Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1892)
- Date
- 1892-03-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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487 Kurzsichtigkeit zum Ausdruck gelangt. Hollah, üollah! Was ist denn das? Die Schritte nähern sich meiner Thüre. Diese Tölpel von Dienern werden doch Niemanden herzulassen?" „Ich muß den jungen Herrn sprechen," sprach draußen eine tiefe, sonore Stimme, die Iwan sofort als die des Protopopen erkannte, „wenn er schläft, werde ich ihn erwecken, wenn er krank ist, bringe ich ihm Heilung!" „Es ist unmöglich," rief der Kammerdiener, „es kann durchaus nicht sein." „Schweig', vorlauter Geselle, wenn ein Diener Gottes spricht. Es muß sein, und also wird es sein." „Der Arzt hat es verboten!" rief der Kammerdiener, doch der Großpope schob den Knecht bei Seite und betrat das Zimmer Jwan's. Mit verlegenem Antlitz sprang der Jüngling auf. „Ihr seht eineu Kranken vor Euch, heiliger Vater", stammelte er. „Besser der Leib erkrankt, als die Seele," sprach der Priester ernst, „der Ewige lasse Beides Dir genesen." „Nehmt Platz, mein Vater!" murmelte Iwan mit schwacher Stimme und neigte demuthsvoll sein Haupt. Ohne sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen und ohne jede Einleitung begann der Pope: „Es ist Dir bekannt, daß unser von heiligem Eifer eingegebenes Werk nicht gesegnet wurde. Eine Reihe von Juden ist allerdings gestorben, bekehrt aber hat sich kein Einziger, obgleich wir keine Mühe scheuten und Geld und Rettung Jedem versprachen, der sich von der Wahrheit des orthodoxen Glaubens überzeugen würde. Auch an guten Reden und freundlichem Zuspruch ließen wir es nicht fehlen. Aber es scheint, durch Angst und Schrecken vermögen wir Nichts zu erreichen. Es war alles vergeblich!" „Leider, leider," entgegnete Iwan, eine schmerzliche Miene annehmend, „die Hand des Herrn lag schwer über uns!" „Ich bin nach Petersburg zurückberufen und werde morgen unter dem Schutze der Heiligen reisen." „Fahret wohl, mein Vater! Der Herr segne Euren Ausgang und Euren Eingang", sagte Iwan mit milder Stimme, an der sein innerliches Frohlocken nickt zu bemerken war. „Ich kam nicht, um Abschied zu nehmen, ein Anderes führt mich hierher, was ich durchaus von Dir verlangen muß." Iwan horchte hoch auf und der Großpope fuhr fort: „Uns ist bekannt worden, daß Du das jüdische Mädchen, jene Pflegetochter des Juden Alexe! Chaimowitsch, entführt und in Gewahrsam gebracht hast." Iwan blickte erstaunt empor und betrachtete mit fragender Miene den Priester. „Versuche mich nicht zu widerlegen," fuhr Jener fort, „was ich sage, weiß ich mit Bestimmtheit. Höre weiter, was ich Dir mitzutheilen habe. Jenes Mädchen war mir nicht vergönnt zu sehen, und es hat noch nicht gehört von dem Worte Gottes. „Ich glaube aber, daß auf ihr junges und weiches Frauengemüth die unendliche, wonnevolle Heilslehre einen tiefen Eindruck machen muß. Ich will nicht nach Petersburg zurückkehren, ohne wenigstens einen einzigen Erfolg für den Garten der Seligkeit erstritten zu haben. Diese einzige Seele wenigstens muß ich dem Paradiese zuführen. Das Verlangen, das ich an Dich stelle, ist daher kurz und bündig gesagt: Gib' mir die Jungfrau heraus, die Du verborgen hälft! Du hast mir seinerzeit gelobt, daß Du nicht aus weltlicher Lust Dich ihr genähert, sondern allein um die heilige Sache zu fördern, Du hast Dich sogar mit mir einverstanden erklärt, daß sie in ein Kloster gebracht würde. Noch will ich Dich nicht der Lüge zeihen, noch will ich annehmen, daß Du bisher aus Jrrlhum nicht gehalten hast, was Du mir zugeschworen. Nun aber versuche keine Widerrede, sie wäre umsonst, da ich meiner Sache bis aus das Kleinste sicher bin. Uebcrliefere mir das Mädchen und laß' mich ziehen!" Voll Staunen und Schrecken hatte Iwan die lange, in Predigerform gehaltene Rede des Protopopen mit angehört. „Ich schwöre Euch —" rief er. „Schwöre nicht!" unterbrach ihn der Pope, „denn Du würdest Dich mit einem falschen Eide, und also mit einer Todsünde belasten. Bedenke indessen, daß der Mensch nur ein schwaches Gefäß ist, einer hohlen Scherbe vergleichbar, so lange in ihm seine Begierde herrscht, daß er aber sich erhebt, herrlich, kühn und stark, wenn der Himmlische ihn besucht mit seiner Gnade." „Ich kann Zeugen bringen für die Wahrheit —!" schrie Iwan hocherregt. „Da so viele Menschen abgewichen sind vom Wege Gottes, der Herr möge Besserung schicken, wird es heute ein Leichtes sein, falsche Zeugen aufzustellen. Du sollst keinen Versuch machen, irgendwie mir zu widersprechen, denn eines jener elenden Werkzeuge der Entführung hat mir in tiefster Reue Dein Geheimniß bekannt. Er war von einem Deiner Diener, einem gewissen Kolascheff, gedungen worden, gemeinsam mit Deinen andern Knechten das Mädchen, das in dem Hause des Juden Alexei Chaimowitsch war, als die Plünderer dort einfielen,