Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1892)
- Date
- 1892-03-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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452 Da sah er in dcr Nähe des Fensters ein Kleidungsstück liegen, das sic getragen, er eilte hinzu, er schaute hinab, ein Blick sagte ihm Alles. So schnell er es vermochte, stürzte er die Treppe hinunter, doch er traf sein Weib nicht mehr lebend, ihr bereits kalt werdender Körper sagte ihm, daß der Tod schon längst eingetreten. Weinend nahm er die Leiche ans seine Schultern und eilte davon; es gelang ihm, unbemerkt von dem tobenden Volke, mit seiner traurigen Last das Freie zu gewinnen. In einem Walde, unfern der Stadt, begrub er beim Hellen schein des Mondes seine Gattin, er selbst aber eilte weiter, bis er nach seiner Fabrik bei Slobotka gelangte; hier ruhte er nur einige Stunden, denn auch hier war seines Bleibens nicht. Während nun die Volksmasse unter Wuthgeheul in den Straßen der Stadt die himmelschreiensten Blutthaten vollführte, lag der Großpope daheim in seinem elegant ausgestatteten Reisebetschemel auf den Knieen und rang in inbrünstigem Gebete die Hände gen Himmel. „O, ewiger Gott l" flehte er, „lasse Dir Wohlgefallen diese Sühnopfer, die Dir heute Deine Knechte darbringen zu Deiner Ehre und aus Liebe zu Dir. Oh, nimm gnädig und barmherzig auf die Seelen der Inden, die heute von den Händen des Volkes zu Dir cmporgesandt werden, lasse diese Seelen ihren Jrrthum nicht entgelten durch Höllenstrafen, sondern begnadige sie. Denn Du bist die Liebe und all' Dein Werk ist Liebe und alle Deine Diener glühen in Liebe zu Dir und was sie Dir thuen, ist Liebe. Du Gott der Liebe, das Höchste, was Du den Menschen gegeben, ist die Liebe; oh, laß' uns bewähren diese Liebe, wie beute, so ewiglich?" XII. In den Stunden, in denen die früher "berichteten Vorgänge in dem Hause bei den Lipki sich abspielten, ging es in den übrigen Theilen der Stadt.kaum weniger schlimm her. Im Stadtviertel Podol, das ist der Roggcnmarkt, woselbst die meisten Juden wohnten, wurden sämmtliche Magazine jüdischer Kaufleute geplündert, und auch ein großer Theil der Privatwohnungen israelitischer Familien zerstört. Männer, Weiber und Kinder, die aus ihren Verstecken ausgescheucht waren, flohen wehklagend den Plünderern geradezu in die Hände und wurden auf die grausamste Weise zu Tode gemartert. In dem Stadtviertel Dimiewka wurden die ausgeraubten Häuser angezündet und der vorher blühende Stadttheil wurde theilweise ein Raub der Flammen. Der Polizeimeister, dessen Haus von geflüchteten, wehklagenden Juden umlagert wurde, sobald sich die Rotte der Plünderer nicht gerade in diesem Stadttheil befand, rief vom Fenster aus den Juden zu: „Ihr wißt Euch ja sonst so gut zu helfen, helft Euch also auch jetzt, so viel Ihr könnt, aber nehmt Euch ja in Acht, daß Ihr keine Waffen gegen Eure Angreifer gebraucht und keine Russen verletzt, denn sonst seid Ihr verloren!" Synagogen wurden zerstört, die Thorarollen zerissen und beschmutzt, die heiligen Geräthe gestohlen. Nach dem officiellen Bericht, den die Regierung über den Judenkrawall in dieser Stadt herausgab, wurden 600 Läden geplündert, 400 Judenhäuser vollständig zerstört, 1172 jüdische Familien (ungefähr 6000 Seelen) wurden aller ihrer Habe beraubt und flohen brotlos und heimathlos aus der Stadt. Wie viele Menschen getödtet wurden, darüber spricht sich der Bericht wohlweißlich nicht aus, vielleicht ist auch die Anzahl derselben niemals festgestellt worden. Nichtsdestoweniger erhielt der Kaiser von dem Gouverneur folgendes offizielle Telegramm: „Die Bevölkerung der Stadt überfiel die Juden. Die Truppen beschützten dieselben kräftig. Der angerichtete Schaden beträgt zwar mehrere Millionen, sonst aber entbehren die Tumulte eines gefährlichen Characters." (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit* erschein' wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis d«S Jahrgangs für Denischland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt gan: jährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel }» bestehen bei E. F. Sleinackrr, Lripstg, Roßplatz 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. osterr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt <HauPtblatt>: Leitender Artikel: Hagadah schel Peßach (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Berlin. Stuttgart. Bruchsal. München. -- Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Rumänien: Bukarest. — Feuilleton: Der Günstling des Ezaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phil. (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Literarische Umschau. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzeu: Deutschland: Frankfurt a. M. Berlin. Verantwortliche Redaction: Os.car Lehmann in^Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. W'irth'scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilage«.