Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1892)
- Date
- 1892-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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347 Feuilleton. Z>er Günstling des Kzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. phil. (22. Fortsetzung.) x! Fürst Gutesow, sowie der Gouverneur und Lydia hatten eine Reihe von Beratbungen über die Sachlage abgehalten. Der Gouverneur war nicht der kalte, herzlose Mann, als den er sich den Abgesandten der Juden gegenüber gezeigt hatte, nur war er sich eben bewußt, daß er nicht in die Haupthandlung eingreifen dürfe; dagegen im Einzelnen zu retten, was möglich war, dazu war er von ganzem Herzen bereit. Seine Tochter Lydia, die, mehr aus Eifersucht als aus Mitleid, durch Michail für die Familie Horwitz und namentlich für Rosa iuteressirt war, ging ihren Vater ständig mit Bitten an, auf irgend eine Weise zu verhindern, daß gelegentlich der Plünderung Iwan Alexandrowitsck die Jungfrau entführen lasse. Die Fürstin Lydia gab sich so gern als die Beschützerin eines unschuldig verfolgten Mädchens aus. Man besprach ausführlich, ob es nicht möglich sei. dem Fabrikanten nebst seiner Gattin und Tochter zur Flucht zu verhelfen, doch der Gouverneur mußte eingestehen, daß dies selbst mit seiner Unterstützung nicht angängig wäre. Hatte doch erst am Tage vorher ein Jude mit Weib unb Kiud den Versuch geniacht, die Stadt zur Nachtzeit heimlich zu verlassen und war v'on beut zum Theil in den Ehaussegräben der Stadt eampirenden Raubgesindel geradezu zerfleischt worden, und eine Militärmacht zur Leschützung der Flucht aufzubieteu, das hätte den Aufstand vorzeitig zum Ausbruche gebracht und das Ansehen des Militärs, das ja sonst nicht helfen sollte, geschädigt; auch hätte ein solches Vorgehen leicht für den Gouverneur selbst verderbliche Folgen haben können. Der Gouverneur aber war ein sehr vorsichtiger Mann. Gab cs eine Möglichkeit der Rettung, so konnte dies keine andere sein, als die Bedrohten in der Stadt stlbst verborgen zu halten. Wie aber sollte man sie in ihr Versteck bringen, da der Günstling dafür gesorgt hatte, daß sie keinen Augenblick unbeobachtet blieben? Die Fürstin Lydia sprach sich dahin aus, daß man wenigstens Rosa, die dcch unstreitig am meisten bedroht sei, bewahren müsse, da es ihren Pflegeeltern wahrend dem Trubel der Plünderung jedenfalls viel leichter werden dürfte, sich zu verbergen oder zu entfliehen als ihr, um derentwillen Iwan die ganzen schrecklichen Vorbereitungen getroffen. Der Gouverneur und Michail schlossen sich dieser Ansicht an. Der Gouverneur brachte einen sehr günstigen Ort der Aufbewahrung in Vorschlag; er besaß ganz in der Nähe der Stadt ein Schloß, das fest genug war, einem Heere stürmender Bauern Stand zu halten, und außerdem würde auch Niemand die Keckheit haben, ein Gebäude anzugreifen, das Eigenthum des mit so großer Gewalt ausgerüsteten Beherrschers der Provinz war. Die Frage war nur, wie man das junge Mädchen dorthin bringen sollte, ohne daß Iwan und seine Späher davon Kenntniß erhielten. Auch hierin wußte Lydia Rath und sie bewährte in demselben die ganze Feinheit des weiblichen Geistes. Befriedigt stimmten die beiden Herren mit ihr überein und Michail machte sich sogleich auf den Weg, um den wohlgesponnenen Rath zur Ausführung zu bringen. Lydia aber nahm sich vor, während der Zeit, daß Rwa der Macht des Günstlings entzogen war, mit der vollen Kraft weiblicher Künste auf ihn einzuwirken, um sein Herz von Jener ab und sich selbst zuzuwenden. Sie hatte sich so sehr in den Gedanken eingelebt, an seiner Seite ihr Dasein zu vollbringen, er hatte durch seine originelle Art so sehr ihre Liebe gereizt, daß sie vieles zu wagen vermochte, um ihn sich zu erringen; und gerade der Umstand, daß er seine Neigung einem andern Mädchen zuwandte, war ein Sporn ihrer Liebesmühe. Mit Sehnsucht wartete sie darauf, daß Michail ihr von dem Gelingen seines Vorhabens Nachricht geben werde. Dieser war in seine Behausung gefahren und hatte befohlen, daß sein alter Kutscher mit einem jungen Reitknecht, der ein zartes, mädchenhaftes Aussehen besaß, den Platz ans dein Kutscherbock wechsele. Ein kleines Bündel ließ er sich noch in den Wagen heben, und dann fuhr ihn der jugendliche Kutscher zu dem Hause bei den Lipki. Gegen seine Gewohnheit hatte Michail noch einen zweiten Diener mit auf den Bock seines Wagens genommen. Als er das Haus des Fabrikanten betrat, befahl er, daß der Groom, auf dessen Treue und Ergebenheit er unbedingt zählen konnte, da er ihn einmal vor einer entehrenden Strafe bewahrt hatte, ihm in das Haus folge. Zugleich mit dem Reitknecht betrat Fürst Michail das Empfangszimmer Alcxeis; er hatte sich vorgenommen. die Thüre zu verschließen, um heimlich mit dem Vater seines Freundes zu reden, und war nicht wenig überrascht, als er im Salon einen Uttterofsizier in einem Sessel sitzend vorfand.