Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1892)
- Date
- 1892-03-31
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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522 Kummer und dem Gram den Eintritt ins jüdische Haus! Ist doch am Sederabend der geringste Bettler in Israel ein König in seinem Heime, ein Fürst an seinem Tische? Was konnte also die Festesfreude der jungen Frau stören? Was trieb ihr immer wieder die Thränen in die Augen, wenn sie dieselben noch so oft mit ihrer weißen Schürze abwischte? Loschato hocho, l686honoh habooh bearoh de jisroeil, hoschato awdei, leschonoh habooh benei chaurin, *) schloß mit erhobener Stimme Daniel und stellte die Sederschüssel auf den Tisch, während er sich auf die harte Bank niederließ, an deren einem Ende heute das Sederbett zurecht gelegt war. Sein Blick fiel auf das kummervolle Antlitz seiner Frau, und da er ihre Thränen sah, begann er: „Heute ist Sederabend, Stella, vergiß für ein paar Stunden, was Dich drückt und feiere mit mir das Fest der Erinnerung, denn auch unsere Vorfahren waren geknechtet und bedrückt, auch unsere Väter aßen das Brod des Elends, und der Allgütige hat sie befreit, der Allmächtige sie herausgeführt aus dem fremden Lande, sie von der Knechtschaft erlöst und die goldne Freiheit ihnen gewährt." „Ich habe es versucht, zu vergessen, mein Daniel, aber ich vermag es nicht. Jedes Wort der Hagadah paßt auf uns und führt meine Gedanken immer wieder zu unserer elenden Lage zurück. Ja, das Brod des Elendes, welches unsere Vorfahren einst in Egypten gegessen, kann nicht bitterer geschmeckt haben als das, welches wir heute genießen! So wie unsere Vorfahren einst die Ueberschreitungsnacht gefeiert, die Lenden gegürtet, mit Schuhen an den Füßen, den Wanderstab in der Hand, ebenso feiern wir sie heute, nur mit dem Unterschiede, daß jenen einst eine glückliche Zukunft verheißen war, und sie freudig ihre Wanderung antreten konnten, da ihre Zukunft hell vor ihnen lag, während unsere Zukunft dunkel ist und schwarz wie die Nacht, die uns jetzt umgiebt." „O, über den Kleinmuth Deiner Seele! Waren nicht Seufzer und Klagen genug in Egypten! Hat nicht Gottes Wort und das Vertrauen auf ihn und seine Treue die Zukunft unserer Väter erhellt? Und ist das, was uns heute trifft, nicht auch eine Schickung Gottes und gilt uns heute nicht auch noch sein Wort und hält er uns 'nicht auch heute noch seine Treue? „Hoschato afdei, leschonoh habooh benei chaurin.“ „Möchte Gott Dir Dein Vertrauen und Deinen Muth erhalten, Du lieber Mann, und Dich führen von der Knechtschaft zur Freiheit. O, Du kannst es Dir nicht denken, wie mich die Angst *) Jetzt sind wir hier, im nächsten Jahre im Lande Israels, jetzt schmachten wir noch in der Knechtschaft, im nächsten Jahre sind wir frei. martert und quält, wie schwarze Gedanken mein armes Gehirn erfüllen und die ärgsten Vorstellungen sich meiner Seele bemächtigen! Was haben wir gethan, daß Gott uns so schwer heimsucht, womit haben wir gesündigt, daß er uns so furchtbar straft?" „Weißt Du nicht, daß Gott Diejenigen, die er liebt, züchtigt, daß erst ein in Noth und schweren Prüfungen bestandenes Gottvertrauen den Werth der Tugend erhält? Freilich, der liebe Gott hat uns schwer heimgesucht: der Verdacht des Mordes, der auf mir ruht, ist eine furchtbare Prüfung, die uns betroffen, aber der Allgerechte wird auch meine Unschuld an den Tag bringen und mich rechtfertigen vor dem Urtheil der Welt." „O, es war ein schrecklicher Tag, als sie kamen und Dich suchten, als sie unsere Wohnung durchsuchten — nach Menschenblut. Und als Du alsdann kämest und ahnungslos mit dem Beamten Dich entferntest, um nicht wtederzukehren — da wollte ich schier verzweifeln an der Allgerechtigkeit des ewigen Vaters im Himmel. Wie viele brave Männer unseres Volkes haben in früheren Zeiten auf Grund dieser niederträchtigen lügnerischen Beschuldigung Blut und Leben lassen müssen! Und nun trifft diese Beschuldigung Dich, nun wlrft man Dich ins Gcfängniß auf Grund dieser furchtbaren Anklage! O. die Minuten wurden mir zu Stunden, die Stunden zu Tagen, die Tage zu Ewigkeiten, als man mir die Nachricht von Deiner Verhaftung überbrachte und als ich erst erfuhr, wessen man Dich beschuldigte, da erstarrte mein Blut. Tag und Nacht lag ich auf meinen Knieen in heißem Flehen vor dem Allmächtigen, daß er Deine Richter erleuchten, Deine Unschuld offenbaren möge." „Und er hat Dein Flehen erhört, Dein Gebet wohlgefällig ausgenommen, denn gestern erst wurde ich der Haft entlassen und wir können zusammen die leil schimmurim *) feiern." „Ja, man hat Dich der Haft entlassen, aber Du bist nicht frei! Wie ein Damoklesschwert schwebt diese Anklage über Deinem Haupte, und jederzeit mußt Du Dich bereit halten. —" „Sage nicht, ich muß, sage lieber, ich bin jederzeit bereit, für die Wahrheit und Reinheit meiner Religion Gut und Blut zu opfern. Die Anklage, die mich ins Gefängniß brachte, ist nicht gegen mich, gegen Daniel Rautner gerichtet; was nützte meine unwichtige Person unseren Feinden und Verfolgern — nein, das Judenthum klagt man an und mit meiner Schuld oder Unschuld versucht man das Judenthum zu verurtheilen und in Miß- *) Nacht der Beobachtung; der Sederabend.