Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1892)
- Date
- 1892-04-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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list, heimliche Ränke und offene. Gewalt man fürchtete. Er gab sich sehr selten zum Unterrichte her, aber er lernte schnell und leicht, eignete sich trotz seiner Trägheit mehr Wissenswertes an, als mancher^ fleißige Knabe. Immer mehr wuchs seine Verschlagenheit und Verschmitztheit im ständigen Kampfe gegen seine ganze Umgebung, bald war Keiner mehr im Hause, der ihm ernstlichen Widerstand geleistet hätte; als siebzehnjähriger Jüngling war er der uneingeschränkte Beherrscher und Tyrann des ganzen Gutes. Wehe Demjenigen, der es unternahm, ihn bei dem Vater auznklagen, die vielgewundene Bosheit Jwan's fand bald den Fallstrick, der den Angreifer so hoffnungslos zum Sturze brachte, daß er nicht mehr auszustehen vermochte. Der Lehrer Jwan's wurde bald ein gefügiges Werkzeug seines Schülers, siegreich thronte der Jüngling über seiner ganzen Umgebung, das unbefriedigte Gefühl seiner Liebe hatte er voll und ganz sich selbst zugewendet. Mit fürchterlicher Klarheit lag damals schon sein eigenes Bild vor ihm, keine Regung seiner Seele blieb von ihm unbeurtheilt, und er vermochte es, sich seiner Schlechtigkeit zu freuen. . Damals beschloß er, auch das Herz des Mannes zu erobern, den man seinen Vater nannte; er fand, daß es besser sei, das Gewand der Milde zu tragen und scheinbare Offenheit gegen seine Umgebung zur Schau zu stellen. Er zeigte sich dem Alten gegenüber willig, folgsam und gut; er beredete eines Tages offen ihr gegenseitiges Verhältniß und gestand, daß er den Alten dennoch so innig liebe, wie je ein Sohn seinen Vater und spielend gewann er nun durch Heuchelei ein Herz, das ihm, so lange er es in der Kindheit mit wahrer Seele erstrebt, verschlossen geblieben war. Verwegen, dreist, keck, tollkühn, stolz, herrschsüchtig, ruhmdürstig, ehrgeizig, fein, schlau, pfiffig, ränkeluftig, heuchlerisch, boshaft und blutgierig, das waren die Züge, die ihn charakterisirten und die er sich alle, ohne je zu erröthen, eingestand. Nachdem auch der letzte Widerstand im väterlichen Hause gefallen war, nachdem er das Herz des durch das Alter schwach gewordenen Mannes an sich gekettet hatte, duldete es ihn nicht länger auf dem Gute, sein Sinn strebte höher, hinaus in die Welt, an den kaiserlichen Hof, dem er sich verwandt wußte. Er schwelgte bereits in dem Gedanken, wie seine Entfernung nun die Brust des alten Mannes, der sich endlich wieder einmal geliebt glaubte, zerreißen würde; das sollte die Strafe sein für die Härte, die er von ihm in der Kindheit erfahren. Damals kam der Bruder des Kaisers als Gouverneur in diese Provinz und Iwan hörte, daß er musikalische Abende veranstaltete, bei denen es indessen an einem hoffähigen Manne fehlte, der das Fagot blies. In kurzer Zeit erlangte Iwan eine Meisterschaft im Spielen dieses selten vertretenen Instrumentes; auch sorgte er dafür, daß der Großfürst von der geheimen Beziehung dieses Jünglings zum Hofe hörte, während ihm zugleich mitgetheilt wurde, daß Iwan selbst von diesen Beziehungen auch nicht die leiseste Ahnung habe. Ein solcher junger Mann war offenbar interessant, gern gewährte man seine Bitte, dem Großfürsten vorgestellt zu werden, in dessen Kreis er sich sowohl durch seine Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, als auch durch seine musikalische Brauchbarkeit bald heimisch machte. Der Großfürst fesselte ihn gern durch ein Amt an seinen Hofstaat, und als er bald darauf mit seinem Neffen, dem Großfürsten Thronfolger, in Kopenhagen zusammentraf, nahm er den Jüngling mit sich, um auch dem Neffen diese interessante Persönlichkeit vorzuführen. Dazumal war die Aera der Attentate gegen Alexander II. und seine Familie, hochgestellte Männer hatten sich als treulos erwiesen, das Vertrauen der hohen Herrschaften in die Menschheit war sehr erschüttert. „Unsere Zeit ist so leer geworden an Königstreue und Glauben," hatte damals der Großfürst Thronfolger gesagt, „daß man nur mehr den Banden des Bluts vertrauen darf", und mit großem Interesse betrachtete er Iwan Alexandrowitsch. „Wollte Gott, er habe eine treue Seele," äußerte er leise zu seinem Oheim, „solche junge Leute wären uns vonnöthen." Freundlich wandte er sich zu dem jungen Manne. „Ihr seid der Sohn des Edelmannes Oststone?" fragte er. „Iwan Alexandrowitsch Ostftone," entgegnete der Jüngling einfach und bescheiden, „mein geliebter Vater wartet zu Haufe sehnsuchtsvoll der Rückkehr seines einzigen Kindes." „Ihr liebt Euren Vaters" „Unaussprechlich. Wie sollte man diesen biedern, einfachen, geraden Mann nicht lieben?" „Und welches ist seine politische Gesinnung?" fragte der Großfürst Thronfolger. Mit gut geheucheltem Erstaunen blickte'damals Iwan auf. „Wie könnte man eine politische Meinung haben?" fragte er, „die Liebe zu unsrem'Herrscher und der innige Glaube an seine Göttlichkeit sind wohl jedem Russen ebenso angeboren, wie sein unumstößlicher Glaube an die heilige Kirche und ihre himmlischen Satzungen. Ich wüßte nicht, wie da von einer politischen Meinung die Rede sein könnte.^