Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 28 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 38. XXXIII. Jahrgang. Der Israelit Ein Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Audenthum. Begründet von vr Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 7. April 5652 (1892). ■ '"■■■ .. '■ i 1 1 . Neneingctretcnc Abonnenten erhalten die bis jetzt erschienenen Kapitel der beiden Erzählungen: „Der Günstling des Czaren" u. „Die Familie y Agnillar" ans Verlangen gratis und franco nachgeliesert. Die Expedition des „Israelit". Leitender Artikel. Schibud Myrajiin. Bon Wilhelm Walloth. ) Die Wüste! Wie ein Leichenhemd bleicht sie im Westen. Leer, öde, wie der Tod, liegt sie dort; ihre gelblichweißen Sandkörner dürsten unter der sengenden Sonnengluth bis an den Himmel: bis dahin, wo sich sein schönes Blau in gelbrothen Duft verwandelt, stößt die arme, menschenverlassene, löwenbewohnte Wüste. Dort weiter im Westen liegt die Oase Amun, wie ein verlorner Smaragd, grün, blühend, üppig. Aber im Osten blinkt der Nil durch goldne Aehren. Welcher Gegensatz. Hier .tob, da Leben. Hier Trauer, dort Freude; denn haarscharf grenzt an den Sand das Gras, unmittelbar an den Garten Egyptens stößt die Wüste; nur so weit die Ueberschwemmung des Nils reicht, gedeiht das Land. Und welches Land! Dort die nackten Arbeiter auf der Pyramide, wenn sie erschöpft die Werkzeuge sinken lassen, erquicken sich oft an dem Anblick dieses Landstrichs, der sich mit seinen Auen, Aehrenfeldern, Kanälen, Häfen, Tempeln und röthlichen Steingöttern vor ihnen ausbreitet; dicht an die Wellen des Flusses geschmiegt, wie der goldschimmernde Prachtmantel eines Königs. Es sind jüdische Arbeiter, verachtete Ebräer, die dort unter dem Geißelhieb egyptischer Bauaufseher vom Gluthwind der Wüste angehaucht, im *) Der Herr Verfasser dieser tiefergreifendeii Schilderung des Gallith Mizrajim war so liebenswürdig, uns den Abdruck derselben in diesen Blättern zu gestatten und spreche» nur ihm hierfür unfern herzlichsten Dank aus. Schweiße ihres Angesichts dem König Ramses sein Grabmal bauen. Der Bau naht seiner Vollendung; Stufe thürmt sich auf Stufe; bis zur höchsten Spitze schwindeln die Treppen empor, dort aber soll die Kolossalftatue des Königs ihren Platz finden. Dies schwierige Werk auszuführen, ist man im Augenblick beschäftigt. Eine schiefe Ebene führt über die menschenwimmelnden Treppen empor bis zum Gipfel des Riesengraves. Auf diesem schiefen Weg steht das Steinbildniß des Königs, die Arme dicht am Leib, die Hände auf den Knieen, starrt es mit feierlicher Ruhe die zahllosen Arbeiter an, die bemüht sind, an Walzen und Stricken das granitne Ungethüm in die Höhe zu rollen. Auf den Knieen des Bildes steht ein Oberaufseher, mit den Händen den Rhytmus angebend, unter welchem die Männer zu ziehen haben; ein vor ihm stehender Gehilfe markirt den Takt durch aneinandergeschlagene Stäbe. Zur Seite wandeln Wasserträger, von welchen der Vorderste den schiefen Weg übergießt, die Bahn glatt und kühl zu halten. So bewegt sich das Bild des Königs langsam seinem Bestimmungsort entgegen. Unten hält der König in eigener Person und schaut von seinem Streitwagen aus dem Werke zu. Er ist im Begriff, sich mit dem kriegslustigen Volk der Ehetas in einen Kampf einzulaffen, aber bevor er sein Egypten verläßt, will er sein Bild auf den Gipfel seines Grabes gehoben sehen. Des Königs Züge blicken ernst. Seine Umgebung theilt die ernste Stimmung, denn das Werk, das sie anstaunen, ist ebenso wichtig als dasjenige, das sie im Begriffe sind, zu unternehmen; beide kosten Menschenleben. „Macht eine Pause", befiehlt Ramses. „Laßt