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Der Israelit · 1892-03-10 · Heft 20 (10.3.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 20 (10.3.1892)
Date
1892-03-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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378 noch mehr Unheil an. — Man braucht nur diese Verlegenheits-Gründe ein wenig bei Licht zu betrachten. — „Und doch ist nichts natürlicher, als dah die Vertreter der Reformideen in der trüben Zeit, die wir erlebt, theils nm den Frieden im Innern zu sichern, theils um den äußeren Feind wirksam zu bekämpfen, geschwiegen und die Arbeit einstweilen aufgegeben haben. Was uns damals und was uns heute noch vor allem Roth thut, das ist Friede in Israel.-Von dieser richtigen Erkenntniß ausgehend, hat man die Arbeit der Reform ruhen lassen, in der Ueberzeugung, daß man sie wieder in besseren Tagen um so aussichtsvoller werde anfnehmen können." — Ist das nicht ein herrliches Geständniß, das für jene bessere Zeiten festgenagelt zu werden verdient?! Bis jetzt waren es die Orthodoxen, die von den taubensanften, lilienweißen Wortführern der Reform als die Friedensstörer geächtet wurden, und jetzt? Wenn Friede in Israel sein soll, muß die Reform ruhen, ihr Dasein, ihr Wirken also ist es, das der eigene Anwalt als Quell aller Zwietracht bezeichnet, die die jüdischen Reihen in feindliche Parteien scheidet! Wir wußten das schon lange, onj/sp nnV rn o'p-rii 'k irn*, so oft sich Israel neue Götter wählte, war auch der Streit in seinen Thoren. Aber daß die Schöpfer und Priester dieser neuen Götter nun auch zu dieser Erkenntniß gelangt sind, und daß ihnen dieses Geständniß in einem unbewachten Moment, bei ihrer Feigenblättersuche entschlüpft, wollen wir uns recht sorgfältig merken. Uns steht die Wahrheit höher als der Friede. Aber Jenen, welchen der Friede als Dasjenige gilt, das vor allem Roth thut, warum stören sie ihn, wenn sie doch wissen, daß der Streit ruht, sobald die Reform ruht? In Wirklichkeit wird hier nur aus der Roth eine Tugend gemacht, D’p: rv»w nnon. Wenn der Dieb keine Gelegenheit mehr zum Stehlen hat, nimmt er die Miene des ehrlichen Mannes an, und wenn das Reformjudenthum sich nicht mehr über Wasser halten kann, so läßt es verkünden, es tauche für einige Zeit unter, um von der Bildfläche zu verschwinden. — Es ist wahr, unsere Antisemiten halten es den Parteigängern des Reformjudenthums bei jeder Gelegenheit unter die Rase, daß sie ihnen das Unausstehlichste, ja, daß sie allein es sind, denen ihr ganzer Angriff gilt. Aber das hat unsere Reformapostel sonst nicht genirt, so lange sie nur noch irgendwie fähig zu exiftiren oder nur zu vegetiren waren. Die Jugendzeit der Reform fällt in die Hep-Hep-Zeiten, hat sie damals der Friede in Israel zurückgehalten, ihr Werk der Zwietracht zu eröffnen und fortzusetzen? Hat es denn überhaupt je eine Zeit gegeben, in der uns die äußeren Feinde gefehlt hätten, denen zu Liebe das altersschwache, abgewirthschaftete Reformjudenthum nun auf einmal die Segel zu streichen vorgibt? Credat Judaeus Apella! — „Es kam dazu, daß im letzten Jahrzehnt ein konservativer Hauch durch Europa ging, der auch durch das jüdische Lager weht." — Muß das ein stattliches Kartenhaus sein, das ein Hauch, ein konservativer Hauch ins Wanken und Schwanken bringt, und denen, die es gezimmert, das Geständniß der Gefahr abringt, zu versumpfen und unterzugehen! — „Und endlich trat noch ein äußerer Umstand hinzu, der nämlich, daß von den älteren und gestnnungslüchtigen Vertretern der Reform in diesem Jahrzehnt einer nach dem anderen aus dem Leben schied und ein jüngeres Geschlecht an deren Stelle trat, das in einer neueren Zeit und unter anderen Verhältnissen aufgewachsen, den Ideen der Reform naturgemäß nur ein geringeres Interesse entgegenbrachte." — In ehrliches Deutsch übersetzt, heißt das: Das Resormjudentaum überlebt seine Taufpathen nicht, die ihm einst Gevatter gestanden. Sie brauchen nur zur Ruhe zu gehen, dann geht ihre Religion ebenfalls mit. Diese Zwitterreligion ist wie jede naturwidrige Bastardverbindung keiner Fortpflanzung fähig. Wie endet das so unsäglich kläglich! Der Zeit, der neuen Zeit zu schmeicheln und sie für sich zu reklamiren, das jüngere Geschlecht für die moderne Weisheit zu gewinnen, das war das zu aller Zeit so pomphaft verkündete Ziel und Zweck der ganzen Reform und nun findet man es mit resignirter Leichenbittermiene ganz naturgemäß, daß das jüngere Geschlecht der neuen Zeit den Ideen der Reform nur geringes Interesse entgegenbringt!! — „So konnte es wohl kommen, daß im modernen Judenthum sich neue Strömungen inzwischen die Bahn ebneten, hauptsächlich aber eine Orthodoxie, die mit dem strenggläubigen Judenthum an sich so gut wie nichts gemein hat, die im Leben sich von allen religiösen Geboten fast völlig emancipirt hat, in Synagoge und Schule aber das Alte streng aufrecht erhalten wissen will, und die in den Gemeinden heute gar oft das große Wort führt." — Hier scheint des Pudels Kern zu liegen. Die Bewegung innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde droht der Hochburg des deutschen Reformjudenthums, welche die Berliner Gemeindeverwaltung repräsentirt, verhängnißvoll zu werden. Die Anzeichen dafür mehren sich von Tag zu Tag. Die Reform verliert, das gesetzestreue Judenthum

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