Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1892)
- Date
- 1892-03-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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380 „beschönigt"; es habe einen „wunderlichen Rechtfertigungsversuch des großen Antisemiten unternommen" u. dergl. mehr. An alledem ist kein wahres Wort. Das „Bernd. Wochenblatt" ist nicht für Stöcker eingetreten, cs hat seinen (Stöcker's > Antisemitismus niemals in Abrede gestellt oder beschönigt, es hat keinen Rechtfertigungsversuch des „großen Antisemiten" unternommen. Alles das, was man hier dem „Bernburger Wochenblatt" imputirr, hat nicht dieses, sondern der P a st o r Bartels in seinem Vortrage gethan! Diese nackte T h a t s a ch e hat das „Bernburger Wochenblatt", ohne sich mit d e n Anschauungen des Vortragenden irgendwie zu identifziren, einfach m i t g e t h e i l t, wie es gegenüber den 89% seiner christlichen Leser die R efe reu te u p fl icht unbedingt erheischte und wie es auch die hiesigen Konkurrenzblätter, jedes nach seiner Art, gethan haben! Die Redaktion des „Bernb. Wochenbl." hat den wiedergegebenen Bartels'schen Ausführungen kein Wort aus „Eigenem" hinzugefügt, weder ein solches der Zustimmung, noch des Widerspruchs, und glaubte damit unter den gegebenen Verhältnissen am Taktvollsten eine s e l b st v e r st ä n d l i ch e, unabweisbare p u b l i z i st isch e P flicht zu erfüllen. Bern bürg, 0. März 1892. Hugo Pinthns, Redakteur uitd bevollnr. Verleger des „Bernb. Wochenblattes". Der Leser ersieht hieraus, daß das „Bernburger Wochenblatt" kein Wort der Entgegnung auf die versuchte Reinwäscherei Stöcker's durch Pastor Bartels übrig hatte und zwar mit Rücksicht auf die 99% seiner christlichen Leser, denen man also glauben machen wollte, daß Stöcker kein Antisemit sei. Wir meinen, es sei doch weit eher „publicistische Pflicht", einen solchen nonsens, wie er durch Pastor Bartels vorgebracht wurde, zu widerlegen, als ihn stillschweigend abzudruckeu. Daß hier ein Stillschweigen einer Zustimmung vollkommen gleichkommt, das zu beurtheilen, bedarf cs keines besonderen Scharfsinnes. Qui tacet. consent-ire videtur. *) Red. d. „Israelit". Berlin, 25. Februar. Der „Verein zur Unterstützung jüdischer Gelehrter" hat wie in den Vorjahren auch in dieser Saison zum Besten seiner nothleidenden Kasse einen Eyclus von Vorträgen veranstaltet. Am ersten Abend erfreute uns Herr Dr. A. Berliner mit einem gedankenreichen und wohldurchdachtcn Vortrag, welcher die dichtgedrängte *) Wenn Hen Pimlms uns;uinuihet, den Einsender der l^orrespondenz ihm namhaft zu machen, so berührt uns dies, mit Nückncht aus seine eigene Ttellung als Redacteur, höchst änderbar. Jedenfalls haben wir eine vollkommen andere Anchauuiu, über die Wahrung des .Itedaetionsgeheimnisses. Red. Schaar Wißbegieriger, die der „Lichtsaal" des Grand-Hotels kaum zu fassen vermochte, nahezu eineinhalb Stunden fesselte. Redner behandelte das geschichtliche Thema: „Die Juden in der öffentlichen Meinung der alten Römer." In der Einleitung wies er näher nach, wie auf keinem anderen Gebiete der Geschichtsforschung so viel gegen die Wahrheit gesündigt werde, wie auf dem bezeichneten, wozu besonders von Zeit zu Zeit wiederholte Feuilleton-Artikel in den öffentlichen Blättern Sorge tragen. Es werde Wahrheit und Dichtung gemischt und statt wirkliche Geschichtsbilder künstliche Nebclbilder geschaffen, die allerdings bei näherer Untersuchung in Nichts zerfließen. Hierauf ging Redner speziell auf den Gegenstalld ein, indem er auf Gregorovius Wanderjahre in Italien hinwies, aus welcher Schrift Einiges Nenan in seinem Buch über die Apostel und aus diesem wiederum vieles Hausrath in seiner „Neutestamentl. Zeitgeschichte" entlehnt haben. Von jüischer Seite haben I. Bernays und M. Joel das Zerrbild, welches in diesen Schriften von den römischen Inden gegeben ist, in seinen einzelnen Zügen zerstört, das erst durch die Geisteskraft zweier katholischen Gelehrten gänzlich vernichtet worden ist: Vkncensi und Hild. Der Erstere, dessen Liebe zum jüdischen Wissen der Redner in der Vaticana im Jahre 1873 kennen gelernt, hat in einer Abhandlung vor der Akademie in Turin seine warnende Stimme gegen jene falsche Geschichtsauffassung erhoben. Der Zweite, noch ein lebender Professor an der Fakultät zu Besan<.on, hat in mehreren Artikeln dem Gegenstände die gründlichste Untersuchung gewidmet und hierbei gezeigt, daß er, wie selten Einer, das gesammte altklassische Schriftthum beherrsche. Beide Gelehrte stimmen darin überein, und haben es eonstatirt, daß keine Stelle in der ganzen altrömischen Literatur nachweisbar sei, ans der irgendwie eine Klage über die Sittenlosigkeit der Juden gefolgert werden konnte, selbst zu einer Zeit, in der die römischen Schriftsteller nicht Worte genug finden können, um das entartete Leben der Römer zu schildern. Ebenso wenig lasse sich eine Stelle auffinden, die da besagte, daß die Juden unrechtmäßige Mittel angewender haben, um zu Reichthümern zu gelangen. Hierauf wandte sich Dr. Berliner zu einer genaueren llntcrsnchung der von Hausrath gegebenen Schilderung, die er Satz für San beleuchtete und nach den Quellen eingehend untersuchte. Das Gesammtresultat hierbei war ein überraschendes: es wurde bis zur Evidenz nachgewiesen, daß Vieles aus der eigenen regen Phantasie des Verfassers entstamme, Vieles durch mißverständliche falsche Auffassung der einschlägigen Eitate, häufig ans dein Zusammenhänge