Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1892)
- Date
- 1892-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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504 „Vergib' mir, vergib' mir, Alexander!" rief die Mutter ein über das andere Mal, „und lasse es das Kind nicht entgelten, wenn ich gegen Dich gefehlt habe; es ist ja noch so rein, so schuldlos und gut." Mit abgewandtem Gesicht reichte ihr der Vater die Hand zur Versöhnung, noch einmal benetzte die sterbende Mutter ihr Kind mit heißen Thränen und endlich preßte sie ihre erkaltenden Lippen noch auf das jugendliche Gesichtchen, als das Leben ihr entfloh. Und dann war eine bittere, trostlose Leidenszeit für den Knaben hereingebrochen; kein Mensch bekümmerte sich um ihn, kein Mensch gab ihm ein liebevolles Wort, geschweige denn ein liebendes Herz. Von Manchen der Hausleute verfolgt und oft ungerecht bei dem strengen Vater angeklagt, von allen gemieden, verflossen die unglücklichen, freudlosen Jugendtage. „Meine Mutter!" flüsterte Iwan und eine Thräne drängte sich in seine Augen, „Du Einzige, die mich je geliebt! Wer Dich mir wiederbrächte, meine Mutter? Ach, es ist lange vorbei, längst vorüber." Sie hatten Alle kein Herz für das Kind, das sich so sehr nach Liebe sehnte. Mit zärtlichen Worten und Küssen suchte sich der Knabe dem Vater zu nähern, aber jedesmal wies ihn dieser kalt, rauh und streng zurück. Ein schwerer Kummer schien das Leben dieses Mannes zerstört und ihn unempfindlich gemacht zu haben gegen fremdes Leid. Das väterliche Haus lag einsam auf dem ausgedehnten Landgute; weit und breit war keine Schule, die Iwan besuchen konnte, in der ganzen Runde wohnte keine Herrschaftsfamilie, mit deren Kindern spielend der Knabe sich seiner Jugend erfreuen konnte. Mit den Kindern der Bauern aber hätte Iwan sich nicht abgegeben und wenn er in seiner Einsamkeit verzweifelt wäre, denn ein unnahbarer, unerschütterlicher Stolz beherrschte schon damals das jugendliche Gemüth; auch den Dienern begegnete er zurückhaltend und ruhig und machte sie nicht zu Vertrauten seiner Schmerzen. Der Vater nahm einen Hauslehrer an, einen egoistischen, nur auf seinen eigenen Vortheil bedachten Menschen, der bald genug bemerkt hatte, daß keine Liebe zwischen dem Gutsherrn und dem Knaben bestand und der nun glaubte, im Sinne seines Herrn zu handeln, wenn er nur Böses und Schlimvon dem Kinde berichtete. Schenkte man nun Iwan im Hause keinerlei Beachtung, so ließ man ihn andererseits auch meistens thun und lassen, was er wollte. Tollkühne Ritte über Zäune und Hecken auf wilden, jungen, ungeschulten Pferden gehörten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen und er kannte keine größere Lust, als diese widerstrebenden Thiere seinem Willen blindlings zu unterwerfen und sie zu peitschen und spornen, wenn Kraft oder Lust ihnen versagte. Die ganze Verbittertheit seines Gemüthes gelangte dann zum schrankenlosen Ausbruch. (Fortsetzung folgt.) Mit zwei Kamez sagt es Dir Der Menschen allerschönste Zier. Doch wenn statt Kamez, Segol stehen, Die Menschen cs mit Schrecken sehen. Weinheim (Baden). B. Lehmann, Lehrer. Unter den Einsendern von richtigen Lösungen wird geloost und erhält der Gewinner zwei selbst zu wählende Werke auS unserem Verlage. Der „JSraelit" erscheint wöch-ntlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Me Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen au. — Durch Sen Buchhandel fU be^Ulftn bei E. F. Steinarker, Leipzig, Poßplatz 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Öesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'8 Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt tHauptblatt^: Leitende Artikel: Der Antrag der Synagogeu-Gemeiiide Brandenburg bei dem deutsch-israelit. Gcmeindetag. — Hagadah schel Peßach (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Darmstadt. Frankfurt a. M. Bielefeld. Breslau. Aus Hirschderg. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Günstling des Czaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phil. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Lüneburg. Norderney. München. -- Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — England: London. — Egypten: Alexandrien. — Rußland. Inhalt der zweiten Beilage: Vermischtes. Inhalt der wifsenschaftl. Beilage: Aus dem Reiche der alljüdischen Fabel (Fortsetzung). — Recension. — Miscelle. Inhalt der belletr. Beilage: Der Becher des Propheten Eliah von H. Berger. — Der Wucher. — Liebermann u. Weibertreue. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu vier Beilagen.