Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1892)
- Date
- 1892-03-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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503 ich, und könnte das nicht?! — Wenn nur der Procurator der Synode nicht wäre!" Kolascheff trat ein und meldete, daß Fürst Michail Wasiljewitsch Gutesow nach Petersburg abgereist sei, um eine Beschwerde beim Czaren zu führen gegen Iwan Alexandrowitsch; es sei ein vollständiges Komplott, das man gegen den Günstling des Czaren gesponnen und Michail Wafiljewitsch halte die Fäden desselben in der Hand. Iwan hörte kaum mit an, was sein Diener berichtete; einen Fürsten Gutesow, der nicht in Staatsstellung war, konnte er sorglos verachten. „Habt Ihr mir sonst nichts zu berichten?" sagte er, Ruhe und Gleichgiltigkeit erheuchelnd. „Etwas Schlimmes für mich selbst, Hoheit," entgegnete Kolascheff, „ich habe von dem Chef der politischen, geheimen Polizei den Befehl bekommen, Eure Dienste zu verlassen und mich in Petersburg zur Stelle zu melden." Aergerltch fuhr Iwan auf. „Auch das noch!" rief er, „man fängt an mir zu mißtrauen. „Nein, Euer Gnaden," entgegnete Kolascheff demüthig, „man begründete meine Abberufung damit, daß das Vorhaben der Regierung hinsichtlich der Juden ausgeführt sei und daß man für's Erste in diesem Punkte nicht weitcrgehen wolle." „Sagt an, Kolascheff, welchen Gehalt empfangt Ihr von der III. Abtheilung?" fragte der junge Herr schnell. „Nicht viel," erwtederte der Beamte, „nur 300 Rubel das Jahr, aber meine Nebenverdienste bringen mir wohl jährlich mehr als 1000 Rubel ein." „Wohlan, verlasset den Dienst der Polizei und bleibt bei mir, 2000 Rubel zahle ich Euch." Vergnügt lächelnd verbeugte sich der Polizeibeamte. „Ich bin Euer Gnaden unterthänigster Knecht," entgegnete er, „aber wenn Euer Gnaden allergnädigst sich erinnern wollten, daß mir Eure Hoheit versprochen, ich sollte Titularrath werden?" „Auch dies soll Euch seiner Zeit nicht entgehen, für den Augenblick begnügt Euch noch mit einem anderen, das auch nicht zu verwerfen ist." Iwan eilte an einen Schrank, holte die kostbare Brtllantnadel hervor, die ihm die Juden einst übergeben hatten, und reichte sie wortlos seinem Werkzeug. „Geht nur, bis ich Euch rufen lasse," sprach er dann kurz, „ich will jetzt allein sein; ich muß denken — denken!" Nur auf den Fußzehen auftretend, verließ Kolascheff das Gemach; Iwan war sich selbst überlassen. Er warf sich wieder auf das Sopha und blickte eine lange Zeit mit starren Augen in's Leere. Mehrfach fuhr er sich mit der flachen Hand über das Gesicht und suchte seine Gedanken zu sammeln, doch sein Bemühen blieb vergeblich. „So öd und leer!" murmelte er. „Ist doch mein Haupt, wie ausgebranntes Korn. Wenn ich jemals die Vernunft verlieren könnte — wenn ich wahn-pfui, welch' ein häßlicher Gedanke. — Wir wollen vernünftig sein!" rief er, — — „so lange wir noch vernünftig sind", setzte er mit mattem Lächeln hinzu. Iwan sprang auf und eilte in sein Schlafzimmer; dort war nicht geheizt. Er ergriff eine mit Wasser gefüllte Kanne, goß ihren Inhalt in eine tiefe Schüssel und tauchte den Kopf einigemal in das eisig kalte Naß. „Das thut wohl!" flüsterte er, „das thut wohl!" Ohne sich zu trocknen, kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück, setzte sich in einer Ecke nieder und stützte das Haupt auf die rechte Hand. „Wie wird der Czar die Anklage meiner Feinde aufnehmen?" Iwan versuchte, sich sein Verhältniß zu dem Gebieter noch einmal von den frühesten Anfängen an vor Augen zu legen, doch seine Gedanken schweiften weiter, viel weiter, zurück zu seiner Kindheit, zu seiner frühen Jugend. Im Geiste sah er das väterliche Herrschaftsgut vor sich stehen, der große, weite Holzbau mit den alterthümlichen, zum Theile schon recht abgebrauchten Möbeln, er sah sich selbst als Junge in den Zimmern umherspielen, ganz allein in den weiten Räumen. Damals hatte die Mutter noch gelebt, die sanfte, bleiche, herzensgute Mutter, die ihn stets in Schutz genommen, wenn der Vater schlagen wollte, oder rauh und barsch ihn anließ. Damals war ihm das Geheimniß noch fremd, das über seiner Geburt waltete, damals trübte noch Nichts anderes sein junges Herz, als daß der Vater ihn nicht lieben wollte, daß er seine Zärtlichkeit mit Härte abwies, ja, daß er ihn mit geradezu feindlichen Blicken betrachtete, selbst wenn er artig gewesen, wenn er sich Mühe gegeben hatte, durch gutes Betragen das Wohlwollen des kaltgesinnten Mannes zu verdienen. Und wenn er dann dem Mütterchen das bittere Weh seines jungen Herzens klagte, da verdoppelte sie ihre Zärtlichkeit, zog ihn weinend an die Brust und herzte und küßte ihn. Aber eines Tages, da wurde er zu dem Mütterchen hineingerufen; sie lag im Bette und war noch viel bleicher als sonst. „Mein armes, unglückliches Kind!" schluchzte sie und legte ihre Hände auf sein Haupt; der Vater aber stand dabet, wohl ein wenig mehr erregt, aber finster und liebeleer wie sonst.