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Der Israelit · 1892-04-04 · Heft 27 (4.4.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 27 (4.4.1892)
Date
1892-04-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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531 Die schlicht vorgebrachten Worte des jungen Mannes hatten einen vorzüglichen Eindruck hervoraerufen. Im Geiste sah Iwan dem damaligen Thronfolger sich gegenüber, der Blick des hochgewachsenen, stattlichen, urkräftigen Mannes mit der schönen,^breiten Stirne, die so häufig nur unnachsichtliche Strenge und gebietenden Stolz auszudrücken pflegte, zeugte von einer ihn plötzlich überkommenden Weichheit und Milde; eine gewisse Schüchternheit, mit der;der hochgeborne Mann stets zu kämpfen hatte, überkam ihn und der ganze Ausdruck seines Gesichts ließ darauf schließen, daß sein Gemüth innerlich rege beschäftigt war. Ehrerbietig schwieg Iwan während der Pause, die nun entstand, der Großfürst wandte sich zum Gehen und reichte dem jungen Manne herzlich die Hand. „Es sollte mich freuen, wenn Ihr mich in Petersburg besuchen wolltet. Ich höre, Ihr seid ein Künstler ans dem tiefen Fagot, auch ich pflege musikalische Abende zu veranstalten." Iwan hatte diese Einladung nicht lange unerfüllt gelassen, er war nach Petersburg gekommen, er war dem Kaiser vorgestellt worden. Mit tiefer, kaum zu verbergender Rührung hatte ihn Alexander II. betrachtet und ihn aus die Stirne geküßt. Der Ezar sprach den Wunsch aus, daß Iwan in seiner nächsten Nähe bleiben möge, doch solle er nicht osficiell zum Hose gehören, noch auch an irgend welchen Hoffesilichkeiten theilnehmeu, damit das Erscheinen des jungen Mannes nicht einen Anlaß zu unliebsamem Gerede geben möchte. Hiermit war der Thronfolger sehr wohl einverstanden und er bat Iwan, als Gast bei ihm zu verweilen. Seitdem kam der junge Mann nur selten von der Seite des Prinzen, sehr rasch hatte er den Eharacter seines hohen Gönners vollständig durchschaut und verstand cs vortrefflich, denselben so zu benutzen und sich ihm so anzuschmiegen, daß bald ein inniger Freundschaftsbund den ernsten, pflichtbewußten Mann und den ehrgeizigen Jüngling umschloß. Nach der Meinung des Thronfolgers that eine selbstbewußte, in sich geschlossene Herrschernatur, wie Nikolaus es gewesen, der selbstständig und unfehlbar zu bestimmen vermag, den Russen noth. So zu sein, das war sein fester Wille. Leider aber sind Willensrtchtung und Charactereigenthümlichkeit nicht gleichbedeutend und Niemand vermag anders zu sein, als die Natur ihn geformt. Auch von ihm gilt das Wort des Dichters: „Wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsobald nur fort und fort gediehen, Nach dem Gesetz, wonach Du angetreten. So mußt Du sein, Dir kannst Du nicht entfliehen." Der zweite Sohn Alexander's II. ist als bestimmbarer, mit sich selbst im Streite liegender, moderner Mensch geboren, der durch seinen Lebensgaug zu Mißtrauen und Zweifel an sich selbst und an allen Anderen erzogen worden; trotz eifrigsten Bestrebens, ein auf sich selbst ruhender, fester Manu zu werden, vermochte er nicht, hierzu sich umzuarbeiten. Die ihm eigeuthümliche Zurückhaltung beruht zur einen Hälfte auf angeborener, unüberwundener Schüchternheit, zur andern Hälfte auf Mangel an Selbstvertrauen. Auf dem einmal eingeschlagenen Wege zu beharren, ist ihm mühsam abgerungenes Gebot der Pflicht, nicht Produkt der inneren Nothwendigkeit. Fremdem Rath und fremder Meinung ist er schwer zugänglich — nicht weil er stets eine eigne, auch für ihn selbst außer Zweifel bestehende Meinung besäße, sondern weil er unbeeinflußbar zu sein und unbeeinflußbar zu scheinen für Pflicht hält und weil er den Schein der Abhängigkeit noch ängstlicher fürchtet, als die Abhängigkeit oder Bestimmbarkeit selbst. Des preußischen Ministers von Manteuffel vielverspotteter Ausspruch, „daß der Starke einen Schritt zurücktreten könne", galt für den damaligen Thronfolger umgekehrt; wenn dieser Fürstensohn stärker wäre als er es ist, würde er nachgiebiger sein, und wenn er selbstbewußter und sicherer zu sein vermöchte, als ihm gegeben ist, so würde der Schein der Nachgiebigkeit ihn nicht anfechten. Zum Mißtrauen gegen Andere hat das Leben ihn allerdings erzogen — die Hauptquelle, aus welcher sich dasselbe nährt, ist indessen das Mißtrauen gegen sich selbst und die eigne Zureichendheit, und weil es ihm nur schwer fällt, Entschlüsse zu fassen, tiefes Denken nicht seine Sache ist, so entschließt er sich stets mit einer gewissen Hast und Heftigkeit, auf's Geradewohl. Ein mit sich im Streite liegender, mit der Welt zerfallener Mann, der in seiner Haltlosigkeit nach einer Stütze sucht und in falscher Scham zu stolz ist, einen Stab, der sich ihm bietet, anzunehmen. Diese Eigenthümlichkeiten hatte Iwan schlau zu benutzen verstanden. Niemals war er seinem hohen Gönner mit einer Meinung gegenüber getreten, von der er dachte, daß sie bei ihm auf Widerstand stoßen könnte. Was er sagte und that, war nur das Widerspiel der eigenen Gedanken des Thronfolgers, und wenn Iwan irgend einen neuen Vorschlag zu machen hatte, so trat er mit demselben nicht direct hervor und begründete dann seine Rede, sondern er brachte dem mächtigen Freunde ein Motiv nach dem anderen bei und wußte es so geschickt anzustellen, daß regelmäßig der Großfürst selbst den Vorschlag aus eigener Initiative und, wie er meinte, aus eigenen Gedanken machte, den Iwan ihm unterbreiten wollte. Dabei hatte der

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