, ihre Peitsche klatschen lassend. Die Volksmenge erhob sich von den Stufen, um nach dem Seile zu greifen. Da bemerkte einer der Aufseher, ein nackter, wildaussehender Egypter, wie der alte Jude das Seil, an welchem er zu ziehen hatte, kraftlos sinken ließ, der Sohn jedoch das entfallende hastig verstohlen aufhob, um zu seiner Last noch die des müden Vaters zu fügen. Rasch sprang Set, der Aufseher, hinzu. Ergrimmt packte er den Alten an der Gurgel und schrie ihm zu, augenblicklich selbst zu ziehen. „Herr," wimmerte der Hülflose, „ihr mnthet alten Knochen zu, was kaum junge vermögen. Ich kann nicht weiterziehen, meinen schwachen Händen entsinkt das Seil." „Das werden wir sehen," höhnte der Egypter, den zu Boden Gesunkenen aufreißend, „und Du ziehst, alte Mumie, so lange als Dein Odem cs aushält in Deinem elenden, aussätzigen Leib. Nimm das Seil zur Hand." Nochmals versuchte der Greis, das Seil festzuhalten, vergebens, es glitt zu Boden. Zähnfleschtend schwang der Aufseher die Peitsche, denn schon begann der Koloß sich unter der Anstrengung von tausend Armen zu bewegen. Aber noch ehe der Riemen der Geißel uiedersauste, sprang Isaak zwischen den Vater und den Aufseher, so daß er mit seinem Rücken die dem Hiugesunkenen geltenden Hiebe auffing. „Willst Du Dich widersetzen, elendes Judengesicht", rief der nun Wüthende dem bleichen, zitternden Isaak entgegen. Schon hatte er den jungen Ebräer am Arm ergriffen, um in grausamer Lust seine Rache an ihm zu befriedigen, als ihm ein lautes, vom Streitwagen des Königs

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