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Der Israelit · 1892-04-04 · Heft 27 (4.4.1892) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 27 (4.4.1892)
Date
1892-04-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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532 Jüngling den Schein der Schlichtheit, Einfachheit und Offenheit so wohl zu wahren gewußt, daß ihn sein hochgeborener Freund für den redlichsten Menschen der Welt halten mußte; redliche, ehrliche Männer aber, das war es, wonach der zukünftige Czar auf's Eifrigste suchte. So war der 13. März des Jahres 1881 gekommen, Alexander II. war auf gräßliche Weise ermordet worden, da er gerade im Begriffe stand, seinem Volke eine Constitution zu geben, da er gerade zu der Einberufung einer Ständeversammlnng schreiten wollte; Alexander III. bestieg den Thron. Der Großfürst Thronfolger hatte unter der Regierung seines Vaters der reaktionären und kirchlichen Partei augehört und hierin an Iwan einen begeisterten Anhänger gefunden; nach seiner Thronbesteigung entließ der Fürst die drei liberalen Minister an einem Tage. Sein ganzes Vertrauen schenkte er dem alten Freunde, der zwar auch nun wegen seiner noch unreifen Jugend offiziell kein Staatsamt erhielt, wohl aber hinter den Koulissen einen übermächtigen Einfluß hatte. Jetzt erst wurde die Petersburger Gesellschaft, in die er vorher nie gekommen, auf ihn aufmerksam und da sie sich die Beziehungen zwischen ihm und dem Herrscher nicht zu erklären vermochte, so nannte sie ihn bald „den Günstling des Czaren" und nahm, wie das der Russe ja so gern thut, sein Et scheinen wie ein Naturereignis auf, für das man keine Enträthselung zu suchen braucht, weil es doch nicht möglich ist, eine verständliche Losung zu finden. An Stelle einer Erklärung war ein Name gegeben worden. Der sogenannte „Vater der Lüge", der nun Premierminister wurde, verdankte sein Amt nicht zum wenigsten dem Einflüsse Iwans und dem jungen Manne war dieser Slaatslenker besonders lieb und angenehm, weil Iwan Einiges aus der früheren Amtsthätigkeit jenes Mannes wußte, dessen Entdeckung den Verüber als Staatsbeamten überhaupt unmöglich gemacht hatte. Iwan hatte den Premierminister vollständig in seiner Hand; deiselbe mußte, auch gegen seinen eigenen Willen, das blinde Werkzeug des jungen Mannes sein, wenn es diesem einfallen sollte, ihn dazu zu gebrauchen. Daher stammte auch die große Demuth, die der Premierminister dem jungen Manne gegenüber zur Schau trug. Alles lag gut und passend am Petersburger Hofe, nirgends zeigte sich, seitdem der neue Kaiser den Thron bestieg, irgend ein Widerstand gegen das, was bei Iwan Wunsch war. Nur ein Mann existirte, der gegen Iwan weder eine Verpflichtung hatte, noch ihn je seiner Freundschaft würdigte. Das war der magere, alte Herr mit der spitzen Nase, den scharfen, von Brillengläsern beschützten Augen, der von spärlichen grauen Haaren eingefaßten Stirne und dem klugen, glatt rasirten Gesicht. Der Oberprokurator der heiligen Synode, jener unheimliche und unbegreifliche Mensch, der eine durchaus kühle und rcflectireude Natur, sich niemals durch das Temperament beherrschen läßt, sondern lediglich mit dem Kopfe lebt, und dabei einen wilden Fanatismus und eine kalt berechnende Leidenschaft in seinen Handlungen offenbart, wie sie der Großinquisitor Torquemada nicht in so hohem Grade besessen hatte. In seinen Plänen ein heißblütiger, ausschweifender Phantast, der mit Begeisterung das Glück vieler Menschen von den Füßen seiner Leidenschaft zertreten läßt, in der Ausführung dieser Pläne ein zurückhaltender, verschlossener, vorsichtiger, wohlerfahrener und leidenschaftslos überlegender Praktikus, das ist eine Charaktermischung, die ebenso selten, als unheilvoll ist, ein verzehrendes Gift, _ das als nahrhafte, wohlschmeckende Speise genossen wird. Eine Mißgeburt unserer Zeit der heißen, ego stischeu Leidenschaften und des wohlerzogenen, durchaus gebildeten und alles umhüllende« Verstandes. Er war der einzige Mann im ganzen Rußland, den Iwan fürchtete und an welchen er eine Annäherung erstrebte. (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindesti-n-; zwei Bogen. Preis bei Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man cilwimirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Duchhandel fU bffittftn bei G. $. SIrinackrr, Leipzig, Koßptatz 18. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petikzeile oder deren Raum. — Öesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Zuyatr ^Hauplviatl-: Lettenmr Arukel: Hagavah schel Pestach (Fonietzuug). — Zeuungsnachrlchcen und Eorrespondenzen: Deutschland: Michelstadt i. O. Fränkisch-Crumbach. Kissingen. -- Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Aus Ungarn. — Feuilleton: Der Günstling des Ezaren. Eine Erzählung aus Rußland. Bon Jon. Lehmann, Dr. phil. (Fortsetzung). Inhalt -er Beilage: Leitender Artikel: Perek Schirah (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Berlin. — Vermischtes. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth' scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilage«.

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