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Der Israelit · 1892-03-03 · Heft 18 (3.3.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 18 (3.3.1892)
Date
1892-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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342 Einen, „Religion" für die Anderen. Und das nennt man eine neue, gemeinsame Lehre? Scheint nicht dieselbe Sonderung, die Egidy beseitigen will, dort auch fortzudauern? Wie werden es die entschiedenen zu einigenden Parteien auffassen, wenn es heißt „der Kern" des neueil Bundes sei „das Evangelium"? Ist der letztere Begriff o gleichgültig, daß sich Alle damit zufrieden geben werden? Hat das Evangelium das Leben des neuzeitlichen Menschen s o geregelt, daß Jeder seine Satzungen annehmen kann? Oder soll auch wieder „der Kern des Evangeliums" gerettet werden? Bekanntlich giebt es über „den Kern einer Religion" niemals zwei übereinstimmende Ansichten — gleichartig ist bei Allen, die Aehnliches im Munde führen, nur die Absicht, die Religion zu entwerthen. Denn hier wird mit den Worten „Christenthum" und „Evangelium" doch nur ein leeres Spiel getrieben, womit sich der strenge Christ nicht befreunden wird und über welches der Aufgeklärte weit hinaus zu sein vorgibt. Und zwar wird das neue Gebilde allen Glaubensgemeinschaften als Ersatz für die überkommenen Lehren angepriesen. Zum Beweise daß sich Egidy, sowie er das religiöse Gebiet betrat, noch mehr aber, nachdem er auch die Andersgläubigen in seine Bewegung hineinzuziehen sich vorgenommen, über seine eigenen Ziele unklar geblieben ist, dienen folgende Sätze: „Wie Jeder den Gottesbegriff faßt, wie er sich die Heilscrscheinungen erklärt, wie er sich die andern, unser Dasein und Fortleben berührende Fragen beantwortet, — der Glaube ist unantastbares Sondergut des Einzelnen." Das ist für den Erneuerer der Religion ein Zu g eständniß sonder Gleichen. Hier sollen die Unterschiede des Glaubens aufgehoben werden? Gerade die Verschiedenheit des Gottes b eg riffs und der Erklärung biblischer Wahrheiten bringen ja die einzelnen Glaubensgenoffenschaften hervor. Sollte denn Egidy dem Einzelnen nicht das Recht des besonderen Gottesdienstes gönnen? Das wäre doch wohl ein weit geringeres Recht, als das der Wahrung der besonderen Gottesbegriffe. Und doch — wenn Egidy auch dies gestattet, dann ist ja die G l a u b e n s f o r m jedes Einzelnen gewährleistet, und es würde dann wohl die Frage auftauchen: Wo liegt hier überhaupt das Neue? Es soll doch Religion sein und Religion ersetzen; es soll als eine neue Lehre auftrete n, die im besten Falle aus den vorhandenen Glaubenslehren Einzelnes entlehnt. Wie können in diesem Fall die sondernden Einzelanschauungen als Recht eines Jeden fortdauern, also doch auch alle Glaube ns - beftandtheile, die er sich wahren will — und trotzdem soll diese „Angewandtes Christenthum" benannte Lehre ein Gemeinsames, Allumfassendes für so Viele sein? Den entschiedenen Gegnern eines jeden Glaubens, zu denen Egidy doch nicht gehören will, wird ja auch in dieser Gestalt seine Aufstellung als eine Halbheit erscheinen. Wenn seiner Gemeinschaft die Begriffe „Gesellschaft" „Volk", „Nation," „Staat," „Vaterland" allein maßgebend sein und alle anderen Unterschiede nichtssagend erscheinen sollen; wenn dabei Jeder sein religiöses Denken und Handeln mit sich allein abmachen soll — hätte dann Egidy nicht besser daran gethan, seinem Vorhaben die religiöse Spitze zu nehmen? In Wahrheit soll doch nur ein Gesellschafts vertrag abgeschlossen werden, und zwar unter Personen, die sichzu keinen gemeinsamen Anschauungen verpflichten, die gemeinsames Liebeswirken, den Gedanken der DuldungAller auf ihreFahne geschrieben haben. Da aber bet der Geburt des Ganzen besonders der Gegensatz Edigy's gegen das bestehende C h r iste n t h u m mitgewirkt hat, so ist es für alle Zeiten unmöglich, der Bewegung das Glaubensfeindliche zu nehmen. Wer diesem Aufrufe Folge leistet, bei dem ist der Abfall vor? seinen: Glauben demnach schon vollzogen; wohl oder übel hat er sich d a m i t a b er d em g e s a m m te n Gl a u b en sleben der Menschheit entzogen. Der Jude, in d e s se n Nam e wir doch allein hier zu sprechen haben, (das bitten wir nicht zu vergessen!) wird in s einem c i g ene n G!anben weder die Gotteseinheit, noch den Glauben an die Unsterblichkeit, noch den steten Hinweis auf den sittlichen Kern aller Menschenpflichten vermissen. Im He er es lag er Egidy's aber wird er die unzähligen beseelige nd en und erhebenden Eindrücke nicht finden, mit denen ihn schriftliche und münd l iche Le h re von jeher umgeben hat, und er wird und muß sich sel bst verlieren. Nicht zum ersten Male tönt der Lockruf an unser Ohr — nur ist Israel durch seinen großen geschichtlichen Weg gewitzigt worden, nicht edle Schätze für Flittergold fortzuwerfen. Selbst gegen unfern eigenen Willen hat sich die Gotteslehre in uns festgesetzt, und wir werden sie in ihrer unwägbaren Größe getreulich weiter bewahren. Sie war von jeher die Erzeugerin der heilsamsten Gedanken, die der Menschheit zu Gute kamen, und sie muß cs znm Heile derselben bleiben.

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