Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1892)
- Date
- 1892-03-31
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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523 credit zu bringen. Darum bin ich auch ganz getrost. Ich bin bereit, für die Wahrheit und Reinheit unseres Glaubens zu dulden und das Bewußtsein, für den heiligen Namen Gottes unschuldig dulden und leiden zu müssen, gibt mir die Kraft, auch das Schrecklichste zu ertragen." Während das Antlitz Daniels in Begeisterung erglänzte, perlten heiße Thränen über Stella's Wangen. Daniel sah dieselben und wischte sie schmeichelnd hinweg, dann fuhr er fort: „Weine nicht, mein geliebtes Weib. Jene Zeiten, da man die Menschen ohne vollgiltige Beweise verurtheilte und richtete, sind vorüber und meine Unschuld ist so sicher wie die eines neugeborenen Kindes." „Denke nur an Tisßa Eßlar. Hat da nicht der Sohn gegen den eigenen Vater gezeugt? Weißt Du was für böse Menschen sich verschworen haben, Dich zu Grunde zu richten? Der deutsche Richter ist gerecht und unbestechlich; zu ihm habe ich Vertrauen, aber auch der Richter ist ein Mensch und muß nach dem vorgebrachten Material sein Urtheil fällen. Wenn unsere Feinde uns verderben wollen, so scheuen sie vor keinem falschen Eide und vor keiner falschen Aussage zurück. Einer beschworenen Aussage mutz der Richter Glauben schenken und es finden sich immer Leute, denen ihre Seele für Geld feil ist." „Du siehst zu schwarz, mein liebes Weib. Vertraue auf Gott, er ist die Zuflucht der Verfolgten: ohne Seinen Willen fällt kein Blatt vom Baume, ohne Seinen Willen können unsere Feinde uns nicht schaden und hat er in Seiner unerforschlichen Weisheit mich dazu ausersehen, seinen Namen öffentlich zu heiligen, so soll man mich nicht schwach finden. Bekennen werde ich und es mit meinem Blute besiegeln, daß Israels Religion keinen Ritualmord kennt, daß Israels Lehre jeden Mörder verdammt." „Und an mich denkst Du gar nicht, an Dein Weib und an Dein Kind, welches drinnen in seinem Bettchen sorglos schlummert? Was soll aus uns werden, wenn man uns Dich nimmt? Ach, unser Brod, unsere Ruhe und unseren guten Namen haben sie uns schon genommen, unser Familienglück zerstört, nun greift die unerbittliche Hand unserer Feinde auch nach Dir. Willst Du warten bis sie Dich zerschmettert hat? Flieh mein Mann noch in dieser Nacht, laß uns eilen, daß wir die Grenze erreichen. Im nahen Auslande bist Du sicher. Dort wirst Du Dein Brod ebenso gut finden w'e hier, denn ein tüchtiger Schauchct bist Du —" „Nein meine Stella, ich fliehe nicht, ich bleibe. Soll ich durch feige Flucht den Verdacht auf mich laden, als hätte ich kein gutes Gewissen, als fürchtete ich den Ausgang der Untersuchung! Würde ich nicht, um vielleicht mein eigenes Leben zu retten, das ganze Judenthum pretsgeben? Wie würden unsere Feinde frohlocken, wenn ich das Feld räumen, fliehen und dadurch den Schein erwecken würde, als sei oder als fühle ich mich schuldig. Heute sind wir hier, im nächsten Jahre im gelobten Lande, letzt sind wir geknechtet, im nächsten Jahre jedoch sind wir frei." Stella schwieg und ihr Mann begann die Erzählung vom Auszuge aus Egypten, wie sie die Hagada vorschreibt. Stella, die sonst eifrig miterzählt und mitgesungen hatte, hörte heute nicht auf die Wunder der Hagadah, ihre sonst so schöne Stimme erklang heute nicht in dem freundlichen Gemach, das arm, sehr arm, aber nett und sauber aussah. Ach, das Unglück drückte sie so schwer! Wie glücklich hatte sie mit ihrem Manne gelebt, wie reich waren sie in ihrer Armuth gewesen! Und hatten sie oft auch das trockene Brod nicht über Nacht im Hause, so hatte diese Armuth ihr Glück nicht gestört. Daniel war ein tüchtiger Schächter und er hoffte einmal eine Schächterstelle in einer größeren Gemeinde zu erhalten; dann hatte die Noth ein Ende, dann war seine Frau nicht gezwungen, wie jetzt in schwerer Arbeit die Einkünfte ihres Mannes vermehren zu helfen. O, es war ein schwerer Beruf, den sie ausübte, seitdem ihr Kind geboren und seitdem ihr Mann durch den Antisemitismus fast an den Bettelstab gebracht worden war. Sie pflegte Kranke und Wöchnerinnen und trug auf diese Weise dazu bei, ihrem Manne den Kampf um das Leben zu erleichtern, und während Daniel trotz seines Fleißes und der Mühe, die er sich gab, wenig, fast gar nichts verdiente, brachte sie stets von ihren Stellen so viel mit nach Hause, daß sie nicht fremden Leuten zur Last fielen. Da kam eines Tages das Unglück. Man fand einen Knaben ermordet und die eigenthümliche Blutleere der Leiche, sowie die Verletzungen derselben gaben den Feinden Israels Veranlassung jenes alberne Blutmärchen, das schon tausendfältig widerlegt, stets von Neuem von den Feinden Israels aufgewärmt wird, dessen man einst die Christen selbst beschuldigte, das Märchen von einem Ritualmord auf diesen Fall anzuwenden und den Juden dieses Verbrechen aufzubürden. Trotz aller Mühe, die sich das Gericht gab, konnte der Mörder des Knaben nicht aufgefunden werden. Da wurde von antisemitischer Seite das Gerücht ausgesprengt, die Juden hätten das Kind zu rituellen Zwecken gemordet und so albern dieses Gerücht war, so fand es Glauben und Verbreitung und die Polizeiorgane mußten den Schächter, auf den sich naturgemäß der Verdacht, den Mord verübt zu haben, zuerst lenkte, verhaften. Die Sache war dadurch nicht mehr Privatsache des verhafteten Schächters, sondern eine Angelegenheit geworden, welche ganz Israel betraf