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Der Israelit · 1892-03-07 · Heft 19 (7.3.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 19 (7.3.1892)
Date
1892-03-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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867 Feuilleton. per HünjMng des Kzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. phil. (23. Fortsetzung.) Die Lawra, die in ihren Katakomben eine große Zahl von Gräbern enthalt, ist eine Art von Labyrint, in dem sich Jeder verirren muß, der allein, ohne Führer, herniedersieigt. Eine unendliche Fülle uralter russischer Inschriften sind da zu finden und Fürst Michail hatte viele Tage hier unter der Erde verbracht, um jene Inschriften zu studiren, und dadurch manche Thatsache in der altrussischen Geschichte zu klären. Er wußte besser Bescheid in den verwirrten Gängen als irgend einer der Mönche, die den vornehmen Fremden hier umherführen. Die Drei stiegen hinab durch die Menschenmenge; Krüppel und Blinde streckten ihnen die Hände entgegen, Bettler und nichts als Bettler auf allen Stufen der Treppen, und zwar diese entsetzlichen Bettler Rußlands, die keine Spur von dem Stolze eines spanischen Bettlers oder von der stillen Demuth eines deutschen Armen besitzen, Ekel erregend bet jedem Blick, den man auf sie wirft. Stumpfe Resignation und rohe Frechheit prägt sich auf den Mienen tiser Leute aus, die in ihrer thierischen Empfindungslosigkeit abgehärtet zu sein scheinen gegen alles Leid, das sie noch treffen könnte. Das einzige Kleidungsstück, das schmutzige, zerfetzte Obergewand um die Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten, in dem eine kotische Theekanne hängt, die nackten Beine mit Stricken umbunden, die die Reste einiger Lumpen befestigen sollen, die Füße in durchlöcherten Schuhen aus Birkenrinde, die Ohren oftmals abgefroren, die einen halb taub, die anderen lahm, die dritten blind, alle in einem Seelenzustande, der sie weit unter das Thier erniedrigt, der nichts kennt, als die Befriedigung roher Gelüste; das Gesicht, abgemagert bis auf die Schädelknochcn, wird noch durch die wässrige, blaue, von Frost und Schnapsgenuß aufgetriebene Nase entstellt — so können diese Leute als ein Sinnbild menschlicher Verkommenheit gelten. „Brodjak" nennt der Russe solche Vagabunden. Erstaunt blickte Michail um sich; so viele Landstreicher halte er noch niemals zusammengesehen bei seinen oftmaligen Besuchen in dem Kloster, man hatte offenbar den Auswurf von ganz Rußland hierhergebracht, damit er sich einmal an dem Besitzthum der Juden gütlich thun könne. Die Drei rangen sich mit Hilfe ihrer Arme und Beine durch das Menschengewühl hindurch, durcheilend die große Anzahl von Kirchen und Kappellen, schnell die Menge der kleinen Gänge und Zellen passirend, in denen die Ueberreste russischer Glaubensmärtyrer in offenen Särgen ruhen. Die dumpfe Luft, die von den qualmenden Kerzen und Oellampen ausgeht, die hier an jedem Sarge brennen, benahm ihnen schier den Athem, doch in ihrer Erregtheit, unbekümmert darum, schritten Michail und Alcxei, die sich an den Händen festhielten, weiter. Die Leichen in den Särgen sind eingeschnürt, wie egyptische Mumien, den Soldaten schauderte es, aber er folgte den Voranstürmenden nach. Sie eilten vorüber an einer Wand, an der dreißig Schädel befestigt sind; das sind die myrofließendeu Häupter, aus deren Augen und Nasen das wunderthätige Salböl tröpfelt, welches man bei der Taufe und bei der Verabreichung der Sterbesakramente gebraucht.*) Aus den Mauern hervor klang ein erbärmliches Winseln und Murmeln; hier sind jene Fanatiker eingemauert, jene Mönche des Klosters, die sich lebendig in eine Nische des Grabgewölbes freiwillig v.rschließen lassen. Nur zwei Steine läßt man fort von der Vermauerung und durch diese Oeffnung bekommen jene Menschen die dumpfe Luft des Grabgewölbes und sie erhalten durch dieselbe Speise und Trank so lang zugeführt, bis sie in ihrem selbstverschuldeten Elend verkommen sind. Eine Befreiung gibt es nicht mehr für Einen, der sich einmal hat einmauern lassen, doch wird auf seinen Wunsch die letzte Oeffnung des Marterraumes geschlossen, und er so lebendig begraben. Viele bereuen ihre fanatische That, wenn sie erst eingemanert sind, doch dann ist es zu spät und haben sie nicht den Muth, durch den ihnen jeder Zeit zur Verfügung stehenden Selbstmord ihr qualvolles Dasein zu beendigen, so verbleiben sie jammernd und wehklagend in ihren Gräbern, bis nach kurzer Zeit der Tod sie von ihrer Pein befreit. Hat aber Einer alle diese Leiden standhaft ertragen und ist ohne Klagen gestorben, so wird er auch meistens zum Heiligen erklärt. Der ungebildete Soldat war nicht genugsam bekannt mit dieser Einrichtung des Klosters, er meinte, daß das Jammern und Klagen von den Steinen herkäme und die Sinne schwanden ihm schier vor Angst und Entsetzen. Plötzlich waren die Beiden, die er begleiten sollte, entschwunden, die Erde mußte sie verschlungen haben, so jäh waren sie dem Blick des Soldaten entrissen. „Vielleicht hat sie der Teufel davongeführt", dachte der Unteroffizier, verneigte sich vor den Wänden bis zur Erde und bekreuzigte sich vielemal. *) Das Oel wird auch in kleinen Flaschen verkauft und soll ein unfehlbares Mittel gegen Attgenkrankheiten sein.

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