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Der Israelit · 1892-03-21 · Heft 23 (21.3.1892) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 23 (21.3.1892)
Date
1892-03-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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449 zur herrschenden gehören, so waren das die bekannten antisemitischen Gemeinplätze, die keine weitere Beachtung verdienen. Aber neu und jedenfalls auch für weitere Kreise belustigend dürften die literarischkritischen Vorlesungen sein, die sich der Herr Lieutenant a. D. über Lessing, und seinen „Nathan" gestattet hat: Lessing war bei seiner Parabel von den drei Ringen in einem großen Jrrthum befangen, denn auch von seinem Standpunkt aus mußte er wissen, daß nur der christliche Ring der echte ist; er mußte wissen, daß nur die christliche Kultur als Sauerteig die Welt durchdringt. Der ganze Typus des Nathan ist unwahr und verzeichnet. Mit dem Dichter Lessing könnten wir Deutschen uns überhaupt nicht sehen lassen und keinen Staat mit ihm machen. Da loben wir unsere angelsächsischen Vettern mit ihrem Shakespeare, der kennt die Leute besser! — Der Humor davon war noch überdies, daß der Redner dieses Alles unter Bezug auf seine gut evangelische Abstammung zum Besten gab, was seinen leiblichen Bruder, den kgl. Advokaten Herrmann Beckh, Vertreter der Stadt Nürnberg, veranlaßte, die gleiche Abstammung für sich zu reklamiren, worauf er von seinem freisinnigen Standpunkte aus dem Lessingverächter gründlich heimleuchtete. Im Uebrigen sei zu Ehren unseres Landes, namentlich desjeuigen Theiles mit überwiegend katholischer Bevölkerung, gesagt, daß die antisemitische Saat keinen Boden gefunden hat und selbst in der adgeschlosienen Treibhausatmosphäre besonderer Vereinigungen nicht zur Entwickelung gelangt. Der seit einiger Zeit in München gegründete „Antiscmitenverein" rekrutirte sich in seiner bescheidenen Mitgliederzahl zumeist nur aus unseßhaften norddeutschen Elementen, wie Studirendeu der hiesigen Hochschule und einigen Buchhandlungsgehilfen, während das Münchener Bürgerthum absolut nichts davon wissen will. Diesem löblichen Verhalten konnte selbst der Vortrag des Reiseapostels Liebermann von Sonnenberg keinen Abbruch thun. Unter den 4—5000 Zuhörern sah man fast nur die bartlosen Gesichter der akademischen Jugend uud etwa ein halbes Hundert Sozialdemokraten, die durch öfteres Skandaliren die 2*/zstündige Rede Liebermanns abzukürzeu versuchten. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 14. März. Zu den vom Eultusvorstande der israelitischen Gemeinde Groß-Wien neu zu creirenden Institutionen, deren Juslebentreten baldigst zu gewärtigen war, gehört in erster Reihe die Gründung mehrerer neuer Bibelschulen. Das Versprechen, solche in kurzer Zeit ins Leben zu rufen, hat das Vorstandsmitglied, Gemeinderath Dr. Alfred Stern in der vorletzten Vereinsversammlung der „österr. Israel. Union" abgegeben. Nun freut es uns constatiren zu können, daß der Cultusvorstand Groß-Wiens so schnell sein sich gestelltes Programm zu verwirklichen beginnt. Gestern, Sonntag den 13. d. Mts. am Purimtage, ist die erste neuerrichtete Bibelschule, im zweiten Bezirke, Rembrandtstraße, im Bethause des Vereins „Achdus Israel", welcher das Betlocal zu diesem schönen Zwecke der Schulleitung zur Verfügung gestellt, feierlich eingeweiht worden. Mit dem Unterricht wird nächsten Sonntag begonnen. Daß die Gründung dieser Bibelschule einem dringenden Bedürfnisse entsprochen, beweist die Thatsache, daß sich bis jetzt schon 92 Schüler zum Unterrichte gemeldet und eingeschrieben wurden, was um so höher anzuschlagen ist, als im zweiten Bezirke (Leopoldstadt) schon längst noch eine Bibelschule existirt, die ebenfalls stark frequentirr ist. Also der Anfang wäre von der Eultusgemeinde gemacht. Mögen wir baldigst in der Lage sein, von weiteren Gründungen von Bibelschulen in anderen Bezirken berichten zu können. H. L—r. Rumänien. Bukarest, 9. März. Die Opposition hat im Senate und in der Kammer, ehe die Wahlen verificirt waren, die Erklärung abgegeben, daß sie sich an der Debatte und an der Abstimmung über die Rechtmüßigkeit der einzelnen Wahlakte nicht beteiligen, sondern sich auf eine anläßlich der Adreßdebatte zu übende allgemeine Kritik der Wahlvorgänge beschränken werde. Unter solchen Umständen konnte die Verification der einzelnen Wahlakte schnell vor sich gehen, und es wäre auch während derselben zu keinem irgendwie bemerkenswerthen Zwischenfalle gekommen, wenn nicht der konservative Deputirte D o c a n das zwingende Bedürfniß einer Antisemitenrede im großen Stile gefühlt hätte. Als nämlich gestern in der Kammer die Wahl des Deputaten Fried mann verhandelt wurde, erhob sich Herr Docan, um als Abgeordneter eines obermoldanischeu Grenzdistriktes, wo man die Unterdrückung der Bukowinaer Rumänen durch -das Judenthum stets vor Augen habe, auf die angeblichen großen Gefahren aufmerksam zu machen, welchen auch Rumänien durch eine übergroße Duldung (!?) des israelitischen Elements entgegengehe. Redner bedauerte das Schicksal, welchem Oesterreich aus ganz dem gleichem Grunde verfallen sei, und sprach sich außerdem sehr ungnädig über Caruot aus, weil dieser den Juden, den Hauptmitschuldigen an der Hinlichtung Ludwig XVI., einen gar zu großen Spielraum gewähre. Rumänien, wo es bereits 600,000 Juden gebe uud wo in einzelnen Distrikten alle Lebensbedürfnisse, ja selbst die Kerzen für die Leichenbegängnisse von Juden hergestellt werden, könne und dürfe sich einen sol-

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