Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1892)
- Date
- 1892-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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362 lehrt, wesentlich aus elf Bestandtheilen. Unter denselben befand sich ein Kraut runta, welches einen schlechten Geruch verbreitete. An diese Eigenthümlichkeit knüpfte Rabbi Chana bar Bisna im Namen des Rabbi Schimeon Chasida die Bemerkung, daß jedes gemeinsame Fest, welches nicht auch die Abtrünnigen Israels umfasse, diesen Namen nicht verdiene, „denn daS rua^n hatte einen schlechten Geruch und dennoch wird es von der Schrift unter die Kräuter des Räucherwerkes gezählt. (Kerithot 6. a.) Diese Auffassung, welche den Abgefallenen selbst nicht nur nicht Preis giebt, sondern ihn für die harmonische Vollendung der großen Gesammtheit unentbehrlich erachtet, kehrt oft bei den Weisen wieder und wird an anderer Stelle des Schulchan Aruch noch besonders betont (Orach Chajtm 619. 1,). Durch die tägliche Vergegenwärtigung der map ’jdöd 'b wird diese Anschauung höchster Toleranz allen Kreisen der jüdischen Gesammtheit immer wieder und wieder eingeprägt. Mit ihr schließt das erste Capitel des Schulchan Aruch. Es beginnt mit dem Kampfe gegen uns selbst, in welchem jeder Sieger und Besiegter zugleich ist (oh:id ns zu Cap. I § 1,) und schließt mit der symbolischen Darstellung des höchsten von Menschen anzustrebenden und zu erreichenden Ideals, wie sie in map ’jdbd nitne zum Ausdruck gelangt. Zwischen diesen beiden Punkten liegt alles menschliche Streben und Ringen, für welches der Schulchan Aruch uns mit seinem ganzen Inhalt helfend und schützend zur Seite stehen will. Diesen Kampf erfolgreich zu bestehen, der mit dem Morgenschlaf täglich beginnt, um mit dem freien Aufschwung der Seele zu Gott, wie ihn die Lehre von map veranschaulicht, zu schließen, dafür ist der Schulchan Aruch uud sein Inhalt, der so reichhaltig und vielgestaltig wie das Leben selber ist, ganz eigentlich bestimmt. Wie der Schulchan diesen Zweck anftrebt, sollte an diesen seinen ersten Sätzen hier gezeigt werden. Obwohl nur einzelne Momente aus der reichen Fülle herausgegriffen werden, und selbst von diesen nur einige wenige der am meisten in die Augen springenden Lichtpunkte dargestellt werden konnten, so dürste dies doch zu einer Würdigung des Schulchan Aruch genügen. Denn das Wenige, das in der bisherigen Darstellung hervorgehoben werden konnte, zeigt die Geisteshöhe und Gemüthstiefe der ganzen hier entwickelten Weltu. Lebensunschauung in einer Weise, die jede Möglichkeit ausschließt, daß der Schulchan Aruch das denk- und lichtscheue Geistesprodukt sein könne, als welches ihn seine Verächter zu verdächtigen suchen. Es wird dies durch jedes folgende Capitel so glänzend bestätigt, daß man nur auf dieselben verweisen und eine Fortsetzung dieser Darstellung dem denkenden Leser überlasten darf. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Berlin, 25. Februar. Die anitisemitischeBewegung wird neuerdings auch in den Kreis Osthavelland verpflanzt. Am Sonntag hatte der „Deutsche Reform-Verein" eine Versammlung in Nauen veranstaltet, in welcher die antisemitischen Hetzredner aber wenig Anklang fanden. Das amtliche Kreisblatt äußert sich über die Bestrebungen der Antisemiten folgendermaßen: „Bisher lebten wir Osthavelländer mit den Bürgern anderer Konfessionen im tiefsten Frieden und wünschten, daß dies auch ferner so bleiben möge. Wir werden deßhalb unsere Hand nicht dazu bieten, diesen Frieden zu stören. Wir geben den antisemitischen Agitatoren den Rath, sich ein anderes Feld für ihre Thätigkeit zu suchen." Berlin, 1. März. Zu den Straßenkrawallen erhält die „Voss. Ztg." folgende Zuschrift', welche beweist, was für eine gefährliche Verwirrung durch die antisemitische Agitation in den Köpfen der niederen Bevölkerung hervorgerufen wird. Ein kleiner Knabe erzählte am Sonnabend seinen Mitschülern und dem darauf aufmerksam werdenden Lehrer: Vater hat gestern Abend so'n jroßes Stück Zeug mitjebracht, det er 'n Anzug kriegt und ick ooch!" Der Lehrer entgegnete halb ungläubig: „Aber Junge, das wäre ja gestohlen!" „I bewahre," meint der, „Vater hat jesagt, det is 'n Jude jewesen, dem sie's wegjenommeu haben." Das Stück Tuch ist von der Polizei bereits mit Beschlag belegt. Aus Mittelfrankeu, 18. Febr. Bezugnehmend auf die Correspondenz des Herrn Cantor N. Levy in Zachau in Pomm. wäre zu erinnern, daß es wider der Vorschrift, noch dem Sinne des Gesetzes entspricht, wenn der Arbeitgeber die Beitragsmarken im ganzen Betrage ersteht. Die Vorschrift bürdet ihm bekanntlich die Hälfte des Betrags auf und die Motive zum Gesetz ergeben, daß der Arbeitnehmer auch zum Beitrag herangezogen werden soll, um ihm das sittliche Bewußtsein beizubringen, zur Zeit der Arbeitsgelegenheit auch einen Sparpfenntg für die Zukunft zurückzulegen. H. Oppenheimer. F. Ahrweiler. Die beiden hier erscheinenden Zeitungen, das amtliche Kreisblatt und das klerikale Volksblatt veröffentlichen in ihrer jüngsten Nummer vom 27. Februar folgende Zuschrift: „In Nr. 22 Ihrer Zeitung bringen Sie über den Xantener Knabenmord eine Mittheilung, die nur einer lügenhaften Quelle entflossen sein kann, und