Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1892)
- Date
- 1892-03-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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485 die jüdische Küche die hohen Ansprüche des Herrn Rabbiners nicht befriedigte, veranstaltete er das Bankett beim christlichen Gastwirth Selestei, woselbst die ausschließlich ans Juden bestehende Ballgesellschaft ganz ungenirt speiste! Herr Dr. Pinkusfeld hat das ungarische Rabbinerseminar absolvirt und von dessen Direktion auch das Befähigungszmgniß erhalten, und kann daher dieser Fall als Beitrag zur Aufklärung über den in diesem Institute herrschenden Geist dienen. — Vor beiläufig einem halben Jahre berichtete ich ausführlich über die tollen Umtriebe des von seinem Sohn, einem Arzte, für geisteskrank erklärten, berüchtigten Rabbiners zu Tapio-Szele. Der dortige, auf den Namen Licht enstein hörende „Rabbiner" — ein wahrhafter n-iöq jpi — steht seit Jahren in dem Dienst der Missionsgesellschaften, und haben diese unter seinem Namen auch schon mehrere Missionsschriften heransgegeben, so auch jüngst eine den Titel „Judenthum und Christenthum" führende j Broschüre in welcher der wackere — natürlich in j einer neologen Gemeinde angestellte — Rabbiner | die Juden zur Leugnung von rwnpn mm auffor- | dert. Es wurden wohl schon manche Versuche an- | gestellt, um diesen charakterlosen oder wahnsinnigen l Missionsschützling aus seinem Amte zu entfernen, z aber dieselben scheiterten — man höre und staune! z — an dem Willen der hartnäckig Widerstand lei- E ftenden — Gemeinde! Man fügte sich daher schon 1 ins Unabänderliche und die famose Sache wäre j vielleicht ganz der Vergessenheit anheimgefallen, 1 wenn die vom Geistlichen W. Becker redigirte I Monatsschrift „Dibre Emeth" (?) diese anwidernde j Geschichte, welche als ein ewiger Schandfleck an den ) hierländischen Kongreßgemeinden haften wird, nicht i anfgewärmt hätte. In der jüngsten Nr. dieser | Missionszeitschrift wird nämlich der noch immer i amtirende Rabbiner mit Bezugnahme auf erj wähnte Broschüre als „ein Missionar im Rabbineri kleide" verherrlicht und über ihn noch sonst schöne 1 Dinge erzählt, die einem jeden ungarischen Juden j die Schamröthe ins Gesicht treiben. Ungeachtet all j dieser Thatsachen jedoch versieht Se. Ehrw. Herr I Lichtenstein alle Funktionen eines Rabbiners. 1 Nun wage man noch zu behaupten, daß nichts I Neues unter der Sonne sei! — Den ersten Preis des „Ungarländischen Stenographenvereins" hat i bei dem vorige Woche abgehaltenen Wettschreiben - der Journalist Dr. Julius Komor gewonnen. 1 Derselbe ist Jude und pflegt sich auch mit jüdischer | Journalistik zu befassen. L. G—g. Vermischtes. Worms. Am vergangenen Sonntag hat man in dem benachbarten Lampertheim einen Mann zu Grabe getragen, der es werth ist, daß man seiner auch in Ihren gcsch. Blättern gedenke. Es ist Lehrer Wolf Joseph, der im Alter von 59 Jahren nach 12wöchentlicher Krankheit von seiner irdischen Laufbahn abgernfen wurde. Als 17jähriger Jüngling kam er aus Rußland nach Deutschland, übernahm an einem kleinen Orte eine Lehrerstclle und hatte sich so bald in die deutsche Sprache und das deutsche Wesen eingelebt, daß er die Ncligionslehrerstellc in Groß-Rohrheim bei Darm>- stadt übernehmen konnte. Von hier wurde ihm die Cantor-, Lehrer- und crn^-Stelle in Lampertheim übertragen, an welch letztgenanntem Orte er 38 Jahre wirkte. Joseph war ein sehr religiöser Jchudi und tüchtiger Lehrer, der besonders auf dem Gebiete des Talmuds sehr zu Hanse war. Mit besonderer Meisterschaft beherrschte er die hebräische Sprache. Mit diesem Wissen verband er ein nngemcin leutseliges, bescheidenes, braves Wesen, das bei nur kurzer Begegnung mit dem Verblichenen sofort zur Geltung kam. Darf es un? da wundern, wenn nach so vielen persönlichen und dienstlichen Eigenschaften die Gemeinde Lampertheim ihren Lehrer liebgewonnen hatte! Wer daran noch zweifeln wollte, den hätte die Theilnahme an der Beerdigung davon überzeugen können. Nicht nur die Juden von L. und Umgegend, sondern auch die Christen hatten sich so zahlreich cingesnndcn, daß die Zahl der Theilnehmer an der Beerdigung auf 1500 geschätzt wird. Ter Bürgermeister, Schulvorstand, Gemcinderath, Geistliche, Lehrer und Bürger, sie alle waren gekommen, um dem geliebten Lehrer noch die letzte Ehre zu erweisen, der sich auch ihnen dadurch nützlich gemacht hatte, daß er der Mitbegründer der Kleinkinderschule und des Allgem. Krankenvcreins gewesen, welchen Vereinen er seit der Begründung als Vorstandsmitglied angehört hatte. Wenn wir recht unterrichtet sind, soll sogar der Trauergottesdienst in der kath. Kirche für den verstorbenen Großhcrzog Kgl. .Hoheit, wegen der Beerdigung verlegt worden sein. Ans dem Friedhose sprach Herr Rabbiner Tr. Stein von hier in bewegten Worten über den Verlust eines so edlen Mannes und eines so tüchtigen Lehrers; Worte, die auf alle Anwesenden_ einen tiefen Eindruck hinterließen. Möge der Allmächtige die Hinterbliebene in ihrem großen Schmerze stärken und ausrechtcrhalten! R. Feuilleton. Der Hünstling des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. Ml. (29. Fortsetzung.) So lag Iwan wohl länger als eine halbe Stunde in vollständiger Erschöpfung da und regte sich nicht. Endlich,^endlich ^.kam Kolascheff. Ter Polizeispion berichtete kurz, daß man die Pflegeeltern Rosa's aufgefunden und getödtet habe; vorher aber hätten sie gestanden, daß das Mädchen selbst in Verkleidung entflohen wäre; indessen, wo-