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Der Israelit · 1892-03-28 · Heft 25 (28.3.1892) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 25 (28.3.1892)
Date
1892-03-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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486 hin sie sich gewandt, das hätten sie selbst nicht gewußt, er werde nun alle Hebel in Bewegung setzen und seine ganze Kraft und Energie daran wagen, herauszusinden, wohin man Rosa gebracht habe und er hoffe schon in wenigen Tagen eine günstige Botschaft bringen zu können. Der pfiffige Geheimpolizist verschwieg in schlauer Berechnung seinem Herrn, daß der Aufenthaltsort des Mädchens ihm bereits bekannt war, um dann später durch die Entdeckung desselben sein Aufspürungstalent in desto glänzenderem Lichte zu zeigen. Iwan hörte ihm wortlos zu und begab sich, ohne irgend etwas entgegnet zu haben, nach Hause; er schien gebrochen zu sein an Leib und Seele. Wenige Tage darauf erhielt er ein Telegramm von einem feiner Politischen Freunde in Petersburg, worin ihm mitgetheilt wurde, daß er eiligst in die Hauptstadt kommen möge, denn seine Feinde seien bemüht, ihn an höchster Stelle zu verleumden; sie hätten diesesmal nicht, wie sonst, verschlossene Ohren gefunden. Zu gleicher Zeit aber theilte ihm Kolafcheff mit, daß es ihm gelungen sei, den Aufenthaltsort Rosa's auszukundschaften,' und daß sie sich in dem Lustschlosse des Gouverneurs verborgen halte. XIV. Als nach jener Nacht Iwan in seine Behausung zurückkehrte, fühlte er einen stechenden Schmerz im Kopfe, der in den nächsten Tagen anhielt. Ein eigenthümliches Gefühl der Dumpfheit lag über ihm und verhinderte ihn einen klaren Gedanken zu fassen. Er verließ das Haus nicht. Der Gouverneur, der Polizeimeister und einige andere seiner Bekannten, die kamen, um den Kranken zu besuchen, wurden nicht vorgelassen, da die Diener gehalten waren, sobald irgend Jemand vorsprechen würde, zu sagen, daß der junge Herr schlafe. Was Iwan aber nicht von sich abwehren konnte, das waren die immer dringender werdenden, stets häufig kommenden Nachrichten von Petersburg, durch die er aufgefordert wurde, so schnell als möglich heimzukehren, wenn er nicht schwere Schädigung seiner Gunst bet Hofe erfahren wolle. „Nur ein Gedanke, ein einziger, klarer Gedanke!" rief Iwan, „und ich bin gerettet. Aber was soll ich nun thun? Es ist mir, als ob mein Haupt abgeschlagen wäre und ich die Fähigkeit zu denken verloren hätte. Rosa weilt bet dem Gouverneur; ich muß sie wieder erobern, ich kann nicht leben ohne sie. Und wenn ich zu Grunde gehe, ich muß sie erringen. Aber wenn Alles über mir zusammenstürzt, wenn ich in Petersburg mein Ansehen verliere? Ist die Ehre nicht mehr werth, als ein unbedeutendes Mädchen? Ich habe das stets geglaubt, aber heute werde ich anderer Ansicht. Es ist doch merkwürdig, man mag's anstellen, wie man will, man kömmt im menschlichen Leben nicht aus dem Elend heraus. Man ist stets der Meinung, daß mau in allernächster Zeit so glücklich werde, wie man es nie zuvor gewesen, wenn aber die Zeit herangekommen, dann sieht man, daß das vermeintliche Glück nur ein neues Unglück ist. Mein Gott, mein Gott, was soll ich nun beginnen? Ich fühle mich so ohnmächtig wie nie zuvor in meinem Leben. Bin ich denn wirklich nicht im Stande einen Gedanken zu fassen, will mir kein guter Einfall kommen, sollte es wirklich keinen Ausweg geben, der mich über alle Hindernisse hinwegführt, der mich das Mädchen gewinnen, und von meiner Macht nichts verlieren läßt? Ich bin doch sonst klug und habe mir doch stets zu helfen gewußt. Ich müßte mich ja vor mir selbst schämen, wenn ich nun kein Heilmittel für meine Schmerzen fände. „Welche Mittel stehen mir zu Gebote? Ich besitze ja noch den jungen Juden im Gefängniß; was der wohl getrieben und gedacht haben mag, diese vielen Tage hindurch? Ha! Mir dämmert ein eigentümlicher Plan, der vielleicht noch Alles für mich zum Guten führen könnte. Es kömmt nicht darauf an, was man besitzt, sondern wie man sein Besitzthum zu nutzen versteht!" Iwan, der während dieses Gedankenganges im Schlafrock auf dem Sopha lag, fuhr plötzlich mit dem Kopf in die Höhe. „Ein Wagen ist vorgefahren," sprach er vor sich hin, „man will mich wiederum besuchen, man wird aber abgewiesen werden. „Ein Mann mit schwerem, schlürfendem Schritt steigt aus, jetzt wird ihm die Eingangspforte geöffnet, jetzt spricht er mit dem Pförtner. „Es ist doch merkwürdig, welch' ein feines, vortreffliches Gehör ich habe, ich überrage darin die meisten Menschen. Ich glaube, wenn Engel in der Lust sich bewegten, ihr Flügelschlag würde den außerordentlich seinen Gehörwerkzeugen, die mir eigen sind, nicht entgehen; aber es gibt keine Engel. — Ich kann überhaupt mit meinem Körper wohl zufrieden sein, alles ist vorzüglich an mir." Er betrachtete mit Behagen seine eigene Gestalt; da fiel ihm ein, daß sein Auge schwach, daß er etwas kurzsichtig war. „Nur die Kurzsichtigkeit wäre eigentlich ein Fehler zu nennen," phantasirte er weiter, „aber ich glaube, sie ist eher ein Vorzug, sie ist ein Zeichen von Gelehrsamkeit. Alle Menschen, die viel gelernt haben, und die viel wissen, sind kurzsichtig. Es ist eine gewisse, geistige Größe, die durch die

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