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Der Israelit · 1892-03-28 · Heft 25 (28.3.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 25 (28.3.1892)
Date
1892-03-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Muß es uns berühren, daß in Deutschland gerade die Parteien, die die Königstreue gepachtet zu haben glauben, immer mehr dem Judenhasse sich in die Arme werfen. Die Brandrede, welche am Sonnabend im Abgeorduetenhause unter dem jubelnden Beifall der Konservativen gehalten wurde, darf a!S der praktische Anfang des schon lange gehegten Gedankens gelten, den Antisemitismus in das Programm der konservativen Partei zu übernehmen. Den Junkern beginnt bange zu werden vor dem Strafgericht, das ihnen bei den nächsten Wahlen droht, darum soll die Judenhetze ihre wankende Stellung befestigen. Die Antisemiten, welche mit den preußenfeindlichen Dänen in Nordschleswig ein Frcundschaftsbündniß geschlossen, haben durch diesen Schritt auf ein Zusammengehen mit dem Adel und den Adelsgenossen verzichtet. Denn diese nennen sich mit besonderer Vorliebe die Stützen des Thrones und müßten sich wohl hüten mit den Baterlandslosen, welche die deutsche Sache preisgeben, an einem Strang zu ziehen. Doch die altersschwachen konservativen Herren bedürfen der muthigen Agitatoren, die vor keinem Mittel der Welt zurückscheuen und sich auf das Verhetzen der Volksleidenschafteu vorzüglich verstehen. Diese edlen (?) Motive wirken bestimmend auf die Entschließungen der gestrengen Herren. Den Antisemiten mußte ein Köder hingeworfen werden, um sie für den Dienst der Kreuzzeitungspartei zu gewinnen. Man bedarf der Nadauhelden, um Leben in den morschen Stamm des Junkerthums zu bringen. Daß durch solche Brandreden die Massen zum Mord und zur Plünderung gereizt werden, geuirt die bösen Geister nicht. Herr von Wackerbarth hat seine Sache gut vollbracht und kann sich über die zündende Wirkung seiner Rede vergnügt die Hände reiben. Die Gewaltthätigkeiten haben vierundzwanzig Stunden, nachdem die Mordrede verklungen war, ihren programmäßigen Anfang genommen. Sonntag Mittag drangen nämlich fünf Strolche in das dem Massagelehrer B. Abraham gehörige Friseurgeschäft und traten in so turbulenter Weise auf, daß sie der Geschäftsinhaber aufforderte, sofort das Lokal zu verlassen. „Ja, warte ma», verf.Jude, gleich," lautete die Antwort, und nun schlugen die Exedenten auf Abraham ein, und demolirten die ganze Ladeneinrichtung, um nach vollbrachter Heldenthat die Flucht zu ergreifen. Als sie deßhalb von zwei Schutzmännern festgeuommen werden sollten, leisteten sie heftigen Widerstand, und wurden hierin von der angesammelten Menge unterstützt, so daß die Beamten mit der blanken Waffe cinschreiten mußten. Abraham mußte seinen Laden sofort schließen, der ihm zugefügte Schaden ist ganz beträchtlich. Die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung" bemerkt dazu in gut geheuchelter Entrüstung: „Es ist in der That hohe Zeit, daß derartige Rohheiten, welche auf die immer größere Verwilderung unserer Jugend zurückzuführen sind, in ganz exemplarischer Weise bestraft werden, und derartige Vorgänge beweisen nur, wie sehr die in Aussicht genommenen Strafverschärfungen am Platze sind." So darf Herr Wackerbarth "mit Stolz'auf seine glänzende Leistung zurückblicken. Der Pöbel hat ihn verstanden und hat sofort seine Schuldigkeit gethan. Wir aber wünschen aufs Innigste, daß die conservative Partei diese abschüssigen Wege nicht weiter wandle. Die Herren würden gewiß besser fahren, den Juden mit freundlicher Gesinnung zu begegnen, statt sie einem Wahlmanöver zu Liebe mit voller Wucht abzustoßen. A. Thorn, 22. März. Wie der „Post" gemeldet wird, sollen russisch-jüdische Auswanderer hierselbft nach einer Anordnung der Staatsregierung nicht mehr durchgelasfen werden. Das Verbot hat seinen Grund darin, daß die russischen Behörden sich mehrfach geweigert haben, solche Auswanderer zurückzunehmen, wenn sie in den deutschen Häfen wegen Mangels an Geldmitteln zurückgewiesen wurden. Hierdurch entstanden für unsere Behörden viele Unannehmlichkeiten und diese soll das Verbot der Regierung verhindern. Auf dem hiesigen Bahnhöfe findet eine genaue Koutrole der Auswanderer statt. München, 16. März. Die religiösen Gegensätze, welche im Laufe der letzten dreißig Jahre fast in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands bald in schärferer, bald in milderer Form zum Durchbruch gelangten, haben auch in der hiesigen Cultusgemeinde schließlich dazu geführt, daß sich neben der allmählich immer niehr einer reformistischen Richtung zugewandten Haupt-Synagoge kleine Ncbensynagogen bildeten, die den Bedürfnissen einer der gesetzestreuen Richtung treu bleibenden Minorität Rechnung zu tragen suchten. Schon im Jahre 1873 war unter dem Namen O h e l Jacob in der Kanalstraße ein den damaligen Verhältnissen entsprechender Betsaal errichtet worden. In Folge des natürlichen Zuwachses der Gemeinde war derselbe in den letzten Jahren zu klein geworden. Nach langen Mühen und unter großen, nur von Wenigen getragenen Opfern ist es endlich gelungen, ein neues, den Forderungen der Neuzeit entsprechendes Bethaus zu erbauen, das am 25. d. M. eingeweiht werden soll. Nach den einschlägigen bayerischen Gesetzen ist bekanntlich die Bildung von Sonder - Gemeinden unzulässig. Es war daher eine außerordentlich schwie-

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