Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1892)
- Date
- 1892-03-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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381 gerissen, zu geschichtlichen Behauptungen geworden sei. DasJudenvicrtel und die Judenbrüche mußten schwinden, sie wurden als erst im christlichen Mittelalter construirt nachgewiesen — und hiermit auch das Bettcüager und die Zigeuner-Wirtschaft der Juden, dies alles wurde als moderner Liebesdienst der Gegenwart bezeichnet, deren Sprache und Ausdrücke so gern in dem römischen Alterthum wieder gefunden werden möchten. Auch die Verspottung der Juden auf dem Theater in Rom, von Hausrath nach Grätz in seiner Geschichte dargestellt, mußte ungeschichtlich erklärt werden, da das Theater, welches R. Abahu im Eingänge des Midrasch zu den Klageliedern zeichnet, nach Cäsaren, seinem eignen Wohnorte gehörte, und nicht nach Rom. Referent muß sich des Raumes wegen leider versagen, noch weitere Einzelheiten ans dem Vortrage vorzuführen: er hat nur noch den aufrichtigen Wunsch, daß dieser so lehrreiche Vortrag, welcher seine Streiflichter auf die Gegenwart und ihre Verirrungen fallen ließ, recht bald durch den Druck veröffentlicht werde. Durch solche gründliche Untersuchungen und Nachweisungen können die Verirrungen unserer Zeit am wirksamsten bloszelegt und widerlegt werden. Die zahlreiche Versammlung, welche den Ausführungen des Redners mit steigendem Interesse gefolgt war, gab ihrer innigen Befriedigung durch lang anhaltenden Beifall Ausdruck. I). A Breslan, 26. Februar. Am 15. Januar vorigen Jahres, als die Frage über die Niederlassung der Jesuiten in Deutschland ventilirt wurde, schrieb die hiesige klerikale „Schlesische Volkszeitung": „Die verjudete freisinnige Partei hat offenbar mehr Gerechtigkeits- und Billigkeitsgefühl, als das „christliche" „Schlesische Morgenblatt" und seine Hintermänner. Denn die „Breslauer Morgcnzeitung" beschäftigt sich mit dem Gegenstände der drei (Jesuiten-)Petitionen in ganzen drei Zeilen und bemerkt dabei ganz kühl: „Die freisinnige Partei wird, soweit bekannt, einstimmig für die Aufhebung des Jesuitengesetzes eintreten." Bei diesem Anlaß sei noch bemerkt, daß in dem Untcrschriftsbogen nuferer Expedition die Petition auf Beseitigung des Jesuitengesetzes auch jüdische Unterschriften trägt." — Damals wies also die „Schlesische Volkszeitung", weil sie eben dadurch eine Förderung ihrer Interessen zu erfahren gedachte, die Unterstützung der Breslauer Juden nicht zurück, ja sie erkannte sogar diese jüdisch-fortschrittliche Einmischung in die confessionellen Angelegenheiten der katholischen Kirche dankend an. Jetzt aber, wo anläßlich einer hier in Fluß gebrachten Petition gegen den Entwurf des neuen Bolksschulgesetzes einige auch in religiöser Hinsicht freidenkende jüdische Bürger Brcslau's gegen die Gesetzesvorlage Stellung genommen haben, fühlt sich dasselbe bemüßigt, über die unruhigen Juden hiesiger Stadt den Stab zu brechen und scheinbar jede Verbindung mit denselben in der Vergangenheit und Gegenwart von sich zu weisen. Und als man ihr diesen Zwiespalt im Uetheil vorwarf, war sie sich ihrer früheren Haltung nicht mehr bewußt, da sie sich von Inden unterstützt sah, und schreibt unter dem gestrigen Tage: „Daß wir einmal unsere Zufriedenheit über die „correcte" Haltung der jüdischen Bevölkerung Ausdruck gegeben haben mögen, bestreiten wir nicht, dies kann sich aber unmöglich auf eine positiv geleistete Hilfe bezogen haben, da uns eine solche nirgends und zu keiner Zeit gewährt worden ist." Nun, die „Schlesische Volkszeitung" wird's ja wissen. Jedenfalls bewahrheitet sich hier wiederum das alte Wort: Undank ist der Welt Lohn! Dülkea. Von einem herben Schicksalsschlagc wurde leider die hiesige israelitische Gemeinde getroffen. Nachdem unser Synagogen-Vorsteher Herr Phil. B r o m a t rry nur einige wenige Tage über leichte Erkältung geklagt, welche nichts Schlimmes befürchten ließ, ist derselbe 'ro ova so plötzlich und unerwartet ans dem Leben geschieden, daß cs den in Ems und Kerpen verhciratheten Kindern nicht mehr möglich war an das Krankenbett ihres heißgeliebten Vaters zu eilen. Der Verblichene war vom Allmächtigen mit dem hohen Alter von 77 Jahren begnadet worden. Aber nicht eitel und nutzlos har er diese Zeit verbracht. Im Gegentheil, während seiner ganzen Lebensdauer war er sich seiner Pflicht gegen seine Mitmenschen voll und ganz bewußt, betätigte sic wie und wo er konnte, war überhaupt von der Ueberzeugnng durchdrungen, daß unser ganzes Leben nur eine Pilgerfahrt, diese Welt nur eine Vorbereitungsstation, um reinen, gelänterten Herzens den Weg zur srn c'^.u aiitreteu zu können. Es war in hohem Maße ein mV» *711 Ti. Drohte Zank oder Zwietracht in der Genieinde auszubrechen, so bemühte er sich redlich sie im Keime zu ersticken. Auch findet das Wort der Hagadah vr ysn aus ihn passende Anwendung. Sein Hans war stets den Armen offen, sein Tisch für die Dürftigen immer gedeckt. Wie manchem Nothdürstigen griff er helfend unter die Arme. So hatte er sich die Liebe und Anerkennung seiner Mitbürger ohne Unterschied des Bekenntnisses erworben, wovon die sehr starke Betheiligung am Leichenbegängnisse beredtes Zeugnis; ablegte. Außer den sehr zahlreich aus Nah und Fern erschienenen Glaubensgenossen, hatten auch viele angesehene, andersgläubige Mitbürger, darunter der Herr Bürgermeister und der Herr Pfarrer der