Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1892)
- Date
- 1892-04-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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529 anständig, die auch im Gemeinderath fortwährend Skandale machen, schrie Lueger: „Frechheit"! Friedjung antwortete: „Feigling" und sagte, er könne Lueger nicht fordern, da dieser wegen Feigheit nur mit der Reitpeitsche zu^behandeln sei. Die Antisemiten riefen: lieber L)ie (Friedjung) wird man mit der Hundspeitsche kämmen. Lueger verlangte für Friedjung den Ordnungsruf, sonst werde er (Lueger) stets mit einem Stock in die Gemeinderathssitznng kommen, um sich selbst Genugthnung zu verschaffen. Der Vorsitzende rief Friedjung und Lueger zur Ordnung. Aus Ungarn, 10. März. Bekanntlich ist die obligate Sonntagsruhe in Ungarn vor mehr als einem halben Jahre zum Gesetze erhoben worden. Dieses, ohne Rücksichtnahme auf die speziellen Verhälnnffe unseres Landes nach Muster ausländischer Gesetzgebungen geschaffene Gesetz hat vielen Gesellschaftsklassen ihre Existenz ungemein erschwert, den gesetzestreuen jüdischen Kanfleuteu und Handwerkern jedoch die Möglichkeit ihres Fortkommens soz. vollends benommen; denn diese sind hiedurch gezwungen, wöchentlich zwei Tage die Geschäfte feiern zu lassen, was in Anbetracht dessen, daß ihre Concurenten nur einen Tag in der Woche feiern, über Kurz oder Lang ihren sichern Ruin i"n herbeiführen muß. Wir haben auf diese Gefahr schon beim Beginn des Jnslebentreteu dieses drakonischen Gesetzes hingewiesen *) und zugleich bemerkt, daß es ein unverzeihlicher Fehler der hierländischeu, gesetzestreuen Jndenheit war, im Interesse der Aenderung des bezüglichen Gesetzentwurfes nicht noch vor dessen Verhandlung im Reichstage alle Hebel in Bewegung zu setzen, und daß „eine post festum nach dem zum Gesetze erhobenen Gesetzentwurf einzurcichende Petition auf Erfolg wenig Aussicht habe. Diese Bedenken haben sich leider als vollkommen begründet erwiesen! Wohl haben die gesetzestreuen Juden foforr, nachdem die üblen Folgen des„Sonntagsruhegesetzes" sühlbar wurden, eine in der That imposante Landesaktion, an der sich sümmtliche orth. Gemeinden durch Entsendung von Depntirten betheiligten, eingeleitet, und hat auch deren verdienstvoller Leiter, Herr Adolf Frankel in Budapest dieselbe mit bewährrein Takt und bewunderungswürdiger Energie geführt, allein diese hatte wenig Aussicht auf Erfolg. Daß diese unsere, noch im August v. Jahres geäußerte Ansicht zum großem Bedauern keine unbegründete Hypothese war, beweist die gestern erschienene (letzte) „Verordnung des Handelsminin sters zum Sonntagsruhegesetze", deren das Groß der ge- *) Siehe „Die Sonntagsruhe und die Israeliten in Ungarn" in der 1. Beilage zu Nr. 66 des „Israelit u. Jeschurun" vorigen Jahrganges. setzestreuen Juden tangirenden Hauptbestimmungen folgende sind: 1) Sümmtliche Geschäfte dürfen (statt bis 10) bis 12 Uhr Vormittags offen bleiben; in den Monaten Juni und Juli jedoch müssen dieselben in Städten von mehr als 20,000 Einwohnern schon um 10 Uhr Vormittags gesperrt werden. 2) Das Schankgewerbe kann den ganzen Tag hindurch betrieben werden. 3) Herstellung und Verkauf der jüdischen Osterbrode (mso) ist den ganzen Sonntag gestattet. Diese, am 20. l. M. in Kraft tretenden „Ausnahmen" namentlich Punkt 2 kommen allerdings einigermaßen den in Dörfern wohnenden — Israeliten zugute, scheinen aber keineswegs ein Erfolg der von orth. Seite erngeleiteten Aktion zu sein. Auch der letzte Punkt ist nur der erst vor Kurzem nachträglich bewerkstelligten Eingabe der orth. Durchführungskommission zu verdanken. Wir müssen nun mit den durch das Sonntagsrnhegesetz hervorgerufenen Uebeln, als mit einem „fait accompli“ rechnen, an dem bis auf absehbare Zeit kaum etwas geändert werden wird. Leop old Großb erg. Feuilleton. J>.t Günstling des Ezaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Ion. Lehmann, 0r. pbil. (31. Follstnzung.) Die äußeren Verhältnisse, wie seine Naturanlage trieben Iwan früh in den Kampf um's Dasein. Wie der winzige Bursche die Pferde sich unterwarf. so that er es später auch den Leuten des Hauses. Durch liebevolles Bitten vermochte er Nichts zu erreichen, wohl aber durch Gewalt und Eigensinn. Allmählich rottete er den Hang zur Liebe in seinem Innern ans, erstickte ihn in einer Fluth von heimlicher! Thränen, dämpfte ihn durch die Gewalt der Eitelkeit, des Ehrgeizes und der Herrschsucht, die sich immer mehr seiner bemächtigten, vergaß ihn in der Sucht nach wilden Abenteuern und Aufregungen. Ein verstörtes, von seinen natürlichen Pfaden abgedrängtes Gemüth, hielt er Welt und menschlichen Willen für etwas vom Zufall zusammengeworfenes, das keinerlei Achtung werth sei und kannte kein anderes Gesetz als seine Laune und die fremde Gewalt, die sich seinen Launen entgegensetzte. So wurde seine Kindheit eigensinnig, entsetzlich, heillos, wild und wüthig; von jedem der Hausbewohner gehaßt und verfolgt, wußte er Jeden bei seiner Schwäche zu fassen, war für Jeden ein Schrecken, dessen Bosheit, Hinter-